Heute: Georg Reuchlein – Lektor von Christoph Peters

Georg Reuchlein

Wer eigentlich hat Christoph Peters’ neuen Roman Mitsukos Restaurant lektoriert? – Die Frage nach „dem oder der dahinter“ treibt viele Buchhändler immer wieder um. Anlass genug für buchmarkt.de, sich um diese Berufsgruppe, die ja hauptsächlich im Hintergrund wirkt, zu kümmern. In regelmäßiger Folge stellen wir an dieser Stelle Macher vor, die dafür sorgen, dass uns der Lesestoff nicht ausgeht

Georg Reuchlein heißt der Mann, der Peters betreut hat. Hier stellt er für uns den Roman vor.

Der Lektor
Georg Reuchlein studierte in München Germanistik, Politologie, Geschichte an der LMU München und begann nach einem Volontariat im Carl Hanser Verlag 1985 als Nachwuchslektor bei Goldmann. Er verantwortet heute die Programme von u.a. Goldmann, btb und Luchterhand und betreut daneben die Werke von Autoren wie z.B. Christoph Peters, Henning Boëtius oder Kerstin Duken.

Das Buch
Es gibt nicht viele jüngere deutschsprachige Romanautoren heutzutage, die die Kunst der Komödie beherrschen: Im Zeitalter der Comedy sind der Kalauer und die Klamotte vertrauter als das raffinierte Spiel mit feiner Ironie und hintersinnigem Humor. Immerhin, spontan fallen einem dann doch eine Handvoll Autoren ein, Daniel Kehlmann („Ich und Kaminski“) zum Beispiel, Marcus Braun („Hochzeitsvorbereitungen“) oder Daniel Glattauer („Gut gegen Nordwind“). Dass auch Christoph Peters zu diesen Autoren zu zählen ist, hätte man schon an seinem Debüt „Stadt Land Fluss“ vielleicht ablesen können, aber nach den beiden letzten Romanen „Das Tuch aus Nacht“ und „Ein Zimmer im Haus des Krieges“ nicht unbedingt erwartet. Jetzt freilich hat er mit seinem vierten Roman „Mitsukos Restaurant“ eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er auch ein Meister des Komischen ist.

In einem rustikalen Vereinsheim, irgendwo tief in der mittelrheinischen Provinz, entdeckt der einigermaßen verkrachte Gelegenheitsschauspieler Achim Wiese – ein moderner Nachfahre von Eichendorffs Taugenichts, wenn man so will – Anfang der neunziger Jahre ein japanisches Spezialitätenrestaurant. Achim hegt, wie sein zielstrebigerer Jugendfreund Wolf, der dabei ist, als Schönheitschirurg Karriere zu machen, seit Jahren schon ein ausgeprägtes Faible für alles Japanische, und so ist es kein Wunder, dass ihn das Restaurant vom ersten Augenblick an fasziniert. Vor allem aber fasziniert ihn Mitsuko, die genialische Köchin, und wie Achim dieser ihm in vielem so fremden Frau verfällt, wie er sie mit seinem angelernten Halbwissen über japanische Kultur zu beeindrucken und erobern versucht, wie er die eine große Chance auf eine Liebesnacht mit ihr grandios vergeigt, wie er bis zum Schluss von seinen weltfremden romantischen Projektionen nicht zu kurieren ist und sich immer wieder von neuem zum Narren macht, das hat schon großes komisches Format.

Natürlich begnügt sich Christoph Peters nicht mit der bloßen romantischen Burleske. Es ist unschwer zu erkennen, dass es auch in „Mitsukos Restaurant“ – wie schon in den früheren Romanen des Autors – ganz wesentlich um den Zusammenprall gegensätzlicher Kulturen geht, um die Reibungsflächen zwischen Orient und Okzident, um die Faszination des Anderen und die Schwierigkeit, wenn nicht gar Unmöglichkeit, fremde Lebenswelten und Traditionen auch nur annähernd zu verstehen und ihnen wirklich nahe zu kommen. Aber dass Peters sich diesem großen Thema hier so humorvoll, hintersinnig und scheinbar leichthändig nähert, das hat mich denn doch überrascht, als ich, vor ungefähr zwei Jahren vielleicht, die ersten Kapitel des Manuskripts zu lesen bekam.

Wie alle großen Komödien lebt „Mitsukos Restaurant“ von einem ausgeprägten Sinn für das „Timing“ und die Dramaturgie und von dem virtuosen Spiel mit Klischees und Erwartungen, mit Stereotypen, Vorurteilen und, vor allem, Gegensätzen, wie sie schon in dem titelgebenden Schauplatz selbst angelegt sind. Und wie Christoph Peters hier tiefste Provinzialität und fernöstliche Exotik, dumpf-deutsche Kleinbürgerlichkeit und jahrhundertealte japanische Raffinesse, Tradition und Rebellion, einfache Leute und das große Geld, ästhetischen Dilettantismus und wahres Künstlertum, sinnliches Begehren und naive romantische Schwärmerei, sublimierte Leidenschaft, heiße Liebe, blinde Eifersucht und jegliche sonstigen Irrungen und Wirrungen der Liebe aufeinanderprallen lässt, das ist von einem wunderbaren Charme und Witz und einer hierzulande seltenen Vergnüglichkeit.

Christoph Peters, der in Karlsruhe Malerei studiert hat, hat sich lange mit japanischer Kunst beschäftigt, und ich denke, man kann ihn einen Kenner auf diesem Gebiet nennen. Für das Hetjens-Museum in Düsseldorf hat er einen kleinen Führer zur japanischen Keramik verfasst, die auch in „Mitsukos Restaurant“ eine große Rolle spielt. All dieses Wissen ist in das Buch eingeflossen, aber der Roman ist keinen Augenblick theorielastig oder trocken. Ganz im Gegenteil.

Wer Christoph Peters kennt, weiß im übrigen, dass er ein ebenso vorzüglicher wie leidenschaftlicher Koch ist. Diese Begeisterung für exquisite Gerichte und kulinarische Raffinesse spürt man auf jeder Seite dieses Buchs. Kein Wunder, dass einem bei der Lektüre mitunter das Wasser im Mund zusammenläuft. Kein Wunder, dass es ein nachgerade köstlicher Roman geworden ist, eines der lustvollsten und sinnlichsten Bücher, die ich kenne. Das reinste Lesevergnügen eben. Unbedingt empfehlenswert.

Bibliographie:
Christoph Peters
Mitsukos Restaurant
Roman
Luchterhand Literaturverlag, München, 2009
ISBN 978-3-630-87273-5
€ 19,95

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.