Vor der Buchmesse: Ulrich Kautz über Chinas Literaturszene

In der heutigen Ausgabe des TAGESSPIEGEL beleuchtet der Sinologe Ulrich Kautz die widersprüchliche Literaturszene in China. Kautz hat Erfahrung. Als Übersetzer hat er unter anderem Yan Lianke und Yu Hua ins Deutsche gebracht. In den 60er und 70er Jahren arbeitete er als Dolmetscher und Übersetzer der DDR-Botschaft und der Handelsvertretung in Peking.

Es gebe in China zwar de jure keine Zensur, wohl aber de facto, so Kautz. Effektivster Zensor sei das Gewinnstreben, denn ausgeübt werde Zensur in erster Linie von den rund 570 Verlagen, sämtlich in Staatseigentum, die offiziell allein berechtigt sind, Bücher herauszubringen. „Diese Verlage sind für ihren wirtschaftlichen Erfolg selbst verantwortlich und haben daher ein Interesse daran, dass ihre Publikationen in möglichst hohen Auflagen erscheinen. Wann immer Schriftsteller Tabuthemen in nonkonformistischer Weise bearbeiten, tritt die Schere im Kopf der Verlagsleitungen in Aktion. Denn das nachträgliche Verbot eines Buchs kann für den Verlag einen immensen finanziellen Verlust bedeuten, muss er doch dafür sorgen, dass das inkriminierte Werk aus den Buchhandlungen verschwindet.“

Im Hinblick auf die Querelen im Zusammenhang mit dem Gastlandauftritt Chinas in Frankfurt schreibt Kautz, die Messe sollte ein Ort der Begegnung bleiben und nicht zu einem Forum der bloßen Selbstverständigung ihrer Teilnehmer werden. „Missionarischer Übereifer, gepaart mit einem Mangel an elementarem diplomatischen Geschick, führt nur zu einer Verhärtung der Fronten. Sowohl die auf rasche Weltverbesserung drängenden ungeduldigen Deutschen als auch die oft überempfindlich reagierenden Chinesen sollten versuchen, einander zuzuhören, statt sich jeweils als Inhaber der reinen Wahrheit zu gerieren. Es muss alarmieren, dass chinesische Intellektuelle, die demokratischem Denken zugeneigt sind, im Zorn über die von ihnen als ungerecht und kränkend empfundene Besserwisserei westlicher Demokratie-Fundamentalisten – die oft genug im Glashaus sitzen – in unguten Nationalismus abgleiten. Buchmesse hin oder her: Wie wäre es, wenn wir Deutschen erst einmal lesen, was die chinesischen Schriftsteller uns mitzuteilen haben? Ebenso kann man die Chinesen nur ermutigen, die bei ihnen gut vertretene deutsche Literatur, einschließlich der geisteswissenschaftlichen von Marx bis Habermas, weiter zur Kenntnis zu nehmen.“

Der gesamten Artikel: www.tagesspiegel.de/kultur/Literatur-China;art772,2909593

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