Vom Marketing-Guru Howard C. bis zur nächsten Buchmesse in Basel

Ekkehard Faude

Was haben wir im vergangenen Jahr nicht alles an Nützlichem gelernt! Dass man einem „Pop-Titan“ und dann auch noch in Tötensen eine Villa ausräumen kann und das Umzugsgut dann doch nicht so viel wert ist wie der Vorschuss für Bohlen II. Dass ein anderer Pop-Gigant (namens Howard Carpendale) dem vermutlich nicht einzigen deutschen Verleger, der lieber Literaturhausmann werden möchte, ungestraft sagen darf: „Mensch Rainer, da hast Du es mir aber gegeben. Booäh. Zwar weit unter der Gürtellinie, aber immerhin.“ Dass sich Random House schon fast wieder wie Bertelsmann ausspricht. Dass Ullstein, nach einer kurzen, teuren Umleitung im Strasserverkehr, wieder von der Isar an die Spree zurückzieht. Wir werden, so viel ist sicher, auch 2004 wieder viele weise Manager-Entscheidungen im Verlagswesen erleben dürfen. Und im Dezember singen wir dann leise eine der betagtesten Gedichtzeilen von Howard C.: „Bis man die ganze Wahrheit versteht / ist es nischt selten zu spät.“

Im Sortiment, wenn der Bär ganz woanders tobt, in der Spätschicht abends kurz vor acht also, kann man den schönen Schein von Beschäftigtsein erwecken. Tasten klappernd am Bildschirm und vor der Maske der Inhouse-Bibliographie, mit jenem angestrengt apathischen Blick, den man sich angewöhnt hat, um Kundenbelästigungen fern zuhalten. Was für römische Seher das Studium angeschlachteter Gedärme, für den gelernten Mongolen die Risse in einem verkohlten Hammelknochen und für R. M. Rilke eine Séance mit Tischrücken war, das ist auch mit pcbis-Daten möglich. Ungeahntes dämmert aus der Tiefe des Raums. Du tippst in diesen Tagen, da die Lautsprecher des Feuilletons sich mangels interessanter Buchinhalte alle mit dem „Machtkampf bei Suhrkamp“ beschäftigen, auf Verdacht die Namen zweier Akteure ein, Günter Berg oder Uwe Wittstock. Und da gibt doch die Maschine einen vergriffenen Titel frei, den die beiden tatsächlich im Jahr 1997 zusammen herausgegeben haben, in der Beck’schen Reihe zudem und ohne einen Schimmer davon, welche Siegerehrung noch ausstehen würde: „Harte Bandagen: Eine Boxanthologie in 12 Runden nebst 11 Ringpausen und einer Siegerehrung.“

Im Verlag werden die Messe-Anmeldungen ausgefüllt. Leipzig im März, Basel im Mai, Frankfurt im Oktober. In Basel fand 2003 die erste Buchmesse statt, wir waren dort und es war rundum schön. Solche Pioniersituationen sind ja nur selten zu erleben. Nicht nur der Thrill, in einer fremden Stadt das Messegelände am richtigen Ende zu finden… Die Großverlage hatten diesem Anfang nicht getraut, das war gut für die Independents. Nur drei Tage und volles Haus, fast 30.000 geruhsam interessierte Literaturfans reisten von der Innerschweiz bis weit über Heidelberg an, um diese gut gelaunte Buchmesse mit zu erleben.

Erfahren hatte ich von BuchBasel erst an der Frankfurter Messe durch Matthyas Jenny, der dieses Projekt seit 2001 vorbereitete und mit dem Versprechen eines riesigen Literaturfestivals lockte. Ein großzügiges Sponsoring garantierte den Autoren gutes Honorar und ein feines Hotelzimmer. Das Autorenforum in der Mitte der Messehalle wurde zum Durchlauferhitzer: hin und wieder Jazz live, sonst aber eine Lesung nach der andern, oft drei, vier Autoren vorne. Wilhelm Genazino, durch die Gänge wandelnd, ein Autor, der noch liest und mit dem versonnenen Blick des Jägers sagt: Ich kann doch nicht ohne ein neues Buch weg. An unseren Stand kam er, wegen Katrin Seebachers Roman, den ihm Brigitte Kronauer empfohlen hatte… Den Megabetrieb in Frankfurt meidet er schon lange, obwohl er nicht weit davon wohnt.

In der Schweiz hatte ein nationales Skandälchen, das die Medien kräftig anheizten, den Baslern beim Einstieg geholfen. Er war von den Messemachern kühl provoziert. Sie hatten die BuchBasel exakt auf jene Tage um den 1. Mai gelegt, in denen seit Jahrzehnten der Salon de Livres in Genf stattfindet, bis anhin die einzige Messe zwischen Bodensee und Genfersee. Affront! Vertiefung des Röstigrabens! Tatsächlich galt die Aufregung eher der Befindlichkeit einer subventionierten Kuh. Eine herrschende Staatslehre fördert den Zusam-menhalt der helvetischen Sprachregionen mit viel Geld, die deutschschweizer Verleger fuhren in einem eigens organisierten Zug nach Genf, ein mild bewitzelter Betriebsausflug ins Welsche. Den Erfolg deutschsprachiger Bücher in einer französischen Sprachgegend konnte man sich ausrechnen.

Der ermutigende Anfang hat die BuchBasel in diesem Jahr souverän auf die Datumskollision verzichten lassen. Die Genfer behalten ihre 1.-Mai-Hoheit. In Basel trifft man sich in der Woche drauf in größerem Rahmen: vom 7. bis 9. Mai. Genf soll seine traditionelle Frankreichbindung stärken, Basel kann länderübergreifend zu einem neuen Treffpunkt der deutschsprachigen Branche werden. Eine Schweiz, die seit neuestem einen blubogefärbten Nationalisten in der Regierung hat, können neue Impulse nur stärken.

Für Basel hatten wir uns rasch entschieden, denn alle Koordinaten stimmten. Schon zeitlich, Ende April ist die Vorschau schon beim Korrektor, ein lockeres Zwischenstück vor der nervigen Phase der Produktion kommt da gerade recht. Die Brückentage um den 1. Mai machten eine landschaftlich so schön gelegene alte Stadt zu einem Ausflugsziel von weit her. Basel profitiert von einer traditionell starken Buchkultur und das Dreiländereck hat ungebrochene Kaufkraft.

Zudem war die Messe überzeugend dimensioniert: Drei volle Tage genügen. Der Buchhandelsverband hatte eine Messebuchhandlung organisiert. Es durfte aber auch direkt am Stand verkauft werden. In Zeiten der knapperen Kalkulation ist das für viele kleinere Verlage ein Argument, ein Teil der Messekosten kann so neutralisiert werden. Ein relativ preiswerter Modulstand (mit Teppich und Beleuchtung) ermöglichte einen eigenen Auftritt mit frontaler Präsentation von mehr als 70 Titeln. Das kostete samt Katalogeintrag zwar immer noch ca 2.800 Franken, war also nicht geschenkt…

In Basel hatten sich letztes Jahr keine 300 Verlage angemeldet. Das hat auch uns anfangs verunsichert, man schaut ja in Frankfurt gern, dass man die Leuchttürme von Großverlagen in der Halle hat. Wir buchstabieren dann das Wort „Publikumsmagnet“ und hoffen erst mal. Basel brachte für einige Independents ein Umdenken: In der übersichtlicheren Versammlung bekommt man vielmehr Aufmerksamkeit. Und am Abend des ersten Tages sagt man sich: Welchem Popanz gehen wir eigentlich auf den Leim, wenn wir uns an Frankfurter Abenden über die Zahl von 30.000 oder mehr Tagesbesuchern freuen? Wo wir doch ab 13 Uhr dort vor allem panisch ermüdete Glotzblicke vorbeischieben sehen… Jenseits der imperialen Stände haben sowieso nur 5 bis10 neugierige Leser vor den Regalfächern Platz. Die Stimmung in Basel stieg jedenfalls vom ersten Tag an und am Ende war man sicher: da hat etwas mit Zukunft begonnen…

Neben Leipzig und Frankfurt eine neue Messe? Wir sind da am Punkt einer geographischen Diversifizierung, die wir in unserer Branche aktiv betreiben sollten. Die östliche Messe ist allen Unkenrufen zum Trotz konsolidiert, Leipzig setzt eigene Akzente und Erwartungen. Und man kann allerorten Gras wachsen hören: Während alle aufs Wachstum der E-Commerce-Märkte starren, werden wir in den nächsten Jahren zugleich eine Renaissance der Messen in der deutschsprachigen Buchlandschaft erleben, nun mit Basel als südwestlichem Eckpunkt. Und mit wachsenden Bücherschauen in Köln, München, Stuttgart und anderswo, das wird anstrengend und nicht billig für die Verlage. Dass die Frankfurter schon im Oktober die Verlage mit Rabatten zu Dreijahresverträgen lockten und nun ihre Anmeldungsunterlagen ein Vierteljahr früher verschicken, das hat auch etwas vom lauten Pfeifen im neuen Wald.

In Basel haben wir erlebt: Es macht eine Messe einfach lebendiger, wenn dem Besucher von keiner Bürokratie die natürlichste Begehrlichkeit abgeklemmt wird: ein Buch, das er zum ersten Mal sieht, anfassen zu können und wenn es ihn heftig reizt, dann auch sofort zu kaufen. Zum vollen Ladenpreis, es gab keinerlei Diskussionen. Diese Unbekannten kaufen sonst treu in Sortimenten ein, die schon lange den Winter’schen Flötentönen gefolgt sind oder in der Krise systematisch ihre Lager verschlankt haben, um ihre Liquidität zu verbessern. Nach immer kürzerer Zeit wird „Nicht-Gängiges“ via Remissionen entsorgt und ungreifbar. Die Messebesucher sind immer häufiger auch Kunden der rapide wachsenden Ketten, deren Zentraleinkauf die Novitäten der kleineren Verlage gar nicht mehr wahrnimmt und selbst aus der Backlist der Großen nur Steadyseller listet. Läden also, welche von jener Preisbindung profitieren, die einmal mit dem klangvollen Argument eines weiterhin vielfältigen Angebots durchgesetzt wurde.

Läden, die unprofessionell genug sind, aufs VLB zu verzichten, in dem allein die Backlist noch zu finden wäre; und denen ihre einzige BS-Software, die von Libri z. B., mehrere hunderttausend lieferbare Bücher schlicht verschweigt. An Messeständen kann punktuell sichtbar werden, was das digitale Monopoly für nicht existent erklärt. In Basel haben wir auch mehr als einmal erlebt, wie diese lustvollen Leser ihren Seitensprung mit den Worten entschuldigten: „Ich nehm gern ihren Prospekt. Aber das Jahr über bestell ich dann wieder bei meiner Buchhandlung.“ Recht so.

BuchMarkt 1/2004

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