Literaturpreise Frankfurt: Shortlist-Lesung mit vier Nominierten

Anne Weber, Deniz Ohde, Bov Bjerg und Dorothee Elmiger vor dem Literaturhaus Frankfurt

Am gestrigen Sonntag, 27. September, fand im Literaturhaus Frankfurt die Shortlist-Lesung zum Deutschen Buchpreis statt. Christine Wunnicke (Die Dame mit der bemalten Hand, Berenberg Verlag), hatte bereits im Vorfeld abgesagt, Thomas Hettche (Herzfaden, Verlag Kiepenheuer & Witsch) hatte sich kurzfristig entschuldigt. So wurde es der Leseabend eines Quartetts.

Gastgeber Hauke Hückstädt begrüßte die Gäste – aufgrund der Hygienevorschriften konnten im Lesesaal nur 50 statt 200 Zuhörer die Lesungen und Gespräche verfolgen. Ein Livestream ermöglichte jedoch die weltweite Teilnahme von Interessierten. Die Veranstaltung war auch in der 13. Auflage ein Kooperation des Kulturamtes Frankfurt am Main und des Literaturhauses der Stadt. Der Sender hr2-kultur überträgt die Lesungen ab 5. Oktober.

Hückstädt würdigte den Deutschen Buchpreis, der am 12. Oktober zum 16. Mal vergeben wird, als „wirkungsmächtigste Auszeichnung“. Die sechs Nominierten seien bereits ausgezeichnete Autoren.

Zum ersten Dialog kamen die Schweizer Autorin Dorothee Elmiger und Moderator, Kritiker und Autor Christoph Schröder auf die Bühne und stellten den Roman Aus der Zuckerfabrik, Carl Hanser Verlag, vor. Das Buch steht auch auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises.

Schröder bezeichnete Elmigers drittes Buch als „spannende Mischung aus Essay und erzählerischem Text“. Eine kurze Passage stimmte die Zuhörer ein. Schröder wollte anschließend wissen, ob es eine Urszene für den Roman gebe. Elmiger nannte eine Dokumentation über den ersten Schweizer Lottokönig Werner Bruni. Er sei eine faszinierende Figur gewesen, habe seine glücklichste Zeit auf Haiti verbracht – als einfacher Arbeiter.

Zu ihrer Arbeitsweise, bei der viele Handlungsstränge zu beachten waren, erläuterte Elmiger, dass sie versucht habe, ihr Denken zu ordnen. Sie habe nichts konstruiert, alles passiere beim Schreiben, das ein langer Prozess sei.

Hygienevorschriften: Stühle und Tische wurden abgewischt, die Mikrofone ausgetauscht. Dann nahm das zweite Doppel auf dem Podest Platz. Die Schriftstellerin Deniz Ohde unterhielt sich mit Miriam Zeh (Deutschlandfunk). Beide stellten Zehs Debüt Streulicht, Suhrkamp Verlag, vor. Zeh bezeichnete den Roman als Bildungsbiografie einer Jugendlichen, die in den 1990er Jahren aufwächst und sich im Schulsystem zurechtfinden muss. Sie hat einen deutschen Vater und eine türkische Mutter. Ihr Name taucht nie auf. „Ich war anfangs sehr wütend, wollte aber kein Pamphlet gegen das Schulsystem schreiben“, sagte Ohde über ihren Antrieb zum Roman. Allerdings habe sie die „wütenden Texte“ noch in einem Ordner „Outtakes“. Zeh fragte nach, ob es im Roman um so etwas wie „Sozialscham“ gehe. „Das ist für mich nicht das richtige Wort. Es geht eher darum, vor den Kopf gestoßen zu werden, die Codes der Anderen nicht zu verstehen“, antwortete Ohde. Eigene Erfahrungen seien in das Buch eingeflossen, aber die Person, um die es im Roman geht, habe sich beim Schreiben verselbständigt. Anliegen der Autorin ist es, abstrakte Begriffe wie „Chancengleichheit“ literarisch erfahrbar zu machen.

In der dritten Runde sprachen Bov Bjerg und Christoph Schröder über den Roman Serpentinen, Claassen Verlag. Der Autor sei mit dem inzwischen verfilmten Bestseller Auerhaus bekannt geworden. Im neuen Roman gehe es um einen Mann mit Depressionen, der mit seinem siebenjährigen Sohn in seine Heimat, die Schwäbische Alb, unterwegs ist. Herkunft könne nicht abgestreift werden, unterstrich Bjerg, der ebenfalls von dort stammt. Schröder bemerkte nach der Lesung, dass er Serpentinen als ein düsteres Buch mit sarkastisch-heiterem Unterton verstehe. Dem stimmte Bjerg zu; der Erzähler sei nicht dauerhaft depressiv und suizidgefährdet, sondern habe auch andere Momente. Zur Schwäbischen Alb sagte der Autor, dass dies schon eine besondere Landschaft sei – allerdings dürfe er keine Tourismusreklame machen. Auch seinem Roman liege ein Art Urszene zugrunde; er sei an der im Bau befindlichen Schnellbahnstrecke Stuttgart – Ulm gewesen, habe mit seinem Sohn jeweils zwei einander gegenüberliegende riesige schwarze Löcher in den Bergen gesehen, im Tal erhoben sich Brückenpfeiler. „Für mich war das Abscheu und Faszination zugleich“, verriet Bjerg. Das Tal allerdings sei wohl auf Jahrhunderte durch diese Brücke zerstört.

Ob schlussendlich auch der Protagonist sich selbst zerstört, bleibt offen. Zwar lägen auf ihm drei familiäre Schichten von Selbsttötung, aber Befreiung sei immer möglich.

Den Abschluss der Shortlist-Lesung bestritten die Autorin Anne Weber und Miriam Zeh. Im Mittelpunkt stand Annette, ein Heldinnenepos, Verlag Matthes & Seitz. Zunächst stellte Weber klar, dass, wenn die Hauptfigur ein Mann gewesen wäre, der Titel nicht „Heldenepos“ gelautet hätte. Mit nur wenigen Buchstaben ergebe sich ein anderer Blick auf die Worte. Annette, 1923 geboren, in der französischen Résistance aktiv, nach dem Krieg Neurophysiologin, später beim Aufbau des algerischen Gesundheitswesens dabei, Mutter von drei Kindern, gibt es wirklich. Ausgangspunkt für das Buch war eine Begegnung mit dieser Frau namens Anne Beaumanoir. „Ich war von diesem Menschen angezogen“, gestand Weber. Aber erst allmählich sei etwas daraus entstanden. „Das Buch ist mein Blick auf ihr Leben, es ist nicht ihr Leben“, betonte Weber. Die Form des Versepos sei der Autorin als einzig mögliche für den Umgang mit der Geschichte dieser ungewöhnlichen Frau erschienen.

Wer nach der zweistündigen Veranstaltung Lust auf mehr Literatur hatte, konnte sich im Foyer mit den Büchern der Shortlist eindecken.

JF

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