Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse: Nominierung für Osburg-Titel „Graf Goertz“ wieder zurückgezogen

Inzwischen spricht sich herum, dass der Osburg-Titel Graf Goertz. Der große Unbekannte. Eine Entdeckungsreise in die Goethezeit (Abb.) von Norbert Leithold für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert war, aber zwei Tage vor offizieller Verkündigung wieder rausflog. Wir haben bei Verleger Wolf-Rüdiger Osburg nachgefragt.

Stimmt es, dass der Titel nominiert war?

Wolf-Rüdiger Osburg: Ja, am 2.2. wurden wir vom Literarischen Colloquium Berlin

Wolf-Rüdiger Osburg:
„Warum überhastete Entscheidung?“

telefonisch informiert, dass der Titel für die Jury zu den fünf wichtigsten Novitäten zählte und für die Sachbuchkategorie des Leipziger Buchpreises nominiert worden sei.

Wie ging es weiter?

Das war natürlich eine sehr erfreuliche Nachricht. Zwei Tage später erhielten wir sie

Beinah auf der Liste…

hochoffiziell seitens der Leipziger Buchmesse schriftlich, verbunden mit allen Informationen zum Mediaplan etc. Wir haben sofort darauf reagiert, Aufkleber für alle Bücher gedruckt, die Auflage erhöht, unsere Plakate geändert u.v.m.

Aber er steht nicht auf der Liste. Was ist passiert?

Eine volle Woche nach dem ersten Anruf aus Berlin – und zwei Tage vor der nur noch deklaratorischen Verkündung der Nominierungen – erfuhren wir am Nachmittag des 9.2. von der Juryvorsitzenden Verena Auffermann, dass das Buch von der Liste genommen sei, nicht „werde“! Alles machte den Eindruck einer überhasteten und kurzfristigen Entscheidung.

Das muss doch Gründe gehabt haben?

Mündlich wurde uns zunächst mitgeteilt, dass der Autor 2007 in einem satirischen Roman unter dem Titel 2040, der übrigens nur in Exemplaren ausgeliefert wurde (vom Godewind Verlag aber ins Netz gestellt wurde), islamfeindliche Äußerungen getan habe – zumindest würde es so in Blogs diskutiert. Nachdem wir das Buch gelesen hatten, konnten allerdings weder wir noch der Literaturagent islamophobe Tendenzen erkennen. Später wurde uns mitgeteilt, die Person des Autos sei nicht preiswürdig gewesen. Beide Argumente sind nicht hinnehmbar.

Sie wittern andere Gründe?

Ich glaube, dass das Vorleben des Autors der Preisnominierung entgegenstand. Das macht die Entscheidung der Jury aber nicht besser. Der Autor hat unbestritten und von der Jury ja auch anerkannt ein hervorragendes Sachbuch geschrieben. Ich finde, Dinge, die mehr als zehn Jahre zurückliegen, dürfen einfach ein später geschriebenes Sachbuch nicht diskreditieren. Er steht dem Autor nach den Regeln unseres Rechtsstaates auch frei, diese Informationen auszubreiten oder sie für sich zu behalten.

Der Autor hat aber in der Tat eine bunte Vita…

Das ist richtig. Nach seiner Heirat nahm er den Namen seiner Frau an. Unter seinem Geburtsnamen Norbert Bleisch standen beachtliche literarische Anfangserfolge zu Buche, aber auch eine strafrechtliche Verurteilung zu zweieinhalb Jahren. Direkt nach der Wende veröffentlichte er bei namhaften Verlagen Romane wie Lord Müll, Kontrollverlust und Das Vierte Deutschland. Er galt als vielversprechendes literarisches Talent, zählte 1989 zu den Kandidaten für den aspekte-Literaturpreis und erhielt 1991 den Alfred-Döblin-Förderpreis. 1991 wurde er zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingeladen. Sein dort vorgetragenes Werk Baldsoweit folgte schon seinem anderen Betätigungsfeld und Anliegen, den Pornofilm in der Nachwendezeit zu ästhetisieren. Als er damals selbst Pornofilme drehte und dabei auch Jugendliche einsetzte, die hierfür Geld von ihm erhielten – und darin liegt die Strafbarkeit – wurde er vom Staatsanwalt gestoppt.

Aber der Autor hat sich gewandelt?

Norbert Leithold ist heute zu seinen Anfängen zurückgekehrt und arbeitet an Sachbuchthemen. Er ist ein großer Spurensucher. Sein lebendiger Erzählstil macht aus dem Graf Goertz eine hochinteressante Expeditionsfahrt zum unbekannten Grafen.

Die Angelegenheit bleibt deshalb obskur. Ein erst von der Jury hochgelobtes Buch wird kurzfristig von der Liste genommen. Da fragt man sich doch: Was ist in Leipzig geschehen? Warum am 9.2. diese Hektik? Wie ist diese Entscheidung zustande gekommen? Meiner Bitte übrigens, mir die Gründe für die „Denominierung“ schriftlich mitzuteilen, wurde bisher nicht genüge getan.

Die auf Grund der Nominierung geplanten Werbemaßnamen haben gekostet…

Die wird hoffentlich der Verkauf einspielen. Um den Verkaufserfolg des Buches machen wir uns im Verlag nämlich keine Sorgen. Es wird seinen Weg auch ohne die Nominierung machen. Es gehört zu dem Genre literarischer Sachbücher, die sich großer Zustimmung bei den Lesern erfreuen. Eine gelungene Mischung aus historisch fundiertem Hintergrund und Lesevergnügen. Außerdem ist das Thema ein ewig lockendes, Goethe und Weimar mobilisieren die Geister.

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.