avj-Praxisseminar: Auf den Spuren der geheimnisvollen Altersgruppe 12+

Rund 40 Teilnehmer diskutierten vom 29. April bis zum 1. Mai in Fulda beim 27. Praxisseminar der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj) über das Thema „Altersgruppe 12+“. Wer ist das, wie erreicht man sie, und wie hält man sie bzw. bringt sie in die Buchhandlungen und zum Lesen? Das fragten sich Buchhändler wie Verlagsmitarbeiter. Sie erhielten Impulse in mehreren Referaten und pflegten wie immer einen regen Erfahrungsaustausch (s. unsere Bildergalerie).

Erfahrungsaustausch beim 27. avj-Praxisseminar

Unter der gut organisierten wie gut gelaunten Seminarleitung der avj-Vorstandsvorsitzenden Renate Reichstein und avj-Geschäftsführerin Margit Müller blieb das stramme Programm stets im Zeitplan. Diplompsychologe und Berater Clemens Fach sprach in seiner „Key Note“ über „Das A und O – die Kundenbindung“. Einer seiner Leitsätze: „Der Kauf ist erst beendet, wenn der Kunde wiederkommt.“ Er riet dazu, die eigene Buchhandlung daraufhin zu überprüfen, ob sie so eingerichtet sei, dass Jugendliche dort verweilten. „Ich möchte nicht in ein Warenwirtschaftssystem reinstolpern, wenn ich eine Buchhandlung betrete“, erklärte Clemens Fach, und nannte als positives Beispiel das Landkartenhaus in Freiburg, 2007 als Buchhandlung des Jahres ausgezeichnet, [mehr…]): weil man sich dort als Kunde gut aufgehoben fühle.

Clemens Fach

Ein weiteres Lob ging an einen Starbucks-Laden in Amsterdam, wo u.a. Bücher und Wollmützen das Ambiente ergänzen. „Schaffen Sie den Jugendlichen einen Ort, an dem Sie Freunde werden können“, so Clemens Fach.
Eine weitere Fragestellung: „Kommen wir mit den Jugendlichen ins Gespräch?“ Die Jugendlichen mit einzubeziehen, z.B. bei Besprechungen, sie vom konsumierenden in einen kreativen Prozess mitzunehmen, könnte ein Weg sein, um mit ihnen im Gespräch zu bleiben.

Das Gespräch mit der Zielgruppe suchten die Teilnehmer des avj-Praxisseminar dann am Freitag Nachmittag: Schüler der achten Klassen einer Gesamtschule aus Fulda kamen in Begleitung ihrer Deutsch- und Englischlehrer und stellten sich den Fragen der neugierigen Buchhändler und Verlagsmitarbeiter. Vom Büchertisch griffen einige von ihnen spontan zu einem Band, in dem es ums Manga zeichnen ging und zu Bruder von Luder (Loewe) des YouTube-Stars DieLochis. Aber auch zu Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance (Fischer KJB) von Estelle Laure, weil es sich anhöre, als gäbe es ein Happy End.

Es entwickelte sich ein Austausch, bei dem u.a. klar wurde, dass Verlagsnamen kaum eine Bekanntheit und ebensowenig eine Bedeutung für die junge Zielgruppe haben. Vielmehr orientieren sich die Schüler nach ihren Aussagen an den Autoren, die sie schätzen, und Handlungen, die sie interessieren. In Fulda sehen sie sich vor allem bei Thalia um, in einer größeren Buchhandlung habe man eine größere Auswahl – so wie man auch eher in eine Eisdiele gehe, die 50 Sorten habe als in eine, die deutlich weniger verkaufe.

Weitere Aussagen der Schüler aus Fulda:
„Meine Eltern würden so viel Geld ausgeben wie möglich, damit ich etwas lese.“

„Wenn ich ein Buch haben möchte, kaufe ich mir das von meinem Taschengeld, das hat nichts mit meinen Eltern zu tun.“

„Ich gebe mein Geld für Mangas aus, momentan habe ich etwa 400.“

„Wenn ich ein Buch unbedingt haben will, sage ich einfach, das ist für die Schule.“

„Ich kaufe selten Bücher, ich leihe sie eher aus.“

„Wenn ich ein Buch lesen will, dann lese ich es und achte nicht auf Altersbegrenzungen.“

„Ich interessiere mich eher für die Handlung, ob die Hauptperson 18 oder 13 ist, ist nicht so wichtig.“

„Wenn das Mädchen in einem Buch nur Mädchensachen macht, dann wird es langweilig.“

„Aus dem Alter, in dem in einem Buch keiner mehr sterben darf, sind wir raus.“

„Ich finde, wenn in der Mitte von einem Buch jemand stirbt, ist das nicht so schlimm, als wenn am Ende beide Hauptfiguren tot sind.“

„Wenn das Buch kein Happy End hat, denkt man vielleicht länger drüber nach.“

„Ich bin eher ein Typ, der ein Happy End lieber hat, aber das hat nichts mit meinem Alter zu tun.“

„Ein Cover sollte nicht alles verraten.“

„Wenn er ein guter Autor wäre, dann wäre er Autor geworden und nicht YouTuber.“

„Bei einem Buch gehören auch ein paar Bilder dazu, dann kann man sich manche Sachen besser vorstellen.“

„Ich finde Bilder im Buch nicht so gut, weil man eine eigene Vorstellung von einem Charakter hat, und die Bilder machen das kaputt.“

„Leseproben, die im Buch liegen, nimmt man eher wahr.“

„Werbung in den Buchhandlungen finde ich nicht so gut, denn dafür muss man erst in die Buchhandlung reingehen.“

„Bei einer großen Buchhandlung gibt es immer Sitzgelegenheiten, und ich nehme mir immer viel Zeit, wenn ich mir ein Buch kaufe.“

„Kostenloses WLAN lenkt eher ab, und die Leute kommen dann nur, um sich zu bedienen.“

„Dann kann ich auch gleich zu Hause bleiben, da habe ich auch freies WLAN und Steckdosen.“

Der Abend diente dann wie der folgende dem Erfahrungsuntertausch unter Kollegen. Susanne Lux, Buchhandlung Nimmerland in Mainz, konnte sich über eine Urkunde zur 10. Teilnahme an einem avj-Praxisseminar freuen – die nächste Teilnahme ist für sie kostenlos: das Partie-Seminar.

Theresa Plankenhorn

Theresa Plankenhorn, Referentin für Medienforschung an Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg stellte am Samstag Morgen Ergebnisse der JIM-Studie 2015 vor, die sich damit beschäftigt, wie Jugendliche Medien nutzen – sie ist kostenlos als pdf downloadbar oder als Broschüre zu bestellen: http://www.mpfs.de/?id=676.

Einige Zahlen und Erkenntnisse daraus: 92 Prozent der Jugendlichen haben eigenes Smartphone, 76 Prozent einen eigenen Computer/Laptop, 57 Prozent einen Fernseher im eigenen Zimmer und 29 Prozent ein eigenes Tablet – Handy, Smarphone und Internet liegen also ganz weit vorn bei der regelmäßigen Medienbeschäftigung in der Freizeit.

36 Prozent der befragten Jugendlichen gaben aber auch an, regelmäßig gedruckte Bücher zu lesen, E-Books nannten fünf bis sechs Prozent. Jedem zweiten ist es wichtig oder sehr wichtig, Bücher zu lesen (62 Prozent bei den Mädchen, 39 Prozent bei den Jungen), und das Zeitbudget liegt bei täglich 63 Minuten. Das ist gegenüber Internet, Fernsehen und Radio die kürzeste Zeit, bleibt aber konstant – wohin gegen das Radio verliert.

Im Plenum wurde dann über gelungene und misslungene Aktionen im Bereich Jugendbuch diskutiert. Ein Thema waren Leseproben-Hefte, die von den meisten Buchhändlern als positiv für den Verkauf eingeschätzt wurden. Karin Wolfgang, Buchhandlung Nimmerland in Mainz, riet: „Gehen Sie in die Arztpraxen, und bringen Sie dort Leseproben mit dem Stempel Ihrer Buchhandlung vorbei“, Sylvia Mucke vom Eselsohr empfahl ergänzend, auch über umliegende Cafés neue Kunden zu erreichen.

Ein Exkursionsfund: Werbung am Mediamarkt

Am Nachmittag schwärmten die Seminarteilnehmer in die Stadt aus und hielten Angebote von Einzelhandelsgeschäften fotografisch fest, die Jugendliche ansprechen könnten – oder auch nicht. Einig waren sich die Gruppen nach ihrer Präsentation, dass man das Angebot für Jugendliche in Fulda noch verbessern könnte.

Am Sonntag Vormittag rundeten dann zwei Vorträge das Seminar ab: Maren Bonacker, Journalistin und Lesepädagogin an der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar, stellte Bücher für die Altersgruppe 12+ vor und schickte voraus: „Jugendliche sind zu keiner Zeit so unterschiedlich wie in diesem Alter – das könnte ein Grund sein, warum es schwierig ist, Bücher für sie zu empfehlen.“

Maren Bonacker

Was in der Phantastischen Bibliothek immer ausgeliehen sei: die Warrior Cats-Bücher von Erin Hunter bei Beltz & Gelberg. Beliebt seien außerdem die Zombie Goldfisch-Titel von Mo O’Hara bei Egmont Schneider, die auch noch für Siebtklässler geeignet seien, wenn man ihnen sage: „Das würde ich dir gern empfehlen, aber deine Eltern finden das nicht gut.“

Einen Titel über das Thema Mobbing hob Maren Bonacker hervor: Miese Opfer (Oetinger 34). Als sie ihn in einer Halle vor Siebtklässlern vorgestellt habe, hätte der Titel anhaltenden Applaus von ihnen bekommen – „was mir noch nie passiert ist“.

Ein „sophisticated Must-have-Stand-alone“ sei Die Spur ins Schattenland von Jonathan Stroud, demnächst bei cbj als Taschenbuch wieder lieferbar. Und eine besondere Empfehlung war auch Das Nest (Dressler) von Kenneth Oppel.

Comic-Experte Johannes Rüster gab zum Abschluss noch einen Überblick über Theorie und Geschichte des Comics, streifte auch das Thema Manga, und empfahl u.a. die Comics Bone (Tokyopop) von Jeff Smith, Ein Sommer am See (Reprodukt) von Jillian und Mariko Tamaki sowie Weltraumkrümel (Reprodukt) von Craig Thompson.

Margit Müller, Renate Reichstein

Das nächste avj-Praxisseminar findet vom 12. bis zum 14. Mai 2017 wieder in Fulda statt.

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