Danach fragen Kunden Umgeblättert heute: „Die Sechs von der Shortlist“

Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:

  • „Im Lande der Lügner“: Dmitry Glukhovsky erklärt Orwell und Gianni Rodari zu den Autoren des Jahres. „Der russische Schriftsteller Dmitry Glu­khovsky, der am Wochenende von der Zeitschrift GQ als Schriftsteller des Jahres ausgezeichnet wurde, bedankte sich dafür mit einer Hommage an George Orwell und den kommunistischen Kinderbuchautor Gianni Rodari.“
  • „Der Fall ins Bodenlose“: Macht löst Ohnmacht aus: Antje Rávik Strubels neuer Roman Blaue Frau erzählt von sexualisierter Gewalt. „Mit der Aktivistin Kristiina, die sich Adinas annimmt und den vierten Teil des Buchs dominiert, rücken sexualisierte Gewalt und der Umgang mit ihr nicht mehr nur als individuelle Leidensgeschichte, sondern als strukturelles gesellschaftliches Problem in den Blick. Die akribisch aufgebotenen Fakten, unter deren Last das kunstvolle Romangebäude gegen Ende hin ächzt, sind erschreckend genug: „Sexualisierte Gewalt gilt überall als sicheres Verbrechen.“
    Antje Rávik Strubel, Blaue Frau (Verlag S. Fischer)
  • „Erst die Liebe, dann der Sport“: Ein Buch über Kurt Landauer, ehemaliger Präsident des FC Bayern. „Dass inzwischen mehr über Landauers Privatleben bekannt ist, verdankt sich Jutta Fleckenstein, Historikerin und stellvertretende Direktorin am Jüdischen Museum München, und der Publizistin Rachel Salamander. Mit ihrem Buch erinnern sie an ein wichtiges Stück Zeitgeschichte. Es enthält unter anderem einen Lebensbericht von Landauer, den er aus dem Genfer Exil an seine Geliebte Maria Baumann schrieb, und die Korrespondenz des Paares, das aufgrund der Herrschaft der Nationalsozialisten acht Jahre lang voneinander getrennt lebte.“
    J. Fleckenstein und R. Salamander (Hrsg.): „Kurt Landauer“. Der Präsident des FC Bayern. Lebensbericht und Briefwechsel mit Maria Baumann (Insel Verlag)
  • „Die Liegengebliebenen holt sich der Wod“: Mitteilungen aus dem Berner Jenseits: Ein dunkel rumpelnder Familienroman der Schweizerin Silvia Tschui. „Indessen hat Silvia Tschui nun bereits zum zweiten Mal ihr Publikum in einen erzählmagischen Pakt miteingeschlossen. Von jenen, die über 270 Seiten die dunkle Macht der Familie in sich eingesogen haben, die – wie Karl – den Wod und sein Heer bezeugen können, mag dieser Pakt vielleicht verdammt werden: Lösen kann man ihn aber nicht mehr. Dazu hat dieser Roman viel zu viel Kraft.“
    Silvia Tschui, Der Wod (Rowohlt Hundert Augen)
  • „Die Sechs von der Shortlist“: „Schon in der vor vier Wochen veröffentlichten Longlist mit noch zwanzig Titeln waren große Verlage stark repräsentiert; in der Pandemiezeit scheint die Wagnisbereitschaft gerade der kleinen Verlage nicht gewohnt ausgeprägt zu sein.“

  • „Herz der Stadt in Flammen“: In Colson Whiteheads Harlem Shuffle ist der tiefe Ernst früherer Romane verspielten Geschichten über Kampf und Konsum des schwarzen New York gewichen. „Whitehead ist ein blendender Unterhalter. Leichthändig spielt er mit Stil und Tempo. Er zitiert Hardboiled-Literaten wie Dashiell Hammett oder James Ellroy, Film Noir und Tarantino, und das ist mehr als eine Verneigung, mehr als Appropriation.“

    Colson Whitehead, Harlem Shuffle (aus dem Englischen von Nikolaus Stingl; Hanser)

  • „Die Rettung der Bananenschale“: Christine Wunnickes Roman über Hollywoods skurrile Pioniere. „Nicht nur ist Christine Wunnicke jederzeit Herrin ihres exakt recherchierten und komponierten historischen Materials, sie folgt dramaturgisch der episodisch konkreten Struktur des frühen Films, der in der Regel nur wenige Minuten dauerte.“

    Christine Wunnicke, Selig & Boggs. Die Erfindung von Hollywood (Berenberg)

  • „Ihr unglücklichstes Kind“: Marion Karausches eindrucksvolles Debüt erzählt vom Abgrund unter uns. “

    Dieses eindrucksvoll erzählte Debüt thematisiert, was bei solchen psychischen Krankheitsfällen, plötzlichen Unfällen an den Rändern unserer Gesellschaft geschieht oder nicht geschieht: ein Mensch, zu dessen Krankheitsbild es gehört, die eigene Psychose nicht zu erkennen und sich also jeder Behandlung zu verschließen, ist: verloren. (…) Es ist ein bewegendes Buch, das uns unsere Hilflosigkeit vorführt, wenn ein Mensch derart aus den gewohnten Normen fällt.“

    Marion Karausche, Der leere Platz (Kein & Aber)

  • „Da fehlt doch was“: Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis hat auffällige Lücken. „Die Jury des Deutschen Buchpreises hat sich mit ihrer Shortlist vom Literaturherbst abgewandt. Bereits auf der Longlist, auf der sie die 20 bemerkenswertesten Titel des Jahres zur Wahl stellte, fehlten einige der in vergangenen Wochen viel beachteten Bücher.“

  • „Dehnübungen in die Schmerzzone“: Die Lyrikerin Anne Boyer setzt sich angesichts ihrer eigenen schweren Krebserkrankung mit körperlichem Leiden und Kapitalismus auseinander. „Dass beim Schreiben über eine Krebserkrankung etliche Gefahren lauern, weiß Boyer: Dazu gehören Voyeurismus, Rührseligkeit, Klischees, Schönfärberei oder „Pathopornografie“. Krankheiten dienen oft auch als schnittiger Plot für eine leicht konsumierbare Überlebensgeschichte. (…) Dieser dienstwilligen Art des Erzählens weicht Boyer konsequent aus und setzt ihr eine eklektische Mischung aus Tagebuch, politisch-philosophischem Essay und literaturhistorischer Untersuchung entgegen.“
    Anne Boyer, Die Unsterblichen. Krankheit, Körper, Kapitalismus (aus dem Englischen von Daniela Seel; Matthes & Seitz)
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