Ein Meisterwerk mit hohem politischen Erkenntniswert  „Wendezeit. Die Neugestaltung der Welt nach 1989“ von Kristina Spohr

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Wendezeit. Die Neugestaltung der Welt nach 1989 (DVA) von Kristina Spohr ist ein Meisterwerk mit hohem politischen Erkenntniswert. Und kommt im richtigen Moment.

 

In einem scheinen Historiker, Journalisten und TV-Programm-Macher und Politiker sich einig: Das Jahr 1989 war eines jener seltenen Momente,  die in der Geschichte der Menschheit einen Wendepunkt darstellen. Da ist es ein wahrer Segen, dass exakt eine Generation später die erste umfassende, eine grundlegende neue Darstellung dieses epochalen Augenblicks erschienen ist.                                                                                                                                                        Kristina Spohrs Wendezeit kommt genau im richtigen Moment. Für die nunmehr dreißig Jahre alte neue Epoche gibt es nämlich noch  keinen  eigenen Namen – ein deutliches Indiz dafür, dass wir noch immer kein klar umrissenes  Bild von ihr haben. Es ist jedoch dringend notwendig, sie richtig zu sehen, nachhaltig zu verstehen und daraus für Gegenwart und Zukunft politisch zu lernen. Und  bei  Kristina Spohr wird diese Zeitenwende nun als mitreißendes menschliches Ereignis mit all ihren gesellschaftlichen und politischen Horizonten erstmals  voll und ganz präsent. Ihr Buch wird für die Leser zu einem geistigen Erlebnis.                                                                                                                                                                         Zuvor herrschte auf dem Globus  der Kalte Krieg und die Angst, dass dieser kalte in einen heißen, in einen atomaren Dritten Weltkrieg umschlagen könnte. Es ist ein schier unfassliches Wunder, dass solche Katastrophe über 45 Jahre ausblieb.  Doch erst 75 Jahre nach seinem Beginn ist es uns möglich, die Ursachen des Weltkonflikts zwischen den beiden  Supermächten in den globalen Transformationen  des 19. Jahrhunderts zu sehen und ihn nicht im Sinne der beiderseitigen ideologischen Programme und Propaganda , sondern  im Zusammenhang weltweiter  politischer, sozialer, technologischer und wirtschaftlicher Veränderungen politisch, konstruktiv, pragmatisch zu begreifen – dank dem aus Norwegen gebürtigen Harvard-Professor Odd Arne Westad und seinem Buch Der Kalte Krieg. Es bietet  eine grandiose zeitgenössische  Weltgeschichte, die auf Deutsch bei Klett-Cotta erschienen ist.                                                                                                                                                

Das globale Konflikt- und Katastrophenpotential  ist seither noch beängstigender geworden. Die Reibungsflächen zwischen den Ländern, Regimen und Regionen haben sich vervielfacht. Darum wird nun ein klares Bild der Zeitenwende von 1989  so immens bedeutsam. Sie  steht nämlich keineswegs bloß auf Ranghöhe mit den historischen Wendepunkten der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776, der Französischen Revolution von 1789 und der russischen Revolution von 1917. Sie ist nämlich auch die erste Zeitenwende, die sich ohne Krieg und Blutvergießen vollzogen hat. 

Was Kristina Spohr in diesem Buch grundsolide dokumentiert und lebendig zur Anschauung bringt, offenbart  die politischen Schlüsselvoraussetzungen eines Überlebens der Menschheit  im 21. Jahrhundert.                                                                                                                                                                                                             

Im Morgengrauen des 24. Februar 1989 rollen Tausende Panzer des Warschauer Pakts über die Grenzen der Bundesrepublik – auf breiter Front, von der Ostsee bis hinunter zur tschechoslowakischen Grenze… Zunächst gelingt es den westlichen Panzerkräften, den Feind trotz einer Flut von Flüchtlingen in Schach zu halten. Dann jedoch setzt der Kreml in Großbritannien und Norddeutschland Giftgas ein. Ab dem 5. März beginnt der Widerstand der alliierten Streitkräfte zu brechen , und die NATO autorisiert den Ersteinsatz taktischer Atomwaffen. Doch die Sowjets lassen sich nicht abschrecken und setzen ihre Angriffe fort. Also unternimmt die NATO am 9. März einen zweiten, diesmal massiven Atomschlag mit 25 Atombombern, die zu einem Drittel in der Bundesrepublik gestartet werden. Die Sowjetführung antwortet mit den gleichen Mitteln. Ein atomarer Feuersturm verschlingt den größten Teil der Bundesrepublik und der DDR.  Die Strahlung breitet sich auch in Polen, der Tschechoslowakei  und Ungarn aus.                                                      

So der Text des Planspiels Wintex 89 im Szenario für eine alle zwei Jahre stattfindenden Stabrahmenübung der NATO, der, wie Kristina Spohr schreibt, „  das Kernland Europas atomar verseucht  und Millionen weiterer Menschen zu einem langsamen, aber extrem schmerzhaften Tod verurteilt. Anfang des Jahrs 1989 ging das westliche Verteidigungsbündnis noch ernsthaft von der Möglichkeit aus, dass die andauernde Konfrontation zwischen den Supermächten in einem globalen nuklearen Holocaust enden konnte. Nur wenige Monate später sah die Zukunft Europas radikal anders aus: ein weitgehend friedlicher Prozess.  Der symbolische Moment für das Drama jener  Monate war der Fall der Berliner Mauer am Abend des 9. November.“ 

Er lieferte das mediale Stereotyp für die – oft ebenso stereotyp geschildertem – erfolgreichen Aufstände der Bevölkerung, die sich in Zentral- und Osteuropa gegen das Regime der kommunistischen Parteien richteten und zum Zerfall der Sowjetunion und Ende des Kalten Krieges führten. Kristina Spohr aber schildert diese Initialzündungen, global, Region um Region, bis ins ferne China, in wunderbaren, detailgetreuen farbigen Nahaufnahmen. Sie machen einen großen, wichtigen  Teil des Buches aus, der freilich nur einen Teil geschichtlichen Wahrheit ausleuchtet.                                                                                                                                                                                                                                         

Der zweite Katalysator des Wandels war natürlich ein neuer sowjetischer Staatschef, Michail Gorbatschow, mit seiner politischen Vision von  einer liberaleren neuen Sowjetunion. Im Hauptteil des Buches jedoch erzählt Kristina Spohr, wie die Welt in den Jahren 1990/91 durch eine Diplomatie neu gestaltet worden ist, die beispiellos war und in diesem Buch zum ersten Mal offengelegt wird.  Gorbatschow wollte die offizielle kommunistische Ideologie an den Werten, welche die Sowjetbürger mit dem Westen gemeinsam hatten, neu orientieren. Aus diesem Versuch heraus kam es zu einer Annäherung, die einer kurzen Phase der Partnerschaft ihren Höhepunkt  fand. Und die Partnerschaft funktionierte, weil sie auf  George Bush Senior und Gorbatschow zugeschniitten war. Gorbatschow  brauchte  1989 „grundsätzlich die Kooperation mit seinen westeuropäischen Verbündeten in der NATO, als er versuchte, eine gemäßigte Reaktion auf den in ganz Osteuropa und in der UdSSR  stattfindenden Wandel zu koordinieren…..{Und] Bushs Markenzeichen war seine feste Überzeugung von der Wichtigkeit regelmäßiger Kontakte mit den anderen Staats und Regierungschefs, sowohl in der persönlichen Begegnung als auch per Telefon und zwar so, in einem Ausmaß, das für einen US-Präsidenten bis dahin beispiellos war.“ 

Auf diese Weise bildete sich zwischen ihnen ein Vertrauen und Aufeinander-Rücksichtnehmen, in die Helmut Kohl einbezogen wurde und so den Weg zur Deutschen Einheit aktiv mitzugestalten vermochte. Die Perspektive   auf „die da oben“ ist hier und da als „altmodisch“ bzw., überholt kritisiert worden  – im Hinblick auf die  Rolle  gegenwärtigen politischen Führungspersonals auf (fast) allen Kontinenten aber wissenschaftlich hochaktuell.                                                                                                                                                                                    

Kristina Spohr ist ein zeitgeschichtliches Buch gelungen, in dem detailliert szenische Darstellungen und klare Fernsichten einander auf wunderbare Weise ergänzen. Und es ist eine Lust, ihre erzählerischen Qualitäten zu genießen.

Es ist ein hoher Gewinn, bei der Lektüre an den immer wieder neuen oder überraschenden  Einblicken und Erkenntnissen teilzuhaben.  Und die Danksagungen für die deutsche Ausgabe vermitteln einen Eindruck von dem tief und  weit gespannten Netz aus KollegInnen, MitarbeiterInnen und FreundInnen in aller Welt, welche ihr neu zugängliche Quellen der Forschung haben erschließen helfen. Ein Buch wie dieses ist das Ergebnis von vielfältiger menschlicher Kooperation und Kommunikation, die anderen Medien abgeht und in die wir Leser nun aufgenommen werden – ein unglaubliches Geschenk.                                                                                                                                                                                         

Kristina Spohr wurde in Düsseldorf geboren. Sie ist eine deutsche Historikerin mit finnischen Wurzeln; ein Teil ihrer Familie war bzw. ist in Russland beheimatet. Sie hat in Frankreich sowie in  Großbritannien studiert. Sie  arbeitet als  Professorin an der renommierten London School of Economics  und betreibt eine Forschung, die sich in besonderem Maße um ein praktisches politisches Verständnis heutiger Geschichtswissenschaft kümmert. Für ihre Wendezeit ist sie in diesem Jahr von der Deutschen Gesellschaft für Politik und der Stiftung Wissenschaft und Demokratie mit dem Preis Das Politische Buch ausgezeichnet wurden. Im abschließenden Teil ihres Werkes skizzziert sie schwerwiegende Denkfehler und Probleme, die sich aus der Neugestaltung der Welt ab 1989 für unsere Zeit ergeben haben.

Gerhard Beckmann schreibt hier regelmäßig über „große Bücher“, für Ihre Gespräche mit Kunden, die auf der Suche sind nach besonderem und relevantem Lesestoff.
Deshalb wollen wir im BuchMarkt und auf buchmarkt.de „große Bücher“ klar und deutlich profilieren. Und die deutschsprachigen Verlage darauf hinzuweisen, dass Bücher in erster Linie ein durch nichts anderes zu ersetzendes Medium zur Kommunikation mit und unter Menschen und Lesern ist, mit denen unsere Verlage  darum auch wieder so zu kommunizieren lernen müssen, dass diese Bücher von den Menschen und interessierten Lesern überhaupt gefunden werden können, als Orientierungshilfen für Buchhändlerinnen und Buchhändler, insbesondere denen, die im Ladengeschäft „an der Front“ stehen.

Zuletzt schrieb Gerhard Beckmann über Es gibt keinen Plan(et) B“ von Mike Berners – Lee  

(Dieser Beitrag erscheint in Printform auch in der vom Rostocker Sortimenter Manfred Keiper herausgegebenen Literaturzeitschrift LesArt, die diese Tage an über 350 Buchhandlungen ausgeliefert wird  und am 1. Dezember in der von Thomas Wörtche und Alf Mayer herausgegebenen OnlineZeitschrift  CultureMag)

 

Kommentare (2)
  1. Leider fehlt der Hinweis auf die beiden Übersetzer Helmut Dierlamm und Norbert Juraschitz, die das Werk in enger Zusammenarbeit mit der Autorin ins Deutsche übertragen haben.

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