Garry Disher auf Platz 1 der KrimiZeit-Bestenliste im April – hier zum Ausdrucken

An der Spitze der KrimiZEIT-Bestenliste April 2016 finden Sie weiterhin auf Platz 1: Bitter Wash Road von Garry Disher. Garry Disher (*1949), vielseitig als Sachbuch-, Kinder- und Jugendbuchautor, Dramatiker und Kriminalschriftsteller tätig, ist in Deutschland immer noch – auch im Vergleich zu seinen Kollegen und Landsleuten Peter Temple und Michael Robotham – eine eher leise Empfehlung.

Das hat vielleicht damit zu tun, dass seine in der Nachfolge Richard Starks aka Donald E. Westlake stehende famose Serie um den vornamenlosen Verbrecher Wyatt in dem ebenso famosen, aber leider reichweitenschwachen Verlag Pulp Master (für Fans ein Muss!) erscheint. Im Unionsverlag hat Disher bisher sechs Romane mit Inspector Hal Challis veröffentlicht, genaue, feine Gesellschaftsbeschreibungen, in die das Kriminelle organisch eingewoben ist. Die Challis-Romane spielen auf der Halbinsel Mornington südöstlich von Melbourne, wo Disher wohnt. Mit Bitter Wash Road hat er sich einen Traum erfüllt: Sein neuer Held Paul „Hirsch“ Hirschhausen – dem weitere Romane beschieden sein sollen – ist in die von Weizen, Wolle und geschlossenen Kupferminen geprägte Gegend in South Australia nördlich von Adelaide versetzt worden, wo Disher aufgewachsen ist und ein Teil seiner Familie immer noch lebt.Diese Landschaft und die in ihr ums Dasein kämpfenden verstreuten Menschen sind die Hauptdarsteller in Bitter Wash Road. Es ist eine zugleich deprimierende und doch auch ermutigende Geschichte um den Tod eines jungen Mädchens, lokale und überregionale Polizeigewalt und –korruption, die Hirsch widerfährt, erzählt in einem ruhigen, genau die Abtönungen der Schatten beobachtenden Ton, von dem sich viele, viele Autoren eine Scheibe ablauschen sollten, könnten sie es denn. Kriminalliteratur vom feinsten: leise, genau, analytisch, „mit ernüchterter Zuneigung“ (Hannes Hintermeier) zu den menschlichen Wirrungen, die Disher beschreibt.
„Gesellschaftsmaler“ „mit langem Atem“ (Hannes Hintermeier, FAZ)
„Nicht unbedingt sind in einem Disher-Krimi die Dinge anders, als sie scheinen. Auch das ist seine hohe Kunst, dass er der Glaubwürdigkeit den Vorzug gibt vor dem Spektakulären.“ (Sylvia Staude, FR)

Neu auf der KrimiZEIT-Bestenliste April finden Sie sechs Titel: Insgesamt sind es 1 arabischer, 3 amerikanische, 1 irischer und 1 italienischer mit 2258 Seiten. Neu dabei sind:

Auf Platz 4: Vertigo von Ahmed Mourad (original 2007: Vertigo)
Vertigo war ein Bestseller in Ägypten. Ahmed Mourad, 1978 geboren, gelernter Fotograf und Filmemacher, hat seit diesem Debüt vier weitere Romane veröffentlicht – ebenfalls Bestseller. Vertigo und sein jüngster Roman The Blue Elephant sind verfilmt. Unter Kennern ist längst die Rede von einer Noir-Renaissance im arabischen Raum. Was Ahmed Mourad von seinen älteren arabischen Kollegen unterscheidet, ist, dass er nicht in Englisch wie der aus dem Sudan stammende Parker Bilal oder Französisch wie der Algerier Yasmina Khadra schreibt, sondern in Arabisch. Und zwar dem der Straße. Als sein dritter Roman The Blue Elephant 2014 auf die Shortlist des wichtigsten internationalen arabischen Literaturpreises kam, wurde er u.a. seiner Sprache wegen als unseriös kritisiert.
Vor knapp zwei Jahren hat der Lenos-Verlag Mourads zweiten Kriminalroman Diamantenstaub (von 2010) veröffentlicht. Er erzählt wie auch Vertigo aus der Perspektive eines alleinstehenden etwas träumerischen jungen Mannes, der mit einem allzu großen Verbrechen konfrontiert wird, als dass er schweigen könnte.
„Faszinierend sind für uns europäische Leser die Einblicke, die Mourad in die Seelenverfassung seiner Generation gibt: Es sind die gut ausgebildeten, aber frustrierten Zwanzig- bis Dreißigjährigen, die sich ein paar Jahre später auf dem Tahrirplatz versammeln werden, um die Paschas zu stürzen. (..) Einen Blick zurück in den Zorn bietet heute, nach dem vorläufigen Scheitern der „Arabellion“, die Lektüre von Ahmed Mourads Politthriller.“ (Tobias Gohlis, DIE ZEIT)

Die Plätze 6, 9 und 10 sind mit unterschiedlichen Varianten US-amerikanischer Kriminalromane besetzt, die ich auch als Regionalliteratur etikettieren könnte, würde ich damit nicht unerwünschte Assoziationen auslösen:

Auf Platz 6: Bull Mountain von Brian Panowich (original 2015: Bull Mountain)
In diesem Debüt-Roman geht es um Heimat und Familie: Die Burroughs beherrschen seit Generationen uneingeschränkt den Bull Mountain. Macht über Territorium und Familie geraten in Gefahr, als ein Bundespolizist den lokalen Sheriff Claymont Burroughs dazu gewinnt, gegen seinen Bruder, den despotischen Clanchef, vorzugehen.
„Über drei Generationen erstreckt sich diese Hillbilly-Version von „Der Pate“, die mit einem Brudermord beginnt und mit einem weiteren Bruderzwist dramatisch endet – allerdings vollkommen anders als erwartet.“ (Marcus Müntefering, Spiegel online)

Auf Platz 9: Das zerstörte Leben des Wes Trench von Tom Cooper (original 2015: The Marauders)
Auch dies ein Debüt: Tom Cooper ist vor einigen Jahren nach New Orleans gezogen. Jetzt greift er die dramatische Situation der Shrimpfischer auf, die in den Bayous nach Ölpest und Hurrikan Katrina nichts mehr fangen. Ein Set aus Hickory-Holz geschnitzter Fischern, Marihuana-Farmern und Losern setzt sich zur Wehr. Über den Sümpfen der Barataria-Bay übergroß die Tradition des lokalen Freibeuters Jean Lafitte.

Auf Platz 10: Mississippi Jam von James Lee Burke (original 1994: Dixie City Jam)
Fans von Dave Robicheaux, dem Ermittler im Sheriff-Department von New Iberia, den es immer wieder nach New Orleans zurück zieht, werden sich freuen: Mississippi Jam ist der erste einer Reihe von älteren bisher unübersetzten Robicheaux-Titeln, die der Pendragon-Verlag im Wechsel mit jüngeren herausbringen will. Im aktuellen, ebenfalls an der Barataria-Bay spielenden Roman soll Robicheaux, erfahren als Taucher und Kapitän, ein von mehreren Gruppen begehrtes Nazi-U-Boot bergen. Die US-Neonazis sind darunter die schlimmsten: Sie haben einen Psychopathen ausgesandt, gegen den Robicheaux wenig Chancen hat.

Nicht-amerikanisch sind die Plätze 7 und 8 besetzt:

Auf Platz 7: Schwarze Seelen von Gioacchino Criaco (original 2008: anime nere)
Aus eigener Anschauung speist sich Gioacchino Criacos Debütroman. Er rekapituliert die Biografien dreier junger Männer, die nach der Aufgabe ihres Bergdorfes Africo nach einer Naturkatastrophe zu den Ausgestoßenen gehören. Buchstäblich entwurzelt, „Abschaum“ in einer verhassten neuen Umgebung, schlagen sie sich mit Verbrechen durch, dabei die Tradition ihrer Familien pervertierend. Sie wollen nicht mehr als Handlanger der Mafia Entführungsopfer in den Bergen verstecken, sondern selber ans dicke Geld. Dabei verlieren sie Wurzeln, Ehre und Gewissen.
Der 1965 geborene Criaco lebt als Anwalt in Norditalien, seine Vater fiel einer Vendetta zum Opfer, sein Bruder sitzt als ehedem meistgesuchter Verbrecher im Gefängnis. Anime nere wurde in Italien verfilmt und ein großer Erfolg.
Auf Platz 8: The Big O von Declan Burke (original 2007: The big O)
Wer das Big O erblickt, hat noch lange nicht verschissen. Nach seinem experimentellen Kriminalroman Absolute Zero Cool von 2014 serviert die Edition Nautilus jetzt einen Vorgänger in rasant verschiedenem Ton: Schrill, temporeich, verdreht erzählt Declan Burke die Geschichte von vier Frauen und vier Männern, die sich alle gegenseitig abzocken, ent- oder verführen wollen. Und das dicke Geld dazu. „Screwball-Noir“ war das Verlegenheits-Etikett, das die britische Kritik vergab, um in diesem Wirbel von Text nicht unterzugehen.

Unsere Dauerchampions: Zum dritten Mal steht Ryan Gattis mit In den Straßen die Wut auf der KrimiZEIT-Bestenliste.

Die KrimiZEIT-Bestenliste April wird am 7.4.2016 in der Wochenzeitung DIE ZEIT, auf ZEITonline unter www.zeit.de/krimizeit-bestenliste und im Nordwestradio veröffentlicht, am Donnerstag, den 7.4.2016 gegen 9.20 live mit Tobias Gohlis und in den Sendungen der „Buchpiloten“, nachzuhören unter www.radiobremen.de/nordwestradio/serien/krimizeit/bestenliste100.html

Hier können Sie die KrimiZEIT-Bestenliste aus der Wochenzeitung DIE ZEIT downloaden download(KrimiZEIT_Bestenliste_April_2016.pdf) und als Plakat ausdrucken.

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