Ausverkauftes Literaturhaus gestern in München bei Michel Houellebecq

Literaturhaus-Chef Reinhard Wittmann stellte persönlich noch Stühle in die letzten freien Ecken des völlig überfüllten Saals, bevor der Münchner Germanist Prof. Dr. Clemens Pornschlegel und Jun.-Prof. Dr. Erdal Toprakyaran (Lehrstuhl für Islamgeschichte und Gegenwartskultur an der Universität Tübingen) unter der Leitung von WELT-Redakteur Tilman Krause den Roman aus ihren unterschiedlichen Perspektiven besprachen.

Im Foto von l.n.r. Thomas Loibl, Clemens Pornschlegel, Tilman Krause, Erdal Toprakyaran, Reinhard Wittmann

»Witzig, boshaft, komplex« befand Krause. »Frankreich hat ein Problem mit sich selbst« – so spitzte der Frankreich-Kenner Pornschlegel die Einschätzung zu. Unterwerfung sei kein Buch über den Islam, sondern Houellebecq lege den Finger auf die große Wunde, die das Land heute quält: die vom Volk völlig abgeschiedene Politikerkaste und das korrupte Mediensystem. Zu viele fühlen sich nicht mehr vertreten – daher der wachsende Stimmenerfolg des Front National, der z. B. in einer Stadt, die früher vom Automobilbau gelebt hat, 60% der Wähler gewinnt.

Das Buch sei keinesfalls islamophob, sondern amüsant, konstatiert Toprakyaran, allerdings sei richtig beobachtet, dass eine Re-Islamisierung (wie in der Türkei unter Erdogan) zuerst an den Bildungseinrichtungen ansetzt. Der Schauspieler Thomas Loibl brachte den Zuhören Houellebecqs ratlosen Protagonisten durch gut gewählte Passagen sehr nahe – schließlich sind nicht nur die Franzosen verunsichert, stehen wir nicht alle in »unseren westlichen und noch sozialdemokratischen Gesellschaften« oft ratlos vor Fragen, unsere Zukunft betreffend, die jetzt beantwortet werden müssen?

Fazit: „Keine überzeichnete Zukunftsvision, sondern eine Kritik am Frankreich von heute“.

{Ulrich Störiko-Blume]

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