Themenwelten und Meinungsaustausch beim 26. avj-Praxisseminar in Fulda

Mehr als 50 Teilnehmer trotzten an diesem Wochenende dem Streik der GDL und reisten zum 26. Praxisseminar der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj) nach Fulda. Buchhändlerinnen und Verlagsmitarbeiterinnen tauschten sich von Freitag bis Sonntag über „Themenwelten: Bücher, Medien, Nonbooks“ aus.

Dabei kamen zwei Sortimenterinnen in den Genuss eines „Partie-Seminars“: Eva Gerer, Buchhandlung Fabula], Wasserburg und Uschi Tritschler, Buchhandlung Stritter, Massenbachhausen, waren zum 11. Mal dabei – und deshalb diesmal eingeladen (s. auch unsere Bildergalerie am Ende dieser Meldung).

Partie-Stößchen: Renate Reichstein, Uschi Tritschler, Margit Müller, Eva Gerer

Das Programm war wie immer straff, und die Leiterinnen des Seminars Renate Reichstein, Vorsitzende der avj, sowie Margit Müller, avj-Geschäftsführerin, sorgten mit viel guter Laune für die nötige Disziplin beim Einhalten des Programmablaufs. Journalist und Autor Nicola Bardola gab einen Überblick über Themenwelten – inklusive des Gedankenexperiments, wie sich das Nonbook-Geschäft im Zeitalter des 3D-Druckers entwickeln könnte. Gabriele Lorenz-Schayer, Lorenz-Schayer Licensing, sprach über das Thema „Character stärken – Sogwirkung aufbauen“: „Character müssen optisch ansprechen und einzigartige Merkmale haben, da visuelle Faktoren 90 Prozent aller Kaufentscheidungen bestimmen.“ Inhalte sollten informieren und/ oder zum Träumen und Fantasieren einladen – Character sollten gute Geschichten erzählen, mit archetypisch positiv besetzten Helden.

Hanspeter Reiter, Dialogprofi, präsentierte Überlegungen zu den Voraussetzungen für ein erfolgreiches Merchandising. Kritische Erfolgsfaktoren seien: eine Aktion mit dem Verkauf zu verbinden, einen Anlass bzw. Kontext zu suchen (beispielsweise einen Film), alle Sinne anzusprechen, an ein Thema anzudocken (wie das Reisen beim Hasen Felix), zu überlegen, was für den Alltag passend ist, welchen Nutzen ein Produkt haben kann, wie affin es zum Buch und zur Buchhandlung ist sowie Abwechslung ins Spiel zu bringen.

Thema von Beraterin Gaby Marx war: „Alles? Nichts? Das richtige Maß des Angebots“. Sie riet: „Ergänzen Sie das Sortiment an Stellen, an denen sich daraus für den Kunden ein zusätzlicher Mehrwert ergibt.“ Das Buchsortiment sei erwarteter Standard, der Kunde erwarte mehr im Laden. Nonbooks könnten Online-Käufer in die Läden ziehen und ihre Verweildauer erhöhen. „Im Kinderbuch sind Nonbook-Anteile von 40 bis 50 Prozent unkritisch für Ihr Profil“, so Gaby Marx gegenüber den Sortimenterinnen. Weitere Empfehlungen: „Kaufen Sie keine qualitativ billigen Produkte ein“ und „Weniger ist mehr. Setzen Sie lieber wenige Produkte in größerer Stückzahl ein.“

Dekorateurin Sabine Gauditz und Hans Schmidt, Leiter des Thalia-Buchhauses Campe in Nürnberg, die gemeinsam die Agentur für visuelles Marketing Arte Perfectum betreiben, gaben Tipps zur Gestaltung von Themenwelten im Schaufenster. „Gute Schaufenster sind Einladungen“, erinnerten sie die Buchhändlerinnen, denn „das Schaufenster ist das erste Glied in der Kette, die zur Kaufentscheidung führt“. Hans Schmidt rief dazu auf, regelmäßig das eigene Schaufenster von der anderen Straßenseite zu betrachten und in verschiedenen Einstellungen zu fotografieren, um sich kritisch zu überprüfen. Sabine Gauditz plädierte dafür, Schaufenster nicht zu überfrachten – auch ein reines Image-Fenster, in dem überhaupt keine Ware liege, ziehe Kunden in den Laden. Oder umgekehrt: „Wenn Sie die Titel aus einem Fenster nicht gut verkaufen, heißt das nicht, dass das Fenster schlecht war – der Kunde ist vielleicht nur deshalb hereingekommen und hat etwas ganz anderes gekauft.“

Corinna Jeske, Bücher Bosch in Bonn-Bad Godesberg, gab Einblick in ihre Präsentation von Hörbüchern und DVDs, die zu den Büchern gestellt werden können wie auch umgekehrt Bücher in den Audio- und Video-Regalen platziert werden. Einer ihrer Tipps zur Sortimentsgestaltung: „Unbedingt darauf achten, welche jungen Schauspieler gerade beliebt sind“ – ein Blick auf die Cover der einschlägigen Zeitschriften reiche dazu meist schon aus. Und: „TV-Serien sind seit einiger Zeit so beliebt wie nie zuvor“, DVDs zu Big Bang Theory, Sherlock, Downton Abbey oder Game of Thrones seien gut mit den Büchern zu kombinieren. Lohnenswert in diesem nicht preisgebundenen Segment: auch mal über Preisaktionen nachzudenken.

In Arbeitsgruppen wurde eine Schaufenster-Inszenierung zum Bilderbuch Fanny im Regenglück von Cinta Villalobos (Atlantis) entworfen sowie Themenwelten zu Nils Holgersson, Moby Dick und Alice im Wunderland entwickelt. Und im Plenum tauschten sich Buchhändlerinnen und Verlagsmitarbeiterinnen – diesmal zahlenmäßig in einem Verhältnis von 50-50 vertreten – über ihren Umgang mit Nonbooks aus. Als Erfolgsprodukt wurde häufig das Merchandising rund um die Olchis (Oetinger) genannt, aber auch Character wie Der kleine Drache Kokosnuss (cbj), Greg (Baumhaus), Lieselotte (Fischer Sauerländer), der Grüffelo (Beltz & Gelberg), Die kleine Raupe Nimmersatt (Gerstenberg) u.v.a. wurden genannt. Klar wurde aber auch: Mehr Masse an Produkten braucht der Buchhandel eigentlich nicht („Wir können uns jetzt schon kaum retten“, so Birgit Schollmeyer, bücherwurm, Braunschweig) – wohl aber gute Ideen, mit denen sich Kunden begeistern lassen.

So wurde in den Pausen und an den beiden Abenden lebhaft weiter diskutiert. U.a. eine Frage aus dem buchhändlerischen Alltag, die Heike Kramer, Lüthy + Stocker, Schweiz, stellte: „Was mache ich mit den Resten?“ Nonbooks lassen sich schließlich nicht remittieren. Sympathisch erschien vielen die Lösung, kleine Wundertüten damit zu füllen und zum Kauf anzubieten.

Spaß mit Nonbooks: Margit Müller im Super Neo-Badeponcho

Was nach einem intensiven Wochenende auch klar war: Nonbooks können richtig Spaß machen. Ob Leuchtflummis flogen, Olchibrocken verköstigt wurden oder Margit Müller sich im Super Neo-Badeponcho (Coppenrath) wieder wie ein glückliches Kind fühlte: Die zahlreichen Produkte, die Verlage als Anschauungsmaterial zur Verfügung gestellt hatten, machen sich nun auf den Weg nach Eltville und werden an die dortige Tafel gespendet.

Bleibt zu hoffen, dass alle Teilnehmer wohlbehalten nach Hause gekommen sind und die Rückfahrt in nicht ganz so vollen Zügen wie auf der Hinfahrt genießen konnten. Das nächste avj-Praxisseminar wird ausnahmsweise nicht am Muttertags-Wochenende stattfinden, sondern eine Woche früher: Vom 29. April bis zum 1. Mai 2016 wieder in Fulda, das Thema wird noch bekannt gegeben.

Susanna Wengeler

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