Pomikalkos Auslese All die schönen Bücher… Ellen Pomikalkos Lieblingsbücher, Heft 9/2016

Pomikalko

Colm Tóibín, Nora Webster, Hanser

Keine spektakuläre Geschichte, einfach das Leben einer Irin in den sechziger Jahren nach dem unerwarteten, frühen Tod ihres Mannes und ihr Alltag mit zwei jüngeren Söhnen, während die beiden Töchter schon in der Ausbildung woanders sind. Nun muss sie die Entscheidungen treffen, und der Autor versetzt sich minuziös in sie hinein. Wobei das Leben in einer irischen Kleinstadt auch gut zur Ansicht kommt. Die patriarchalischen Verhältnisse in einem Privatbetrieb, der Einfluss von Nonnen und Priestern. Kann sie ihre Ferienhütte verkaufen? Soll sie sich einen neuen Hut leisten? Wie hilft sie ihrem stotternden Sohn im Internat? Hier ist die Kunst der unvoyeuristischen Beobachtung und der ungekünstelten Darstellung am Werk. Sie zeigt Noras Weg in eine gewisse Selbständigkeit, von allen Seiten aufmerksam zur Kenntnis genommen, denn man kennt sie, ihr Mann war ein beliebter Lehrer – das Städtchen als Biotop einer bestimmten Gesellschaft, der wir Leser nun beiwohnen können. Noras Empfindungen und Ansichten sind natürlich und sparsam eingeblendet, nichts wird dramatisiert, und nach anfänglicher Enttäuschung findet sie eine schöne neue Aufgabe in der Musikszene. Diese nicht gerade übliche, gelassene Darstellungsart ist vielleicht der richtige Blick aufs Leben und keineswegs „altmodisch“. Beim zweiten Lesen nach einer kleinen Pause hat mich der Text erst richtig fasziniert. Und die Schilderung einer Nachkriegsfeier 1947 in Frankreich mit dem Deutschen Requiem von Brahms beweist Humanität pur! (384 S., 26 Euro)

Jan-Philipp Sendker, Am anderen Ende der Nacht, Blessing

Wenn ich nicht schon viele Chinabücher von Chinesen gelesen hätte, das eindrücklichste Die Sterblichen von Yiyun Li, Hanser 2009, dann hätte ich dieses wohl für krimiaffin übertrieben gehalten. Ist es aber sicher nicht. Eine schreckliche, nämlich mitleidlose Gesellschaft zeichnet sich dort ab: Die Allmacht einer Nomenklatura, deren Kinder arrogante reiche Schnösel werden, vereitelt jeden Rechtsstaat. Das Bespitzeln und Denunzieren tut ein Übriges, dass der Einzelne vollkommen ohnmächtig dem System gegenüber steht und einen Einspruch oft mit dem Leben bezahlt. Der frühere Asienkorrespondent des Stern kennt das Milieu, seine detailgenaue Entführungsgeschichte zeigt Land und Leute und enthüllt die Unmenschlichkeit und Gewalttätigkeit des sich sozialistisch nennenden Regimes. Das ist kein Sozialismus. Alles, was sie am Kapitalismus kritisiert haben, tun sie nun selbst, aber die individuelle Freiheit fehlt. Dass sich diese Erkenntnis im Verlauf eines Krimis einstellt, ist der Nutzen einer höchst spannenden Unterhaltung. Die beiden Vorgängerromane sind ebenso aufklärerisch und fesselnd. (350 S., 19,99 Euro)

 

Weiterlesen im Heft

 

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.