Joachim Güntner in der NZZ zur Top-Personalie Thorsten Ahrend: Mehr Gegenwartsliteratur bei Wallstein

„Es ist keine Neugründung eines Verlages, nur die Erweiterung des Programms, Aufsehen aber wird das Ganze dennoch machen. Der Wallstein-Verlag, dem wir hübsche Neuausgaben von Texten aus der Zeit der Aufklärung verdanken, Wiederentdeckungen aus der klassischen Moderne wie Gertrud Kolmar, allerschönste Briefwechsel (Benn), grandiose Geheimberichte (Zuckmayer) und Autobiografien (Ruth Klüger), dazu viel Gediegenes aus den Wissenschaften – dieses vom Verleger Thedel von Wallmoden sehr geschickt gelenkte Göttinger Unternehmen verstärkt sein belletristisches Engagement. Die Gegenwartsliteratur, auch schon bisher vertreten, aber ohne rechte Kontinuität, rückt ins Hauptprogramm und soll dort künftig jede Saison mit einem halben Dutzend Titeln vertreten sein.

Möglich macht dies der Eintritt Thorsten Ahrends [mehr…], zuletzt Lektor bei Suhrkamp, vorher bei Gustav Kiepenheuer und Reclam Leipzig. Ahrend, ein geschätzter Mann in der deutschen Literaturszene, bringt mit, was eine solche Initiative braucht: vorzügliche Kontakte zu Autoren, Überblick über literarische Tendenzen, eine reiche Erfahrung im Umgang mit Manuskripten.

Verträge mit neuen Autoren sind gemacht, die Manuskripte liegen vor. Thedel von Wallmoden, der Ahrend seit 1993 kennt und ihn seinerzeit zu Suhrkamp geholt hat, vertraut dem Freund so sehr, dass Ahrend quasi Gesellschafterstatus erhält und den Bereich Gegenwartsliteratur bei Wallstein allein verantwortet. Im Frühjahrsprogramm 2005, dem ersten erweiterten, werden fünf gestandene Schriftsteller ihren Auftritt haben: Heinz Ludwig Arnold liefert Autorenporträts, Adolf Endler mit viel Prenzlauer Berg und DDR-Vergangenheit gespickte Prosaminiaturen, Martina Hefter und Andreas Maier sind mit Romanen vertreten und Fred Wander mit einer Neuausgabe seiner Erzählung Der siebente Brunnen, ein nach Wallmodens Urteil ‚wichtiges Holocaust-Buch‘, das Ruth Klüger mit einem Nachwort begleiten wird.

Die größte Aufmerksamkeit unter den Genannten freilich dürfte Andreas Maier auf sich ziehen, der nach zwei Büchern bei Suhrkamp nun zu Wallstein wechselt – ein typisches Beispiel dafür, wie das enge Verhältnis zum Lektor einen Autor dazu bringt, diesem Lektor in einen anderen Verlag zu folgen. Ahrend hatte Maier für Suhrkamp entdeckt, davon aber, dass er ihn jetzt abgeworben habe und zu Wallstein ‚mitnehme‘, will er nichts wissen, schließlich seien Autoren klug genug, ihre Entscheidungen selber zu treffen. Ob in kommenden Wallstein-Programmen noch mehr Suhrkamp-Autoren erscheinen werden, darf an dieser Stelle offen bleiben. Eines aber verspricht Ahrend schon jetzt: ‚Schweizer Autoren bringen wir sicher.‘“
Joachim Güntner

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