Pomikalkos Auslese All die schönen Bücher – Ellen Pomikalkos Auslese im Dezember

George Prochnik Das unmögliche Exil (C.H. Beck)

01-prochnikEin gescheites, gut recherchiertes Buch über Stefan Zweigs Schicksal „am Ende der Welt“, in dem man Europa und Amerika zur Nazizeit noch einmal hautnah miterleben kann. Zweig war damals weltberühmt und ein überzeugter Europäer. Wie er den Verlust seiner Heimat Österreich und deren Kultur beklagt hat und mit welcher Sehnsucht er das Verlorene in den USA und Brasilien vergeblich wiederzufinden hoffte, schildert uns der Journalist und Autor, dessen Eltern ebenfalls emigrieren mussten, sodass er viele Parallelen zwischen den Flüchtlingen ziehen kann. Er spricht mit Zeitzeugen, wertet Zweigs Autobiografie und Briefe aus und vertieft unser Wissen über Zweigs letzte Jahre so minuziös, dass wir uns ein Bild von seinem Charakter und dem Impetus seiner Bücher machen können. Das ist faszinierend, auch was die Reaktion seiner Zeitgenossen betrifft. Da er mit vielen Berühmtheiten Kontakt hatte, erfahren wir auch über sie einiges. Und es geht auch um Sex und gesellschaftliche Missstände. Mancher Schrecken von damals scheint heute wiederzukehren, deshalb hat mich das Buch noch mehr berührt. Eine friedliche Welt hatte Zweig erhofft, die sich durch Bildung aufs Geistige zentriert. Da kam Hitler und ganz schnell die Barbarei. In einem Dialog von Lessing, den Alfred Polgar zitierte, antwortet ein Geist auf die Frage, was das Schnellste auf der Welt sei: „Der Übergang vom Guten zum Bösen!“ (396 S., 29,95 Euro)

Margriet de Moor Schlaose Nacht (Hanser)

02-moorDie Kunst, Gegenwart und Erinnerung ständig miteinander zu verschränken, beherrscht sie vollkommen. Dadurch wird erst mit Verspätung richtig klar, dass sie mit einem Mann im Bett liegt, als sie schlaflos an den toten Ehemann denkt. Ihr Leben, ihre Suche nach der Wahrheit hinter einer erfüllt scheinenden Ehe, die Rolle ihrer Schwägerin – alles, was sie bewegt, geht der Lehrerin diese Nacht durch den Kopf, auch als sie in der Küche Kuchen backt und ihren Hund bedient. Nichts ist sicher! Nur ihrem Gefühl, geliebt worden zu sein und geliebt zu haben, traut sie übern Weg. Es ist eine schöne Geschichte von der Unwägbarkeit jedes Zusammenlebens und dem Rätsel der Liebe, in feine Literatur gewandet. Den Charakter der Ich-Erzählerin sucht man aus unzähligen kleinen Anmerkungen selbst zusammen. Schöpferische Literatur! (127 S., 16 Euro)

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