Die Sätze des Jahres „Ein Mensch sein, kein Thema“ – der etwas andere Jahresrückblick

Die übliche Art von Jahresrückblick zählt die Ereignisse auf, die prägend für das vergangene Jahr waren. Ebenso wichtig scheinen uns aber auch die Gedanken, die sich die handelnden Personen dazu gemacht haben. Ulrich Störiko-Blume notiert sich seit vielen Jahren solche Sätze, die ihm bedeutsam, prägnant und nachdenkenswert erscheinen – auch für unsere Branche und auch unabhängig davon, ob er deren Aussage teilt oder nicht.

Wir verabschieden uns mit einem „Best-of“ der Fundstücke und wünschen Ihnen und uns einen guten Rutsch und vor allem natürlich ein wundervolles neues Jahr 2022.

»Gewalt beginnt immer mit Worten.«

Georg Mascolo (nach dem Sturm auf das Kapitol vom 06.01.21), 9. Januar

»Ich würde mir wünschen, dass Kritik nicht immer mit Vorwurf gleichgesetzt wird.«

Karl Lauterbach, 9. Januar

»Die Macht dieses Virus speist sich nur aus der Dummheit unserer Spezies.«

Cordt Schnibben, 18. Februar

»Es gibt in verschiedenen politischen Spektren und vor allem in den sozialen Medien die Tendenz, Politik nur noch über Moral und Haltungen zu debattieren. Ich halte dies für einen Rückschritt. Werte und Moral sind das Fundament politischer Überzeugungen. Wer jedoch meint, dass alleine die „richtige Haltung“ über „richtig oder falsch“ entscheidet, versucht in Wahrheit den Streit mit rationalen Argumenten zu verhindern.

Eine solche Debattenkultur hat nichts mit Aufklärung zu tun, sondern ist Ausdruck eines elitären Wahrheitsanspruchs, wie ihn die Kirche im Mittelalter bediente.«

Fabio De Masi, 24. Februar

 

»Albert Einsteins Relativitätstheorie war keine Idee im Sinne eines Geistesblitzes – sondern das Resultat unvoreingenommenen Denkens, des Akzeptierens einer Wahrheit, auch wenn sie einem nicht passt. Nicht jeder ist ein Einstein, aber diese Offenheit, diese Freiheit des Denkens – darum geht es.«

Andreas Lebert, 25. Februar

 

»Menschen spielen seit jeher auch Götter oder Tiere, Kinder spielen Erwachsene und umgekehrt, Frauen stellen Männer dar und diese auch Frauen. Niemand erwartet auf der Bühne oder im Film echte Mörder, Tyrannen, Wahnsinnige, Über- und Außerirdische.«

Peter von Becker, 14. März

 

»Transformationen, ob individuell oder gesellschaftlich, sind stets Folge von Erzählungen, die ins Ungewisse wuchern. … Ohne Geschichten verstehen wir die Welt nicht.«

Ilja Trojanow, 22. April

 

»Nur selten werden wir in der Geschichte Figuren finden, die die Ideale unserer Gegenwart verkörpern.«

Christoph Gradmann, 12. Mai

 

»… die Umweltpolitik der vergangenen 15 Jahre (genauer gesagt: ihr Fehlen) war ein schlimmer Zeitverlust, der die Utopie des 20. Jahrhunderts auf unhaltbare Weise ins 21. Jahrhundert zu retten versucht hat.«

Ernst-Ludwig von Thadden, 30. Mai

 

„Hier wird nicht ´über´ etwas geschrieben. Hier wird geschrieben.“

Marcel Beyer (über Friederike Mayröcker), 6. Juni

 

»Ich habe das immer als die drei G der Betrugs-Software des Journalismus betrachtet: Das erste ist Gefühl, das zweite ist Gesinnung, das dritte ist Gelaber.«

Stefan Aust, 12. Juni

 

»Ich schreibe Romanliteratur, deshalb ist es nicht meine Aufgabe, für irgendeine gute Sache zu predigen – unabhängig davon, welche persönliche Einstellung ich habe.«

Donna Leon, 1. Juli

 

»Ich will keinen Reichtum bekämpfen, sondern Armut.«

Verena Bentele, 2. Juli

 

»Statt mutiger Politik zugunsten von Frauen und Minderheiten zu wagen, reden wir jetzt ein bisschen sonderbar, dann fühlt es sich wenigstens so an, als bewege sich was in die richtige Richtung.«

Tobias Haberl (über ungelenke Formulierungen und Sternchen in Texten), 6. August

 

»Wenn Sie sich vor Augen führen, dass die Natur 200 Millionen Jahre gebraucht hat, um das Öl herzustellen, das wir Menschen in 200 Jahren aufgebraucht haben, dann verstehen Sie, wie wichtig das Thema Ressourcenschonung ist.«

Wolfgang Heckl, 13. August

 

»Nicht alles, was Trend ist, ist auch ein lukratives Geschäft.«

Carmen Udina, 29. August

 

»Klassiker bleiben aktuell, sonst wären sie keine.«

Barbara Kalender, 19. September

 

Antwort auf die Frage „Wie kriegen wir das Erzieherische aus dem Klimaschutz raus?“: »Indem wir es einfach sein lassen.«

Sven Plöger, 23. September

 

»Eitelkeit schlägt Intelligenz, immer.«

Micky Beisenherz, 28. September

 

»Kein Gefängnis ist groß genug, um unsere Ideen einzusperren.«

Disha Ravi (Fridays for Future-Mitgründerin in Indien), 1. Oktober

 

»Kohle, Erdöl und Erdgas wirken auf unsere Gesellschaft wie Drogen. Sie sind leicht zu haben, machen extrem abhängig, und den Schaden, den sie uns zufügen, merken wir erst, wenn der Rausch vorbei ist.«

Markus Duesmann, 6. Oktober

 

»Der Autor erhellt uns die Gegenwart, indem er die Vergangenheit erzählt«

Knut Cordsen (über Philipp Sarasins Buch 1977), 11. November

 

»Ein Mensch sein, kein Thema.«

Emine Sevgi Özdamar (über ihren autobiographischen Roman Ein von Schatten begrenzter Raum), 11. November

 

»Das E-Auto ist das Methadon der fossilen Mobilität.«

Harald Welzer, 13. November

 

»Es gibt keine alternativen Fakten. Es gibt Fakten und blöde Positionen, die die Fakten ignorieren.«

Heidi Kastner, 20. November

 

»Würde die Nasa einen Chef dulden, der privatissime verbreitet, die Sonne kreise um die Erde?«

Nils Minkmar (über Mathias Döpfner), 24. November

 

»In deutschen Publikumsverlagen wächst die Sorge, dass ihre Bücher in die Schusslinie der um sich greifenden identitätspolitischen Kontroversen geraten. Die Inhaltswarnungen sind der angstgetriebene Versuch, die Romane dagegen abzusichern. Wenn ein Verlag aber zweifelt, ob das allein ausreicht, bleibt nur die Selbstzensur. … Von solcherart betreutem Lesen geht definitiv keine Gefahr aus.«

Michael Lemling, 25. November

 

„Und bevor wir uns vollends verkrampfen, lassen wir auch mal das generische Maskulinum stehen in Fällen, in denen schon klar ist, dass es nicht nur Kerle sind. Nachbarn. Christen.“

Ursula Ott, 1. Dezember

 

»Angesichts der massiven Widerstände gegen den heutigen Sicherheitsgurt und der daraus resultierenden geringen Erfolgsaussichten einer Werbung«, so resümierten die Wissenschaftler der Kölner Bundesanstalt, sei eine »Vorschrift zum Anlegen« nun die »beste Möglichkeit, die Anlegequote durchgreifend« zu erhöhen.«

SPIEGEL vom 7. Dezember 1975, zitiert in Spiegel-online am 7. Dezember 2021

Ulrich Störiko-Blume betreibt seit 2015 in München die ProjektAgentur, die Konzepte und Manuskripte vor allem im Bereich Kinder- und Jugendliteratur an Verlage vermittelt. Zuvor hat er vier Jahrzehnte in leitenden Positionen bei verschiedenen Kinder- und Jugendbuchverlagen gearbeitet, zuletzt bei Hanser. Außerdem schreibt er gelegentlich für BuchMarkt und andere Fachpublikationen und ist Dozent beim Zentrum für Buchwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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