Die KrimiZeit-Bestenliste Januar – hier zum Ausdrucken

An der Spitze der KrimiZEIT-Bestenliste Januar 2016 finden Sie zum dritten Mal auf Platz 1: Das barmherzige Fallbeil von Fred Vargas (original 2015: Temps glaciaires)

Vier Jahre nach ihrem letzten Roman um Kommissar Adamsberg und seine Brigade Criminelle – Die Nacht des Zorns – ist die erfolgreichste Autorin (erst recht: Krimi-Autorin) Frankreichs wieder ermittelnd, konstruierend und phantasierend unterwegs. Diesmal ist die 1957 geborene Pariserin auf den Spuren der französischen Revolution: Bei den Leichen zweier vorgeblicher Selbstmörder wird das Symbol einer Guillotine gefunden. Dieser Hinweis auf eine Gesellschaft von Revolutionsforschern, die Werk und Leben Maximilien Robespierres in lebenden Bildern, geheim und kostümiert nachstellen, kreuzt sich mit einer sehr fremden anderen Spur. Beinahe kommt es zur Palastrevolte im 13. Arrondissement, weil Adamsberg seiner Nase auf eine Insel am Polarkreis folgt, wo ein Afturganga (isländisch für Wiedergänger) im Nebel auf ihn wartet.

Konziser noch als in früheren Romanen gelingt Vargas die Verknüpfung anscheinend disparater Handlungsstränge zur einer Großmetapher, in der die Energien von Revolte und Revolution gebunden sind. Die „Eiszeiten“ des französischen Titels kollidieren mit dem Humanfeuer der Empörung.
„So wie Commissaire Adamsberg, das Genie der Intuition, mit all seinen Spleens in die Reihe der unvergesslichen Detektive gehört, so unverwechselbar ist Madame Vargas mit ihrer Kombination von Alltagsrealismus und skurriler, fast surrealistischer Phantasie. Was bei Queen Agatha ein hoch kompliziertes, aber trockenes Mordrätsel war, das veredelt ihre Nachfolgerin mit jener Mischung von Intelligenz, Ironie und Amüsement, die auf gut Französisch „esprit“ heißt und im Krimi so selten ist wie im Leben. Prickelnder Lesegenuss, Champagnerlektüre: ‚Vive la reine!‘“ (Jochen Vogt)
„In der Erfindung herrlicher Spleens wie auch versponnener Wendungen kann kaum ein Autor Fred Vargas das Wasser reichen. Sie schickt einen in einen tiefen, dunklen, wunderbar spannenden Wald, wo hinterm Baum Danton ebenso hervorspringen kann wie ein Eber namens Marc.“ (Sylvia Staude)

Neu auf der KrimiZEIT-Bestenliste Januar finden Sie vier Titel: zwei südafrikanische, einen marokkanischen, und einen amerikanischen. Bemerkenswert: Insgesamt vier Titel stammen bzw. handeln in Afrika.

Neu sind:
Auf Platz 5: Tal des Schweigens von Malla Nunn (original 2012: Silent Valley/Australien und Blessed are the Dead/USA, UK)
Die 1963 in Swaziland geborene Malla Nunn ist meines Wissens die einzige farbige Autorin aus Südafrika, deren Kriminalromane auf Deutsch erhältlich sind. Sie floh in den Siebziger Jahren mit ihren Eltern vor dem wahnwitzigen Apartheid-Regime nach Westaustralien, wo sie auch heute lebt. Sie wurde als Filmemacherin bekannt und ausgezeichnet. In ihrer Romanserie um den „weiß“ aussehenden, aber aufgrund einer „schwarzen“ Großmutter aber „rassisch“ zu „nicht weiß“ herabgestuften und damit aus dem höheren Dienst ausgeschiedenen Detective Emmanuel Cooper greift sie eigene familiäre Erfahrungen auf. Intelligent verknüpft sie in den Figurenbiographien Coopers und seiner beiden Helfer, dem aus Dachau entkommenen jüdischen Arzt Zweigmann und dem Zulu-Constable Shabalala, Nachkriegszeit und Etablierung des rassistischen Apartheidsystems.

In ihrem dritten Roman (nach Ein schöner Ort zum Sterben und Lass die Toten ruhen) wendet sie sich einem neuen Aspekt der fünfziger Jahre zu: der Unterdrückung respektive den Befreiungsmöglichkeiten der Frauen, dem doppelten Unterdrückungszusammenhang von patriarchaler und rassistischer Gewalt in den beiden traditionalistischen Kulturen der Zulus und der Afrikaaner. Opfer ist eine junge schwarze Schönheit, die wie auf einem Altar liegend ermordet aufgefunden wird.

„Kriminalliteratur in bester feministischer Tradition“ (Thekla Dannenberg, Perlentaucher)
„Keine Folklore im Kraal, sondern eine sparsam orchestrierte Landeskunde, die den Nachweis führt, wie kaputt das Apartheiddenken damals schon war und warum es dennoch bis heute fortwirkt als langsam wirkendes Gift.“ (Hannes Hintermeier, FAZ)

Auf Platz 6: Exodus aus Libyen von Tito Topin (original 2013: Libyan Exodus)
Mit Exodus aus Libyen kehrt nach 25 Jahren Abwesenheit der 1932 in Casablanca geborene, seit 1966 in Paris lebende Illustrator, Drehbuchautor und Schriftsteller Tito Topin zu den deutschen Lesern zurück. (1990 und 1991 sind von ihm 4 Kriminalromane in der Edition Tiamat erschienen). Exodus aus Libyen ist der erste Kriminalroman, der die „Arabellion“, und zwar in der wüsten Ausprägung des Bürgerkriegs in Libyen, thematisiert. Kurz vor dem Sturz Gaddafis, den alle nur „Pourriture“ (Verderbtheit) nennen, fliehen acht Menschen aus Tripolis. In einer Wüstenstadt, besetzt von der „regulären“ Armee, überflogen von französischen Jagdfliegern, werden sie in einem halb zerstörten Hotel mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, mit Lebenslügen und Überlebenskompromissen.

Topin geht zurück hinter die vom Religionskrieg dominierten Klischees und zeigt einzelne Menschen mit ihren Schicksal, ihren Entscheidungen und fast ohne Zukunft. Denn kaum einer Person wird die Flucht gelingen.
„Alles ist Atmosphäre, Bewegung, Rhythmus oder ein Gesicht in Großaufnahme.“ (Thekla Dannenberg, Perlentaucher)

Auf Platz 8: Cop Town von Karin Slaughter (original 2014: Cop Town)
In diesem stand alone arbeitet die 1971 in Alabama geborene Karin Slaughter Heimatgeschichte auf. 1974 wird die Stadt von einer Gruppe rassistischer, saufender Bullenmachos beherrscht. Polizistinnen wie Maggie, die aus einer verarmten angelsächsischen Familie stammt, und die junge Soldatenwitwe Kate mit jüdisch-holländischem Mittelklassebackground raufen sich gegen diese Herrenrasse zusammen – ein literarisches Manifest für Vielfalt und Divergenz lange post festum. Die Frauen sind es, die am Ende den Laden übernehmen und sich als gute Cops erweisen – der in Serie Polizisten abknallende „Shooter“ entpuppt sich als kriegstraumatisierter Unhold. Schwarze abknallende Polizisten – damals wie heute das vorherrschende Muster – tauchen kaum auf.

„Slaughter bedient sich bei den Konventionen des buddy movie, dem männlichsten aller Filmgenres, und stellt diese auf den Kopf, indem sie Frauen in den Männerrollen besetzt und die Männer als läppische (aber nicht ungefährliche) Macker inszeniert, die hinter Bierdosen und Zoten ihre Angst und Verunsicherung nur noch mühsam verbergen können.“ (Marcus Müntefering, Spiegel online)

Auf Platz 9: Die Unschuld stirbt, das Böse lebt von Paul Mendelson (original 2014: The First Rule of Survival)
Was wie ein weiterer marktgängiger Versuch der Verlagsbranche wirkt, auf den rasenden Zug der Südafrika-Krimis aufzuspringen, entpuppt sich zum Glück als intelligentes Erzählstück eines britischen Newcomers, der in Kapstadt ein zweites Zuhause und den Ort seiner literarischen Inspiration gefunden hat. Paul Mendelson, Jahrgang 1965, war dem britischen Publikum vor allem als Reiseschriftseller und Autor von Büchern über Bridge, Poker und „mind-games“ bekannt.Sein Wechsel ins Krimigenre hat diesem gut getan. Im seinerzeit von Jean-Patrick Manchette zu Recht gepriesenen und selten in dieser Perfektion verwendeten „behavioristischen Stil“, der Figuren fast ausschließlich über ihre Handlungen beschreibt, erzählt Mendelson eine harte, üble Story über Kindesentführung, ein Pädophilenkartell und die Machtstrukturen des modernen Südafrika, die die Kinderschänderbande direkt schützen oder durch Inkompetenz ihre Aufdeckung behindern. Ein Bulle aus dem alten System – einer dieser dem Alkohol verfallenen und irgendwie den Polizeiidealen verhafteten Knorzköpfe, Deon Meyer lässt grüßen – beißt sich durch, rücksichtslos gegen sich und andere. Ein tolles Stück voller bitterer Einsichten. Darunter diese: „Das neue Südafrika braucht manchmal die Polizei des alten Südafrika.“
Bescheuert an diesem Buch ist nur der deutsche Titel, der offensichtlich die potentiellen Leser mit ödem Stammtisch-Moralismus abschrecken oder ihnen vorgaukeln will, sie bekämen es mit etwas Elizabeth-George-Ähnlichen zu tun. Werch ein Illtum.

Unsere Dauerchampions: Zum dritten Mal stehen Fred Vargas mit Das barmherzige Fallbeil und Oliver Bottini mit Im weißen Kreis auf der KrimiZEIT-Bestenliste.

Die KrimiZEIT-Bestenliste Januar wird am 7.1.2016 in der Wochenzeitung DIE ZEIT, auf ZEITonline unter www.zeit.de/krimizeit-bestenliste und im Nordwestradio veröffentlicht, am Donnerstag, den 7.1.2016 gegen 9.20 live mit Tobias Gohlis und in den Sendungen der „Buchpiloten“, nachzuhören unter www.radiobremen.de/nordwestradio/serien/krimizeit/bestenliste100.html

Hier können Sie die KrimiZEIT-Bestenliste aus der Wochenzeitung DIE ZEIT downloaden download(KrimiZEIT_Bestenliste_Januar_2016.pdf) und als Plakat ausdrucken.

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