Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS) zur Gemeinsamen Erklärung der Schulbuch- und Jugendbuchverlage

Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache hat sich der Aufgabe gestellt, die Reformdiskussion auf der sachlichen Ebene zu führen, die immer wieder eingefordert wird.

Die Namen der Beiräte dieser Gruppe stehen für diesen Anspruch: Dieter Borchmeyer, Gertrud Höhler, Theodor Ickler, Helmut Jochems, Friedhelm Kemp, Walter Kempowski, Werner von Koppenfels, Gustav Korlén, Hans Krieger, Burkhart Kroeber, Reiner Kunze, Adolf Muschg, Sten Nadolny, Herbert Rosendorfer, Bernd Rüthers, Rafik Schami, Albert von Schirnding, Wieland Schmied. Deren Arbeit wird von zahlreichen weiteren Schriftstellern und Sprachwissenschaftlern unterstützt, so den Unterzeichnern der Frankfurter Erklärung von 2003, und den deutschen Akademien der Künste, deren Initiativen wir initiiert bzw. mitbetrieben haben. Diese Gruppe hat uns eine
Erklärung zur gestrigen Erklärung der Bildungs-und Jugendbuchverlage [mehr…] gesandt:

Stellungnahme der Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS) zur Gemeinsamen Erklärung der Schulbuch- und Jugendbuchverlage

10. März 2004

Es ist immer wieder erstaunlich, daß in der Diskussion um die Rechtschreibreform unter „Sachlichkeit“ ausschließlich verstanden werden soll, daß man mit der neuen Rechtschreibung auf Biegen und Brechen leben muß und es als völlig ausgeschlossen gilt, bei der nicht reformierten Rechtschreibung zu bleiben – also dem Zustand, den wir als Rechtschreibwirklich-keit trotz der Reform nach wie vor haben (private und öffentliche Buchbestände, Schreibpraxis und Schreibkompetenz der Bevölkerungsmehrheit). Eine „Wende zur Sachlichkeit“ könnte doch gerade darin bestehen, daß man sich einmal in aller Ruhe die Frage stellt, mit welchen Vor- und Nachteilen es verbunden wäre, wenn man auf weitere Bemühungen um eine Reformierung unserer Orthographie schlicht und einfach verzichtet und sich weiterhin der Rechtschreibung bedient, die in den letzten 100 Jahren nicht annähernd so viele Probleme bereitet hat wie die Reformorthographie in nur sieben Jahren ihrer Versuchsstrecke. Ein solcher Verzicht und eine Besinnung auf das, was sich bewährt hat, wäre doch ganz ohne Zweifel die sicherste Garantie für die von den Verlagen völlig zu Recht geforderte und notwendige Planungs- und Investitionssicherheit. Weitere Nachbesserungen der Reform sind angesichts ihres experimentellen Charakters und ihrer Unausgereiftheit garantiert unvermeidlich, entsprechend werden auch laufende Folgekosten in den Verlagen nicht ausbleiben, wenn man weiterhin an ihr festhält. Welche Unsummen in den vergangenen Jahren diejenigen Verlage gespart haben, die bei der angeblich „alten“ Rechtschreibung geblieben sind, hat die „Gemeinsame Erklärung“ eindrucksvoll vor Augen geführt.

Bedenklich ist jedenfalls, daß ausgerechnet diejenigen Verlage, die eine eminent große Mitverantwortung für die Qualität der Schulbildung in unserem Lande mittragen, aus rein kaufmännischen Erwägungen (so berechtigt und notwendig diese ohne Zweifel sind) bereit sind, in der Schul- und Jugendbuchliteratur eine Rechtschreibung festzuschreiben, von deren Unzulänglichkeit und Fehlerhaftigkeit sich jeder Zeitungsleser tagtäglich überzeugen lassen muß. Unsere Kinder – zu deren Wohl das alles doch wohl angeblich geschieht – sollen nach ihrer Überzeugung mit einer Rechtschreibung aufwachsen, die von so gut wie allen namhaften deutschen Schriftstellern und den deutschen Akademien der Künste und Wissenschaften energisch abgelehnt wird, und die nach Einschätzung der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung noch nicht einmal die „zweitbeste“ ist. Der heranwachsenden Jugend soll zugemutet werden, in der überlieferten deutschen Literatur lauter Rechtschreibfehler vorzufinden, von Rilke bis Grass, von Hesse bis Nadolny oder Handke. Mit Verantwortungsbewußtsein oder gar verlegerischer Professionalität hat das nur noch wenig zu tun.

Jedenfalls wäre es für die Lösung des Problems hilfreicher, sich über die sachlichen Argumente auszutauschen, als sich gegenseitig die offenbar leider unvermeidlichen polemischen Ent-gleisungen vorzuhalten. Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache steht für eine solche Diskussion gerne zur Verfügung.

Kontakt: oreos@t-online.de

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