Danach fragen Kunden Umgeblättert heute: „Wenn je ein Roman eine Form und einen Ton gefunden hat für die Geschichte der Ukraine (…) dann ist es dieses schwindelerregende Epos“

Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:

 

„Da wird die Oberfläche interessant“: Ein wenig Kälte gehört halt zum besseren Leben: Rolf Lindner sieht sich an, was die Attraktion großer Städte ausmacht. „Lindner legt mit dem auf Berlin fokussierten Buch sein Opus Magnum vor, in dem er frühere Studien – zur Populärkultur von Punk bis Fußball, zu Massenmedien von der Werbung bis zum Journalismus und zur Kulturwissenschaft zwischen Volkskunde und Soziologie – zu neuen Erkenntnissen bündelt.“
  • Rolf Lindner, In einer Welt von Fremden. Eine Anthropologie der Stadt. (Matthes & Seitz)

„Ganz oben in der Hierarchie bleibt der europäische Mann“: Macht euch die Erde untertan: Philipp Blom verfolgt die Karriere der Idee, der Mensch stehe außerhalb der Natur und solle sie beherrschen. „Der Versuch, einen Ausweg aufzuzeigen, hätte Blom, der aus seiner Ablehnung des ‚Unterwerfungswahns‘ keinen Hehl macht, zur Kampfschrift geraten können, ist aber angenehm tastend.“

  • Philipp Blom, Die Unterwerfung. Anfang und Ende der menschlichen Herrschaft über die Natur (Hanser Verlag)

„Durch Hitlers Brille“: Die Fortsetzung des Jungen im gestreiften Pyjama schädigt auch dessen großen Erfolg: John Boynes neuer Roman über die Schuld der Täterkinder. „Vieles an diesem Roman ist anders als bei seinem Vorgänger: Gretel berichtet aus der Ich-Perspektive, die Erzählung gibt sich historisch einigermaßen kontrolliert und will offenbar – so informiert Boyne im Nachwort zur englischen Ausgabe, das bemerkenswerterweise nicht in die deut­sche übernommen wurde – eruieren, wie schuldig ein junges Mädchen unter diesen Umständen werden kann und ob es ihm jemals gelingt, sich von den fürchterlichen Taten, die geliebte Menschen begangen haben, zu befreien.“

  • John Boyne, Als die Welt zerbrach. Roman. (aus dem Englischen von Michael Schickenberg und Nicolai von Schweder-Schreiner; Piper Verlag)

„Erzählerin der Ukraine“: Die Schriftstellerin Sofia Andruchowytsch hat mit ihrer Trilogie Amadoka das Vorwort zum Krieg geschrieben. Ein Kennenlernen. „Wenn je ein Roman eine Form und einen Ton gefunden hat für die Geschichte der Ukraine in all ihrem Leid und mit all ihren Abgründen, dann ist es dieses schwindelerregende Epos.“

  • Sofia Andruchowytsch, Die Geschichte von Romana (Residenz Verlag)

„Geheimcodes aus dem Lumpenproletariat“: Wie funktioniert die Manipulation der Massen – und wie verhält man sich zu ihr? Raphaela Edelbauers glänzender Roman Die Inkommensurablen über den Kriegsausbruch von 1914. „Nach der Erfahrung des Ersten Weltkriegs und angesichts des Faschismus trieb viele Schriftsteller und Intellektuelle das Phänomen der Massensuggestion um. Raphaela Edelbauer bezieht es in ihrem glänzenden Roman auf die Gegenwart. In ihrem Sommer von 1914 kann man auch Donald Trump und andere, viel spätere politische Unfälle erkennen.“

  • Raphaela Edelbauer, Die Inkommensurablen. Roman. (Klett-Cotta)

„Schneide mir das Ohr ab“: Körperliche Schmerzen beim Abschied einer großen Liebe: Gedichte von Anja Zag Golob. „Es sind hart gefügte Verse zu den menschlichen Sinnen. Doch nicht mit dem Fluchtpunkt euphorischer Beobachtungsmomente oder erfüllender Töne und Gerüche. Eher gleichen die Verse einem Gemetzel, als wolle die Sprecherin ihre Wahrnehmungsorgane, an denen der Schmerz ansetzt, eines nach dem anderen zerstören.“

  • Anja Zag Golob, dass nicht. Gedichte. (aus dem Slowenischen von Liza Linde; Edition Korrespondenzen)

„Weißt du, wie viel Sternlein stehen?“: Essen, kicken, lieben: Unser Leben ist von Zahlen bestimmt. Marion Fourcade erforscht, wohin das führt. „Wer sich für das Feld der Soziologie der Bewertung interessiert, dürfte mit ihnen wahrscheinlich schon vertraut sein. Allen anderen aber ist diese Studie zu empfehlen, die gelehrt an Traditionen etwa aus der Wissenssoziologie, an Michel Foucaults Projekt einer Geschichte der Denksysteme oder an die Arbeiten Geoffrey Bowkers und Susan Leigh Stars anschließt und dabei doch beeindruckend klar und auf sehr zugängliche Weise ein Forschungsprogramm skizziert, das sich mit Fragen um die alltäglichen Praktiken des Urteilens und Beurteilt-Werdens beschäftigt.“

  • Marion Fourcade, Zählen, benennen, ordnen. Eine Soziologie des Unterscheidens. (aus dem Englischen von Ulrike Bischoff; Hamburger Edition)

„Von SZ-Autoren“:

  • „Bernhard Blöchl über eine Jugend im Dorf“: Bernhard Blöchl, Eine göttliche Jugend (Volk Verlag)
  • „Birgit Lutz über den Klimawandel“: Birgit Lutz, Nachruf auf die Arktis (btb)

„Die Schlafwandler“: Raphaela Edelbauer erzählt in Die Inkommensurablen vom Untergang einer Welt im Sommer 1914. „Es ist einerseits eine sattsame und auch klassisch mitreißende, strudelartige Geschichte, in die Edelbauer das Publikum hineinwirft – die Stärke der Erzählung ist umso wesentlicher, als unter der Bedeutungslast sonst alles zusammenbrechen müsste, unter den vielsagenden Träumen, dem schlafwandlerischen Weitermachen, während eine Gesellschaft ihrem Untergang entgegenstürzt, wie es nicht alle Tage in der Geschichte vorkommt. Natürlich ist von der ‚Zeitenwende‘ die Rede. Zugleich variiert Edelbauer immer wieder Ton und Gedankengänge, schaut zu, dass das Inkommensurable sich entfalten kann.“

  • Raphaela Edelbauer, Die Inkommensurablen. Roman. (Klett-Cotta)
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