Bücher heute in den Feuilletons – und natürlich mehr : u.a. Streit um Elke Heidenreichs Auftritt zu den Salzburger Festspielen

Die Zeit

„Was kann die junge jüdisch-amerikanische Literatur?“ fragt Georg Diez und hat sich dazu Bücher von zwei Autoren angesehen: Nathan Englander „Das Ministerium für besondere Fälle“ und „Zur Linderung unerträglichen Verlangens“ (beide Luchterhand) und Shalom Auslander „Eine Vorhaut klagt an“ und „Vorsicht, bissiger Gott“ (beide Berlin): „Sie schreiben aus der Perspektive des Arrivierten, des Angekommen. Man muss ihnen das nicht vorwerfen, man kann es einfach nur mal bemerken.“

„Verlage veröffentlichen zu viel Entbehrliches“ – ist eine alte Feuilletonklage; diesmal erhoben von Ulrich Greiner: Er erinnert an einen Coup von Siegfried Unseld aus dem Jahr 1983, der damals verkündete, einfach in diesem Jahr kein neues Programm zu machen, sondern nur Backlist-Titel wieder aufzulegen. Das war die Geburtsstunde des „Weißen Programms“. „Auch der erste Blick in die Herbstproduktion weckt den Wunsch, die Verlage mögen damit aufhören, die Regale mit vollkommen Entbehrlichem vollzustopfen.“ Ist schon recht, Herr Greiner.

Rezensionen
Bernadette Conrad hat zwei neue Bücher über Franziska von Reventlow] (Igel und Aufbau) gelesen, Thomas Speckmann hat sich Oliver Roys „Der falsche Krieg“ (Berlin) angesehen, Dorion Weickmann rezensiert Ann Kirschners „Salas Geheimnis“ (S. Fischer). Das „Buch im Gespräch“ ist diese Woche Walter Laqueur „Gesichter des Antisemitismus“ (Propyläen) – Will Jasper rezensiert den großen Essay über Geschichte und Aktualität der Judenfeindlichkeit.

Gabriele Killert hat sich ganz ordentlich amüsiert mit Jochen Schmidts „Meine wichtigsten Körperfunktionen“ (C.H. Beck): „Der Wille zur Originalität ist in diesen Texten ebenso stark wie die Liebe zu ausgefallenen Einfällen…“, Ursula März schreibt über Ulrike Draesner „Schöne Frauen lesen“ (Luchterhand): „Ulrike Draesner ist der Glücksfall einer rundum Interessierten.“

„Brecht hat viele Erben“, behauptet Wilhelm Trapp, der sich AugsburgBrechtConnected (abc) [mehr…] angesehen hat. Im Gegensatz zu vielen Journalistenkollegen hat er nicht zu mäkeln: „Fernab vom rot-goldenen Kitsch der Brecht-Revuen nimmt es Brecht als Inspirator, Reizwortgeber und Streitfigur, an der man weiterdenkt.“

Krimi der Woche ist (besprochen von Tobias Gohlis) Robert Brack „Und das Meer gab seine Toten wieder“ (Nautilus).

Frankfurter Rundschau

Peter Michalzik darüber, dass Elke Heidenreich in diesem Jahr die Salzburger Festspiele eröffnen soll. Dort sei sie „der Aufreger vor Beginn der Festspiele, weil sie nicht das Format habe, um den Festspielen die höheren Weihen zu geben“. Michalzik mein: „Liebe Salzburger, habt Euch nicht so, trinkt Euren Champagner vor der Veranstaltung und macht Platz für die Promilimousinen, da passt unsere Heidenreich allemal dazu.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die FAZ druckt ab heute Ruth Klügers zweiten Teil der Lebenserinnerungen „weiter verloren“ [mehr…] (Zsolnay) ab – Hubert Spiegel schreibt dazu eine kurze Einführung.

Zu Festnahme von Karadzic interviewt Hannes Hintermeier den bosnischen Autor Dzevad Karahasan („Berichte aus einer dunklen Welt“, Insel): „Die Herrschaften, die seit 1993 über uns schalten und walten, wussten in jedem Augenblick Bescheid, wo Karadzic sich aufhält… Man hat ihn jetzt verhaftet, um die Öffentlichkeit von einem anderen Ereignis abzulenken, zum Beispiel der endgültigen Privatisierung der Wirtschaft oder der endgültigen Teilung Bosniens.“ Karahasan lässt keinen Zweifel daran, dass er Karadzic („Ich kenne ihn ein wenig persönlich.“) für ein Opfer der Geschichte hält. Und weiter zu Karadzic: Romanautor Beqë Cufaj: „Weil die Opfer dazu verdammt sind, für immer zu schweigen, müssen nun die Täter sprechen. Das tun sie ungern. Sie wollen zurückkehren ins normale Leben…“

Wolfgang Schneider rezensiert Norman Manea „Oktober, acht Uhr“ (Hanser): „Geduldige Leser sind gefordert. Sie werden die Lektüre nicht bereuen.“ Besprochen wird weiter Hans Traxler „Meine Klassiker“ (Reclam).

Annotationen
Rainer Moritz „Ich Wirtschaftswunderkind“ (Piper) und Heinz Ludwig Arnold „Hans Jacob Chistoffel von Grimmelshausen“ (Edition text + kritik)

Im „Reiseblatt“ eine große Reportage der Schriftstellerin Elsemarie Maletzke über das Wesen des Whisk(e)y: „Die Engel naschen gerne vom Single Malt“.

Die Welt

Ein historisches Skizzenheft zum „Struwwelpeter“ ist verschwunden – Uwe Wittstock berichtet.

Süddeutsche Zeitung

Alex Rühle schreibt in einer Kolumne darüber, wie den Briten der Literaturkanon völlig Wurst ist. Wussten Sie, dass es seit 2001 im Wiener Museumsquartier die „Bibliothek der ungelesenen Bücher“ gibt? Die „Preisträger wechseln sich ab: „Zettels Traum“ stand schon sechsmal an der Spitze, gefolgt vom „Kapital“, „Zauberberg“ und „Krieg und Frieden“. Wären wir Briten, wäre uns das auch Wurst.

Mona Naggar schreibt, warum die erwartete literarische Revolution im Irak ausbleibt, Harald Eggebrecht blättert im www.codex-sinaiticus.net – der ältesten Bibel, die man nun im Internet besichtigen kann.

Rezensionen
Nico Bleutge über Miljenko Jergovic „Das Walnusshaus“ (Schöffling & Co.), Franziska Augstein über Kurt Pätzolds „Die Geschichte kennt kein Pardon“ (edition ost), Christoph Luzi über Bettina Hausler über „Der Berg“ (Hirmer) und Christoph Schröder über Willy Vlautins „Motel Life“ (Berlin).

Neue Zürcher Zeitung

Sieglinde Geisel über die von Schließung bedrohten Berliner Büchereien. Schlägt jetzt die Stunde der Ehrenamtlichen?

Peter Geimer rezensiert W.J.T. Michells „Bildtheorie“ (Suhrkamp), Stefana Sabin zwei Bücher über die deutsche Sprache: Jutta Limbach „Hat Deutsch eine Zukunft“ (C.H. Beck) und Jürgen trabant „Was ist Sprache?“ (C.H. Beck). Hans-Jürgen heise hat Essays über Schlüsselfiguren der Moderne geschrieben. Die Essaysammlung heißt „Rangierbahnhof fremden Lebens“ und ist bei Wallstein erschienen. Martin Krumbholz rezensiert.

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