Literaturpreise Georg Kreisler nimmt Hölderlin-Preis entgegen

Georg Kreisler (l.) nimmt die Gratulation von
Jochen Hieber entgegen

Im Kurtheater von Bad Homburg fand heute die feierliche Verleihung des Friedrich-Hölderlin-Preises statt.

Oberbürgermeister Michael Korwisi begrüßte die Gäste und erläuterte, warum mit einer Tradition in diesem Jahr gebrochen wurde: Der Preis wurde seit 1983 stets am 7. Juni, dem Todestag Hölderlins, verliehen. Doch ab 2010 wird diese Veranstaltung jeweils am Sonntag vor dem 7. Juni stattfinden, um mehr Besuchern die Teilnahme an der Feier zu ermöglichen.

Michael Korwisi erinnerte daran, dass der Preis nicht nur von der Stadt, sondern auch von der Stiftung Cläre Jannsen verliehen wird, eine Dame, die in Bad Homburg lebte und Hölderlin verehrt hat.

Mit Georg Kreisler wird kein Kabarettist, kein Chansonnier, kein Satiriker, kein Komponist, sondern ein Literat für sein Lebenswerk geehrt, unterstrich der Oberbürgermeister. „Georg Kreisler zu hören und ihn zu verstehen, das sind manchmal zwei sehr verschiedene Vorgänge“, fügte er hinzu.

Eva Baronsky erhält den Förderpreis für ihr Debüt Herr Mozart wacht auf [mehr…], weil sie aus einer kleinen Idee einen großen Roman entstehen ließ. Der Jury unter Vorsitz von Jochen Hieber, FAZ, gilt ein besonderer Dank für ihre Arbeit.

Kulturdezernentin Beate Fleige stellte anschließend die Autorin Eva Baronsky mit ihrem Erstlingswerk, in dem sich ein Wolfgang Mozart im Wien der Gegenwart zurechtfinden muss, vor und würdigte es als sehr originelle Variation der Künstlernovelle. Die Laudatorin lobte die leichte, fast musikalische Sprache, die gründlichen Kenntnisse der Autorin über Mozart und den subtilen Witz.

Im Anschluss an die Übergabe des mit 7.500 Euro dotierten Förderpreises las Eva Baronsky aus ihrem Roman und wurde von Andreas Hertel am Klavier begleitet.

Die Schriftstellerin und Autorin Eva Menasse begann ihre Laudatio auf Georg Kreisler mit einer Erinnerung an ein Interview, das sie mit ihm vor 13 Jahren führte. Damals hatte er sich gerade in einem offenen Brief an die Republik Österreich jedwede Glückwünsche zu seinem 75. Geburtstag verbeten.

Was zeichnet Georg Kreisler aus? Er setzte seinen Verswurm als Gegenstück zum landläufigen Ohrwurm. Er formte „Sätze, die das Krönchen des Aphorismus tragen“, erläuterte Eva Menasse und lieferte via MP3-Player gleich den Beweis.
Viel zeichnet Georg Kreisler aus, vor allem, dass seine Kunst dem Zeitgeist stets ein Stück voraus ist. Folgerichtig hat der Autor bisher keine nennenswerten Auszeichnungen erhalten; aber das änderte sich ja heute.

Kreisler schrieb nie für die breite Masse, nie für Zuhörer, die sich zwar den Abend versüßen, aber nicht den Magen verderben lassen wollten. Georg Kreisler ist in Wahrheit kein lustiger, sondern ein tieftrauriger Künstler. Er ist ein stolzer Perfektionist, seine Waffe und seine hohe Kunst ist die Sprache. Die bekanntesten schwarzhumorigen Lieder sind auf das Gesamtwerk gesehen in der Minderheit. 1938 stellte er, 16-jährig, fest, dass Menschen über Nacht zu räudigen Hunden werden. Resultat dieser Erlebnisse ist eine überaus sensible politische Wachsamkeit. Den Künstler prägt eine „grimmige Unbehaustheit“, der als seelisches Pendant eine militante Unangepasstheit gegenüber steht.

Zum Abschluss ihrer Laudatio forderte Eva Menasse den Künstler auf: „Seien Sie nicht so grob zu ihren Liedern!“, und stellte fest: „Ab heute ist Schluss mit der Lob-Vermeidungs-Strategie!“

Was das alles mit Hölderlin zu tun habe, begründete Eva Menasse mit zwei Worten: Poesie und Polemik.

Georg Kreisler griff in seiner Dankesrede den Dichter Friederich Hölderlin gleich auf, er begegnete ihm mit 15 Jahren im Chor. Gemeinsam sang man das Schicksalslied von Brahms, den Text dazu hatte Hölderlin geschrieben. „Die Worte beeindruckten mich und bekamen 1938 eine ganz andere Bedeutung“, erklärte Kreisler. Er fühlte sich mit Hölderlin sofort verwandt. Der Dichter des Hyperion hatte Probleme mit Kritikern, Kreisler zitierte Marcel Reich-Ranicki (der etwa zeitgleich in der Frankfurter Paulskirche mit der Ludwig-Börne-Medaille für sein Lebenswerk geehrt wurde) und versicherte sogleich, dass dies keine Kritik am Kritiker sei, sondern vielmehr eine Verteidigung Hölderlins. „Kritiker sind Journalisten, dagegen ist nichts zu sagen, es sei denn, sie wollten Künstler sein“, unterstrich er seine Worte.

Auf seine Autobiografie anspielend, in der er schreibt: „Ein Publikum, dem die Kunst fehlt, geht nur ungern ins Theater und kauft nur neue Bücher, die genügend Reklame haben. Schließlich verwahrlost das Publikum, und die Gesellschaft verroht. Die Welt wird ärmer, die Künstler ziehen sich zurück, werden immer fremder, und auf allen Seiten entsteht Hass. Die Zeit ist jetzt“, relativiert er diese Aussage zum Schluss ein wenig: „Diese Matinee ist ein utopisches Nest im Sinne Hölderlins“.

Die Veranstaltung wurde musikalisch mit Uraufführungen von Werken Georg Kreislers, entstanden in New York in den 1950er Jahren und interpretiert von Sherri Jones, umrahmt.
JF

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