Das Gebrauchtbuch wird salonfähig, darunter massenhaft Mängelexemplare, entstanden durch Retouren des Sortiments – ans Barsortiment! Von dort gehen sie zum Elbe-Team…

Kein schöner Begriff, die „Neue Armut“. Im Gegensatz zur „alten Armut“, bei der die Menschen Not litten an Nahrung und Bekleidung, ist die „Neue Armut“ damit definiert, dass Menschen auf Dinge verzichten müssen, die ihnen zu teuer oder nicht unverzichtbar sind. In diese Kategorie fallen offenbar neue Bücher. Die meisten Kollegen haben davon schon schmerzhaft Kenntnis nehmen müssen.

Wie decken diese Kunden ihren Bedarf ? Die Buchhändler oder Warenhaus-Buchabteilungen, die mit MA handeln, können von Umsatzzuwächsen dieses Segments berichten.

Nun gibt es eine neue Vertriebsschiene, die offenbar professionell ausgebaut werden soll. Das gebrauchte Buch wird salonfähig gemacht und wieder verkauft. Das tun Antiquare schon lange, aber mit so jungen Büchern und dazu noch mit Belletristik oder Jugendbüchern eher nicht.
Wie soll das nun ablaufen und wer arbeitet damit? Wer auf den Internet-Seiten von Amazon-Marketplace, ZVAB oder Abebooks surft, dem fällt auf, dass sich hinter vielen Titeln ein Anbieter verbirgt, der www.elbeteam.de heißt. Bestellt man dort, hat man am nächsten oder übernächsten Tag das Buch in der Hand. Gebraucht, aber in Ordnung, oder ein Titel aus dem MA.
Die Fülle der Titel macht neugierig. Also fährt man nach Dresden. Die Firma liegt im Stadtteil Striesen-Ost, in der Spenerstrasse 35. Zuerst verblüfft das achtstöckige Gebäude, in dessen Erdgeschoss man eine gut eingerichtete Buchhandlung von ca. 700 qm findet.

Es ist ein Montag Vormittag, es sind Kunden da und man wird von buchhändlerischen Fachkräften bedient. Im Vordergrund Harry Potter 5 – gestapelt, versteht sich. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass es sich bei der Masse der angebotenen Bücher um preisgeminderte Ware handelt. Hier dominiert noch das MA. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied zu einschlägigen Mitbewerbern. Die Fläche erlaubt es, das MA nach Segmenten zu präsentieren. Also ist das Taschenbuch nicht geschüttet zum Einheitspreis von ¤ 1.99 oder 2.50, sondern sortiert nach Gebieten wie Geschichte, Reiseerzählungen, Biographien u.a.

Alle Bücher orientieren sich preislich am Original-Preis, also ist ein TB mit ehemals ¤ 12.90 auch herabgesetzt teurer als eines, das ¤ 8.90 gekostet hat. Danach liegt die Masse der neuen Verkaufspreise der TB zwischen ¤ 2.50 und 4.90. Genauso werden die HC gehandhabt. Der höchste Ladenpreis in dieser Buchhandlung ist lt. Auskunft der Geschäftsleitung ¤ 7.95!

Insgesamt ist das Angebot überraschend und auch exklusiv. Denn nirgendwo gibt es so viele „Mängelexemplare“ wie hier.

An fünf Computern werden die Kunden bedient. Sie dienen vornehmlich nicht der Disposition beim Barsortiment, sondern der Abfrage nach vergriffenen Büchern im eigenen Lager. Dieses Lager ist in den Stockwerken über der Buchhandlung. Primitive, aber zweckmäßige und stabile Regale durchziehen die Etagen, angefüllt mit ca. 1,5 Mio Büchern. Nach numerischen Kriterien gelagert, steht Taschenbuch neben wissenschaftlichem Werk, Kinderbuch neben Klassikern und so fort.

Alle Titel sind erfasst und abrufbar, die meisten stehen auch im Internet. Täglich kommen neue Bestände hinzu – aus Haushaltauflösungen, privaten Ankäufen, Spenden oder Reste aus aufgegebenen Buchhandlungen oder Bibliotheken.

Jetzt ist es an der Zeit, die Geschichte des Unternehmens zu erklären. Der Norddeutsche Peter Wölki lernte während seiner Tätigkeit in Polen Mitte der Neunziger Jahre Anita Tygielska kennen. Mit ihr ging er 1996 nach Dresden, wo man sich zunächst dem Gebrauchtwaren-Handel widmete. Nach der Wende gab es im Osten vieles, wovon sich die Menschen trennen wollten. Das Geschäft florierte und es wurden vorwiegend behinderte Mitarbeiter eingestellt. Im Dezember 1997 wurde dann aus der Firma der Förderverein „Brücke zur Arbeit“. Er sollte der Reintegration Behinderter, Jugendlicher und Langzeitarbeitsloser dienen.

Es wurde ein großer Erfolg. Binnen kurzen hatte man 40 Mitarbeiter, davon 70 % Behinderte. Das ZDF drehte einen Film, („Das Warenhaus der Erinnerungen“). Der Bekanntheitsgrad, der hohe Lagerumschlag u.v.a. führte zur Aberkennung der Gemeinnützigkeit des Vereins, die Förderanträge verzögerten sich und das Unternehmen ging 1999 in die Insolvenz.

Im April 2000 wurde die Elbe-Team Warenhandels-und Dienstleistungs-GmbH gegründet. Das neue Unternehmen hatte aus den Beräumungen von Wohnungen u.a. etwa 300.000 Bücher unsortiert in Kisten und Kartons übernommen. Auf diesen Teil konzentrierte man sich nun. Im November 2001 trat der jetzige Projektleiter Peter Wölki erneut ein und übernahm Organisation, Marketing, Vertrieb und Einkauf. Anita Tykielska fungiert als Geschäftsführerin und ist für Finanzen und Controlling zuständig.

Der Erfolg kehrte zurück und die Firma, die heute von den Büchern lebt, beschäftigt derzeit 178 Mitarbeiter, davon 43 % Behinderte. Man sieht sie kaum. Dennoch sind sie da. Sie sitzen vor Computern und geben Titel ein, kommissionieren Aufträge im Lager und verpacken die Bücher. In allen Abteilungen arbeiten Behinderte mit Nichtbehinderten zusammen. Seit Jahren.

Wie erwähnt, werden alle Titel in das Internet gestellt. Pro Tag etwa 6 – 7.000 Titel. So sind gegenwärtig 1,2 Mio Bücher im Angebot, in 254.000 Titeln sortiert.

Und jede Menge „neuer“ alter Titel warten auf Bearbeitung und Einstellung. Ist ein Titel neu noch lieferbar, erscheint z.B. bei Amazon noch ein Hinweis, dass dieser Titel auch „gebraucht“ zu einem günstigeren Preis bezogen werden kann. Ein Bewertungssystem gibt Auskunft über den Zustand und den Preis.
Täglich werden über verschiedene Internet-Kanäle 3.500 gebrauchte und 400 neue Titel bestellt. Nun wundern sich Kollegen, dass oft relativ junge Titel neben der Originalausgabe billiger angeboten werden. Das sind dann Mängelexemplare. Sie entstehen durch Retouren der Buchhändler ans Barsortiment. Dort werden sie nicht dekommissioniert oder an den Verlag retourniert, sondern gehen nach Dresden. Gegen Monatspauschale. Für den Großhändler eine interessante Variante, zumal Verlage für die sogenannte „körperlose“ Remission Gutschriften erteilen. Mit diesen Angeboten füllt man den Bereich „Gebrauchtbuch“ auf.

Der Erfolg der Firma beruht auf einem Bedarf, der bisher von niemanden erkannt wurde. Deshalb soll diese Schiene ausgebaut werden. Ziel sind 100 stationäre Läden, die unter dem Namen „Welt des Buches“ auftreten. Hier wird es neben den preisgeminderten Büchern die Sonderausgaben der MA-Verlage und als reguläre Ware die TOP 70 des LIBRI-Barsortimentes geben.
Im Dezember wurden Läden in Coswig (bei Dresden), Hamburg und Dresden (2 x) eröffnet. Im ersten Quartal folgen dann Tübingen, Zeitz, Görlitz, Pirna und Freital.

Es wird sich lohnen, die Entwicklung dieser Sparte zu beobachten. Es wird, wie immer, Nachahmer geben. Auch etablierte Buchhändler wie Hugendubel feilen schon an solchen Konzepten. Die Hugendubel-Filiale in der Karl-Marx-Strasse in Berlin-Neukölln nimmt gebrauchte Bücher der Kunden in Zahlung. Allerdings beschränkt man sich hier auf Belletristik und Kinderbücher im HC-Bereich. Guterhaltene TB werden ebenfalls akzeptiert.
Der hierfür ausgegebene Gutschein wird beim Neukauf von Büchern an der Kasse in Zahlung genommen. Der Ankaufpreis für gebrauchte Bücher richtete sich in der Anfangsphase des Experiments nach der Seitenzahl, die mit einem Cent vergütet wurde. Nach oben war es jedoch auf € 2,50 begrenzt. Das hat sich als nicht praktikabel erwiesen. Man bewertet jetzt unabhängig von der Seitenzahl nach Autor, Thema und Wiederverkäuflichkeit.

Der Test läuft seit einigen Monaten und ist erfolgreich. Dieses neue Segment besetzt nach MA und TB-Abteilung bereits die 3. Position im Umsatzvergleich der Abteilungen. Die Kalkulation liegt im gewohnten Durchschnitt. Zu berücksichtigen ist allerdings die soziologische Struktur von Neukölln, wo nicht gerade die Besserverdienenden wohnen.
Auch für die Verlage ergeben sich neue Überlegungen, wenn der Gebrauchtbuch-Markt größer wird. Es darf hier die Frage gestellt werden, ob speziell die TB-Verlage mit Verkaufspreisen von teilweise weit über 10 Euro diese Entwicklung nicht sogar fördern und sich damit langfristig schaden. Ein Nachdenken wäre angebracht.

Heino Hanke

BuchMarkt 1/2004

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