Kein Märchen – ein Roman: Michael Köhlmeier stellt „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ in München vor

Michael Köhlmeier

Münchens Literaturhaus-Chef Dr. Reinhard Wittmann stellte Michael Köhlmeier als „den exemplarischen Literaturhaus-Autor“ vor – alle seine neuen Bücher seien hier der Öffentlichkeit vorgestellt worden, nicht zuletzt wegen seiner außergewöhnlichen Vortragskunst.

Moderator Dieter Heß vom Bayerischen Rundfunk empfand das neue Buch „wie vom Himmel gefallen in unsere Welt voller globaler Ungerechtigkeit“. Köhlmeier stellte aber gleich klar, dass er mit diesem Buch nicht auf ein aktuelles Thema aufspringen wollte, das Manuskript sei bereits 2014 abgeschlossen gewesen und beruht ganz wesentlich auf seinen Studien zu den „Wolfskindern“ nach dem Ende des 2. Weltkriegs im Baltikum, also elternlose Kinder, die sich durchschlagen mussten.

Immer wieder angesprochen auf das Mädchen mit den Schwefelhölzern von Hans-Christian Andersen, auch auf Hänsel und Gretel der Brüder Grimm, konterte Köhlmeier mit der Aufforderung, diese Geschichten nicht als Märchen, sondern als Sozialreportagen zu sehen. Dabei ist er ein großer Verehrer des „Grimm´schen Sounds – das Schönste seit Schubert“ und empfiehlt, immer wieder Huckleberry Finn zu lesen. Nein, keinesfalls wolle er dieses Buch als einen moralischen Appell verstehen: „Ich bin ein moderner und aufgeklärter Mensch, aber Literatur sollte erzählen. Warum sollte ein Schriftsteller mehr über Moral zu sagen haben als ein Bäcker?“

Das Wort „Flüchtling“ kommt im ganzen Buch nicht vor. Köhlmeier hat nicht eine exemplarische Flüchtlingsgeschichte als Storyboard entworfen, sondern er folgt einem alleingelassenen sechsjährigen Mädchen durch die Eiseskälte einer winterlichen Großstadt mit der einen Hoffnung im Herzen, dass sie bis zum Frühling überleben möge. So viel sei verraten: das gelingt auch. Trotzdem ist dieser Roman eine Tragödie, denn niemand trägt eine Schuld und alle wollen auf ihre Weise Gutes tun.

Es war sehr still im großen Saal des Literaturhauses, wenn Köhlmeier mit seinem angenehmen vorarlbergerischen Timbre las. Am Ende wurde es dann doch noch politisch. Wenn die Politiker raunen, man müsse die Ängste der Menschen ernst nehmen, stelle sich doch die Frage, wer eigentlich Angst haben müsse? Doch wohl diejenigen, deren Unterkünfte in Brand gesteckt werden. Niemand werde aus Angst zum Rassisten, der es nicht schon vorher war. Und dann kam Respekt für Angela Merkel und großes Lob fürs „Dahinwurschteln“ in der Politik. Die Charismatiker, die große Pläne für angeblich perfekte Lösungen versprechen, haben stets die größten Katastrophen angerichtet.

Der Abend endete mit allgemeiner Zustimmung zu Köhlmeiers Wunsch, einen Märchenabend zu veranstalten, Reinhard Wittmann hat das sicher für seine Nachfolgerin Tanja Graf notiert.
Ulrich Störiko-Blume

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