Pomikalkos Auslese All die schönen Bücher… Ellen Pomikalkos Lieblingsbücher, Heft 3/2016

Pomikalko

Hanns-Josef Ortheil, Der Stift und das Papier, Luchterhand

Dass er als Kind jahrelang stumm gewesen ist, hat der Autor schon früher erzählt. Hier breitet er den Prozess seiner Sprachfindung aus und schildert, mit welcher Geduld und Zuneigung seine Eltern ihm das Lesen und Schreiben nahe brachten. Das Buch ist ein wunderbares Zeugnis für die Entwicklung eines behinderten, aber begabten Kindes, das nicht nur mit der Mutter immer Klavier spielt, sondern auch mit dem Vater zunehmend gern schreibt, ja, ohne schriftliche Fixierung seiner Erlebnisse bald gar nicht mehr auskommt. Schreiben wird für ihn bis heute zu einer Sucht, die ihn „am Leben erhält“. Der Schriftsteller, Pianist und Hildesheimer Professor hat eine eigentlich beneidenswerte Kindheit gehabt, nachdem die Eltern unvorstellbares Leid erdulden mussten, was auch ihm zusetzte. An seinem ungewöhnlichen Werdegang erkennt man vor allem, wie Kreativität das Leben bereichert und wie wenige Kinder davon überhaupt etwas ahnen. Mich hat die Darstellung sehr berührt und gefesselt. (384 S., 21,99 Euro)

Michail Ossorgin, Eine Straße in Moskau, Die Andere Bibliothek

Eine sehr feine Satire, die ich zuerst gar nicht erkannt habe, weil der emotionale Stil etwas Lyrisches suggerierte, ein bisschen heile Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Als dann aber die Oktoberrevolution in die Idylle einbricht, merkt man den Standpunkt des Autors von 1928 deutlich: Aus Sicht des Weltalls oder der Schwalben spielt das menschliche Gehabe keine Rolle. Er schildert alles aus privatem Erleben der Protagonisten, darum bleibt es auch haften. Neben der grundehrlichen Tanja und ihrem liebenswürdigen Großvater, dem Ornithologen, gefällt mir besonders die Figur des Philosophen Astafjew, eines gestandenen Nihilisten, der den nicht gerade freundlich geschilderten neuen Machthabern eine wunderbare Wahrheit mitten ins Gesicht sagt. Immer mehr habe ich begriffen, was für ein Kunstwerk dieses Buch ist, das so harmlos beginnt und so erhellend endet. Eine Revolution ist kein Fortschritt. (525 S., 24 Euro)

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