Heute in der FAZ: Hanser legt Zahlen auf den Tisch, die ein klares Bild von den Folgen des Übersetzerstreits zeigen

Heute und morgen tagt in München die Arbeitsgemeinschaft Publikumsverlage, und dabei wird es auch um ein Thema gehen, das sich immer deutlicher zum beherrschenden Streitpunkt der Branche entwickelt: die Vergütung der Übersetzer. Dazu schreibt heute Hannes Hintermeier in der FAZ: „Im Kern geht es um die Frage, ob ein Autor, der unter Umständen mehrere Jahre und auf eigenes Risiko an seinem Manuskript gearbeitet hat, gleichberechtigt neben seinem Übersetzer stehen soll, der einen vertraglich festgelegten Auftrag erledigt. Man darf davon ausgehen, daß es guter Branchenkonsens ist, wenn Übersetzer ein ordentliches Auskommen haben. Die Forderungen, die die in der Gewerkschaft Verdi organisierten Übersetzerverbände vorgelegt haben, zielen hoch. Haben die Gerichte die derzeit gängigen Seitenpreise zwischen siebzehn und zwanzig Euro in der ersten Instanz als angemessen beurteilt, beharren die Übersetzer künftig ab dem ersten Exemplar auf einer Honarabeteiligung von drei Prozent (bislang ein Prozent, jeweils ab zu verhandelnder Auflagenhöhe) sowie auf einem bis zum Zwölffachen gesteigerten Anteil an den Verkaufserlösen von Nebenrechten.“
Hintermeier hat sich beim Münchner Hanser Verlag umgehört: Michael Krüger, Friedbert Stohner und Dirk Stempel legen jetzt ihre Zahlen auf den Tisch. „Man sei betriebswirtschaftlich an einem Punkt, an dem man dem Eindruck entgegentreten müsse, die Verlage würden immer reicher“, erläutert Krüger seine Beweggründe gegenüber der FAZ: „Wenn die Gerichte für die Übersetzer entscheiden, sind fünfundachtzig Prozent unserer Bücher nicht mehr kalkulierbar.“

Und so sehen die Zahlen aus – Beispiel eins: Anna Gavaldas Roman „Zusammen ist man weniger allein“ hat bei 104.000 verkauften Exemplaren dem Übersetzer ein Pauschalhonorar von 11.375 Euro gebracht; dazu kommen ein Prozent Beteiligung ab einer verkauften Auflage von 30.000 Exemplaren (17.219 Euro) sowie ein Lizenzerlös durch den Verkauf der Taschenbuchrechte von 1.000 Euro (diese Zahl kann bei hohen Taschenbuchverkäufen noch steigen) – in der Summe also 29.594 Euro, das entspricht einem Seitenpreis von 43,53 Euro.

„Folgte das Landgericht München den Übersetzervorstellungen, sähe die Sache deutlich anders aus; bei gleichem Pauschalhonorar kämen durch die erhöhte Erfolgsbeteiligungen ein Gesamthonorar von 70.748 Euro zustande, was einem Seitenpreis von 108 Euro entspräche“, schreibt Hintermeier.

Beispiel zwei: Stefan Chwins Roman „Der goldene Pelikan“. Bei 9.445 verkauften Exemplaren bekommt der Übersetzer 7.700 Euro (22 Euro je Seite), nach der Neuregelung bekäme er 26.250 Euro, mithin ein Seitenhonorar von 75 Euro.

„Ein Blick auf die Programmstruktur des vergangenen Jahres zeigt, daß Hanser in der Kategorie Romane/Erzählungen 42 Titel veröffentlicht hat, davon 23 in Übersetzungen. Sechzehn der 23 Bücher bewegten sich in Auflagen unter zehntausend und damit unterhalb der Beitragsdeckungsgrenze, sieben darüber, aber von diesen sieben wieder nur drei über fünfzigtausend Exemplaren (Philip Roth, Orhan Pamuk, T.C.Boyle) und nur eines über hunderttausend Exemplaren (die bereits erwähnte Anna Gavalda). Bei den deutschsprachigen Titeln haben es von neunzehn publizierten ganze zwei über die Marke von zehntausend gebracht: Wilhelm Genazino (65.285) und Arno Geiger (17.7803), letzterer deutlich vom ersten Deutschen Buchpreis beflügelt.“

Sogar ein Autor wie Elias Canetti – das zeigen die Hanser-Zahlen – zieht nicht einmal in seinem Jubiläumsjahr deutlich an: Vom zehnten und abschließenden Band der Werkausgabe sind in der Kulturnation Deutschland, die stolz ist auf ihre zahlreichen öffentlichen Bibliotheken, gerade einmal 679 Exemplare verkauft worden. Und von den Essays des Jorge Luis Borges waren es nur 466 Stück.

Derzeitiges Fazit: „Im Jahr vier nach der Urheberrechtsreform zeichnet sich ein Ende mit Schrecken ab. Der Börsenverein hat spät reagiert, arbeitet jetzt hektisch nach, um eine Eskalation zu verhindern. Aber Appelle scheinen nicht mehr zu fruchten. Eine Machtprobe steht bevor: Die Frage nach ‚Redlichkeit’ und ‚Angemessenheit’ wird bis vor den Bundesgerichtshof kommen – und diese Lösung erscheint wenig sinnvoll. Michael Krüger: ‚Einen Proust-Übersetzer und einen, der bei Ullstein Krimis übersetzt, über den gleichen Kamm von Verdi zu scheren – bei dieser Vorstellung wird man geradezu verrückt.’ Schon gibt es, nicht nur bei Hanser, Überlegungen, mit den Verträgen nach Österreich oder in die Schweiz auszuweichen.

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.