Uwe Tellkamp: „Ossis“ lesen den „Turm“ anders als die „Wessis“

Uwe Tellkamp im BuchMarkt-Interview

buchmarkt.de: Erstmal herzlichen Glückwunsch zum Buchpreis! Wenn man so lange auf der Shortlist steht, liest man die Bücher der „Konkurrenz“?

Uwe Tellkamp: Aber ja. Natürlich habe ich noch nicht alle geschafft, z.B. den neuen Dath. Ein solches Buch liest man nicht in einem Rutsch herunter.

buchmarkt.de: Daniel Kehlmann hat für die Abschaffung des Preises plädiert, weil er meint, das Feuilleton vernachlässige alle anderen Titel, die nicht auf der Liste stehen. Ist da nicht irgendwas dran?

Uwe Tellkamp: Das ist Unsinn. Auf den Longlists tauchen so viele Autoren auf, von denen man noch nie etwas gehört hat. Und die sich allein durch die Longlist durchgesetzt haben. Kehlmann hat damals den Preis nicht bekommen, und trotzdem ist sein Buch ein Bestseller geworden. Ich glaube auch nicht, dass das Feuilleton sich vorschreiben lässt, welche Titel rezensiert werden und welche nicht.

buchmarkt.de: Im Feuilleton hat man angefangen, Personen Ihres Romans zu entschlüsseln. Verraten Sie uns, wer Ihnen bei der gar nicht so lustigen Zensorin mit dem allerdings lustigen Namen Karlfriede Sinner-Priest vorschwebte? Vielleicht Carola Gärtner-Scholle?

Uwe Tellkamp: Das stimmt schon ein bisschen. Aber es stimmt natürlich nicht ganz…

buchmarkt.de: Es hat viele Romane über die Vorwende- und Wendezeit gegeben, z. T. historisch nicht ganz so korrekt. Einer der besten, Matthias Wegehaupts „Insel“, ist völlig unbekannt geblieben. Ist das Thema dabei, sich zu erschöpfen?

Uwe Tellkamp: DAS ist nun eine typische Feuilletonfrage. Ein Autor schreibt sein Thema, ob es nun „in“ ist oder nicht. Und das Feuilleton versucht immer zu entscheiden, ob ein Thema angeblich schon „durch“ ist oder nicht.

buchmarkt.de: Als Christian in eine U-Boot genannte Zelle im Militärknast eingesperrt wird, fühlt er sich „im Innersten des Systems“ angekommen. Das ist für mich eines der stärksten Bilder, das DDR-System betreffend. Ich vermute, dieses Bild hat einen sehr autobiographischen Hintergrund?

Uwe Tellkamp: Ja, es hat autobiografischen Hintergrund. Mehr möchte ich dazu aber nicht sagen.

buchmarkt.de: Auf mich wirkt die Geschichte weniger wie ein Roman, eher wie die ungeheure Befreiung des Autors von einem Alptraum…

Uwe Tellkamp: Das finde ich eine sehr zutreffende Beschreibung – für mich selbst ist der Roman auch nicht unbedingt ein Roman…

buchmarkt.de: Es gab schon die Frage: Ein Vorwende-Buch für Ossis? Das ist natürlich Unsinn. Aber gibt es schon Anzeichen, wo das Buch besser läuft: im Osten oder im Westen?

Uwe Tellkamp: Dazu ist es noch zu früh. Aber ich bin mir sicher, dass die „Ossis“ das Buch anders – nämlich am Faktischen orientiert – lesen als die „Wessis“, die es eher literarisch sehen.

buchmarkt.de: Eine Frage, die alle Ihre „Turm“-Leser nach dem Schlussdoppelpunkt des Buches interessiert – wann erscheint die Fortsetzung?

Uwe Tellkamp: Ich arbeite zur Zeit an einem ganz anderen Buch.

Die Fragen stellte Ulrich Faure.

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