Tag 3 von 6: Forrest Kumpel, Festhalle und Farbschnitt Der Messe-Mayer Frankfurt 2023: Donnerstag

 

Liebe Freunde,

 

Christoph Schütt, Marketing-Manager bei Penguin Random House, sandte mir dieses rührende Werk Fan Art:

 

Wenn Leute zu viel Zeit haben

 

(War das nicht die gleiche Marketing-Abteilung, die mir mal eine „Vatikan-Ausgabe des Playboy“ gebastelt hat?)

 

Das Wetter am Messedonnerstag ist wieder so oktoberkomisch: Es ist wärmer als es aussieht, aber es sieht hässlicher aus, als es müsste.

 

Wir bemessen Morgennebel seit Jahren in Turmspitzenverschwindung

 

Willkommen jedenfalls zu meinem Donnerstags-Bericht, obwohl sich mein Donnerstag zuvorderst dadurch auszeichnete, dass er völlig terminfrei war. Das heißt nun nicht, dass ich nicht doch auch Dinge gesehen, gegessen und bestaunt hätte – aber es heißt, dass ich all das in Ruhe tun konnte.

Und wenn die Messe schon solche Imperative an die Wand haut:

 

Also gut.

 

Heute funktionieren die Absätze, aber dafür keine einzige Fettung. Und dabei liest das Auge doch mit! Bitte entschuldigen Sie also.

 

 

Frühstück beim Börsenverein

 

Heute ist Fachpresse-Meet-up! Ich nenne es aber einfach nur Hot-Dog-Frühstück.

 

Und wer ist Fachpresse, wenn nicht ich?

 

Ein Hot-Dog-Frühstück mit gutem Kaffee ist völlig nach meinem Geschmack, zumal ich hier wieder Leute treffe! Heute begegne ich zum Beispiel dem literarischen Nerd Florian Valerius, Jurymitglied beim Deutschen Buchpreis! Sein Kanal @literarischernerd auf Instagram hat 30.000 Follower.

 

Sogar mit Aufdruck hinten!

 

Ich aber auch:

Danke an Florian Valerius fürs Mitkaspern!

 

Die guten Hausgeister – so ähnlich wie Putten in einer guten Kellerei – sind Maren Ongsiek und Markus Fertig. Herr Fertigs Thema sind Klassifikationsstandards!

 

Doch mein Thema sind Hot Dogs: Chili Cheese, BBQ oder Klassisch?

 

Meine Fotomontage zu einem gestrig misslungenem Usborne-Schnappschuss schlug dann ein paar Wellen: Plötzlich wollen alle so ein Foto, wo ich die Gesichter entmensche und stattdessen vermayere.

 

Och nöööööö, muss das jetzt echt sein?

 

 

Also gut:

Beachten Sie, wie hässlich mein Gesicht in anderer Leute Gesicht plötzlich ist

 

Und ja, das links von mir ist Peggy Sasse von Zweitausendeins.

Ja, Herrn Fertigs Brille zu bewahren war am schwierigsten.

Ja, ich habe auch die Leute im Hintergrund berücksichtigt.

 

 

Sechs Dinge, die mich verblüfften

 

6. Am Moses-Stand saß doch tatsächlich ein kleines Satin-Einhorn im Gebälk!

 

Und das fährt nun mit heim zu meiner Tochter.

 

5. Thalia vertreibt exklusiv eine ganze Grinch-Produktkette, die man nur bei Thalia kriegt. Extra, um mir wehzutun.

 

Denn erstens ist das für meinen eigenen Laden nicht zugänglich…

 

 

…und zweitens will ich das alles SELBER KAUFEN!

 

4. Der Ueberreuther Verlag bietet die passenden Socken zum Kleinen bösen Buch an!

 

Also quasi die kleinen bösen Socken.

 

3. Das hier ist keine sinnlose Autogramm-Schlange, sondern etwas ganz anderes: Der Arena-Verlag lädt Illustratoren zu sich an den Stand ein, die dann ihre Mappen vorzeigen können. Studierende, Freischaffende, Jugendliche – jeder darf und wird beurteilt und kriegt Tipps.

 

Sehr kühn: ein Verlag, der etwas Sinnvolles auf einer Messe anbietet

 

2. Das Verlagshaus Wunderzeilen stellt seine Bücher nicht nur mit extravagantem Farbschnitt her, sondern erstens handgemacht und zweitens mit Glitzer!

Zwei Leute, ein Prinzip:

Weirdos, die als Erwachsene durchgehen

 

Doch, tatsächlich handgemacht: Schablone und Airbrush.

 

Und dann noch der glitzernde Buchblock, den meine Kamera kaum einfangen kann, so delikat ist dieser Effekt:

Schauen Sie da mal vorbei. 3.0 C 144.

 

1. Die Buchmesse muss sich nicht hinter den vielen Foodtrucks verstecken: Wer mir echte Chili Cheese Fries hinstellt, darf diese kleine Liste anführen und abschließen. Danke, Accente. Das war richtig, richtig gutes Chili con Carne.

 

Imbisswagen zwischen Halle 1 und Halle 3.

 

 

Fünf Begegnungen, die ich festgehalten habe

 

5. Ich habe Tönning kennengelernt!

 

Tönning ist absolut liebenswert, und ich hoffe, ihm noch oft zu begegnen.

 

4. Aber es hat natürlich seinen Preis:

Erwachsene Menschen, die Handpuppen spazierentragen, muss ich dann halt hinnehmen: Inga Marie Ramcke.

 

3. Einmal im Jahr bringe ich die branchenfremde Person Mr. Random Guy mit, weil er sich das zum Geburtstag wünscht.

 

Da kann ich der Messe endlich mal was zurückgeben.

 

2. Verona Poothbusch war da!

Ausgerechnet bei meinem neuen Erzfeind, Grinch-Alleinvertreiber Thalia

 

1. Felix Busse trifft Lila Prap! Als Busse damals sehr hoffnungsvoll seinen sehr zauberhaften, sehr kleinen Vielflieger-Verlag lancierte, waren die Augen der Branche auf ihn gerichtet. Unter anderem hatte er Lila Prap und ihr Umklappbuch Kuffe im Auftakt-Programm!

Den Verlag gibt es leider nicht mehr, aber das Wiedersehen haben wir festgehalten.

 

 

 

 

Mein Auftritt in der Festhalle

 

Am Hinterausgang von Halle 1 finden sich Seitentüren zum Festhallenbereich, die normalerweise verschlossen sind. Und auch geöffnet sind diese Durchgänge so gar nicht mein Befug.

 

Und deshalb gehe ich da mal rein.

 

 

…und bin plötzlich nicht mehr auf der Buchmesse, sondern in der städtischen Festhalle.

 

…wo krasse Kranarbeiten unter der Kuppel durchgeführt werden!

 

Und warum auch nicht?

 

 

Jedenfalls kann ich mich an diesem leeren Prachtbau gar nicht sattsehen.

 

 

So überhaupt nicht.

 

Aber irgendwann doch. Und das war schon alles. Das war mein Auftritt in der Frankfurter Festhalle. Flutsch, Türspalt, zurück auf die Messe.

 

 

Interview mit Urban Priol

 

Der Mainfränkische Kabarettist Urban Priol war schon immer eine regionale Spezialität bei uns um die Eck, aber mit dem jährlichen Rückblick Tilt und seiner Arbeit für die Anstalt im ZDF ist der schnoddrige Babbeler mit der gerauften Frisur auch eine bundesweite Größe geworden. Bei Lübbe hat er nun seine Biographie als Kommentar zum allgemeinen Affentheater verfasst, und ich durfte mich mit ihm in eine Interviewkabine setzen.

 

 

BuchMarkt: Lieber Herr Priol – pri-OL oder PRI-ol?

Urban Priol: Och, PRIII-oll oder priJOLL, aber Hauptsache, nicht Pri-OOOOOL.

Franken – was ist das? Sind Sie ein Bayer, der hessisch spricht, oder sind Sie ein Hesse, der in Bayern wohnt?

Wir sind die Mainfranken, also nicht so sehr die Franken. Wir sind die zweite Benrather Linie im vierten oder fünften Jahrhundert, die über den Spessartrücken zogen, weshalb wir auf der einen Seite so babbele, und die anderen babbeln ja net, sondern die rede eher ‚weng so frrränggisch, net? Isch bin ganz froh üwwer mein Dialekt. Ich bin zwar prinzipiell aus Bayern, aber je nachdem, was da politisch wieder mal so abgeht, kann ich auch ganz entspannt sagen „Isch bin da so bei Frankfurt…“

Und dann haben Sprachwissenschaftler auch noch herausgefunden, dass wir die meisten Überschneidungen nicht mit dem angrenzenden Südhessen haben, sondern mit dem Mainzer Dialekt, weil wir ein gemeinsames Bistum waren. Der Mainzer kann nämlich das R rollen…

…und des kann dä Südhesse ned!

…aber der Frrangge, hier vorne an de Zung.

Sie und ich, wir hatten das gleiche Französischbuch! Sie haben also auch Monsieur Leroc und seine „grise et triste“ Straße kennengelert, wo es regnet?

Und wo seine Frau ihm den Mantel bringt.

Prägen Fremdsprachen in Schulbüchern nicht seltsame Bilder?

Ich hätte des Ganze auch lieber fröhlich und freundlich geschildert. Vielleicht wollten wir uns vom Savoir Vivre der Franzosen damals noch etwas fernhalten.

Wer sagte zu Ihnen, dass für ihn an letzter Stelle die Kriegsdienstverweigerer kämen?

Das war ein Klinkleiter in Aschaffenburg, wo ich Praktikum machen musste. Ich wollte den Wehrdienst verweigern und hatte mich da beworben als Rettungshelfer. Was für die Praxis im Rettungsalltag null gebracht hat, weil wir nur die unangenehmen Arbeiten zugeteilt bekamen. Da kam mir eines Morgens der Leiter entgegen, und ich sagte freundlich „guten Morgen“. Da herrschte der mich an, ich solle Haltung annehmen. Ich dachte, wo bin ich denn jetzt gelandet? Und da sagte der zu mir: An drittletzter Stelle kämen für ihn die Alkoholiker, dann die Rauschgiftsüchtigen, und an letzter Stelle die Kriegsdienstverweigerer.

Das heißt aber, dass Sie durch Alkohol oder Rauschgift immerhin hätten upgraden können.

Das stimmt. Wenn ich mir jetzt Rauschgift und Trinken zusammen vorgenommen hätte, dann wäre ich auf dem Relegationsplatz gelandet, sozusagen.

Sie sind grundsatzrebellisch gegen Autorität, aber Sie haben einen eingebauten Schuldkomplex, sobald eine Frau sie bös anguckt. Ist das nicht ein Bruch?

Das ist ein Bruch in mir. Ich denke, einen Bruch kennen viele Menschen. Dass man groß und rebellisch von der Bühne herunter verkündet: „Hier, was wir alles ändern müssen!“ Und dann stehste wieder irgendwo im Postamt und bittest demütig um Dein Einschreiben.

Ihre Frisur sieht jetzt sehr gesittet aus. Also nicht wirklich, aber vergleichsweise zu Ihrer Medienpersona. Wie entstand dieser Style?

Anfang der 90er war ich an einer Auftragsproduktion, einer Revue für die IG Metall, nach der Vorlage Noises off.

Das berühmte Theaterstück, das vor und hinter der Bühne spielt? (Der nackte Wahnsinn)

Ja, das hatte ich in England gesehen und gedacht, das müssen wir unbedingt nachbauen und umschreiben, komplett mit Tür auf und Tür zu. Ich war der Moderator, der alles zusammenhalten musste und immer verzweifelter wurde, aber in einer Doppelrolle auch ein Gewerkschaftsfunktionär. Ich hatte die Haare glatt mit Frisiercreme nach hinten gestrichen, und ich hatte eine Minute Zeit, um mich wieder in den durchdrehenden Moderator zu verwandeln. Ich hatte einen Rundlauf und musste das Jackett wechseln, und mit einem Handtuch habe ich mir die klebrigen Haare gerubbelt, und das sah dann wegen der Frisiercreme aus wie Igelstacheln. Und das behielt ich dann für die Bühne bei, nur ohne Brisk. Ich muss nicht überlegen, wie ich meine Haare lege, sondern Frotteehandtuch drüber, hochgezogen, statische Aufladung, Haarspray – das war eigentlich der eigenen Faulheit geschuldet.

Das ist ja wie bei Groucho Marx, der zu spät am Theater ankam und sich dann schnell einen Schnurrbart aufmalte.

Ja, ja!

Sie erzählen in Ihrem Buch viel über Leute aus ihrem eigenen Leben, und die werden ja oft ein wenig geroastet. Gab es da schon Rückmeldungen?

Nö. Ich hab zwar schon gesagt „Hier, Du bist auch drin!“ Aber ich glaube, es ist alles gut.

Ich habe in ihrem Buch das Semicolon vermisst.

Beim Schreiben für die Bühnentexte ist mir das abhanden gekommen.

Muss man einen Kaberettisten kennen, ihn im Ohr haben, wenn man sein Buch lesen will?

Nein, ich denke, das geht auch so. Ob ich rede oder schreibe, ich will Bilder erzeugen. Das ist zwar dann mein spezifischer Humor, aber hören muss man den nicht, um ihn zu teilen. Schwieriger wäre es gewesen, es in meinem Dialekt zu schreiben. Das ginge ja auch.

Sie haben ja vier Asterix-Bände ins Mainfränkische übersetzt.

Ja, und das hat auch einen Riesenspaß gemacht, aber das wäre für ein ganzes Buch zu anstrengend zu lesen.

Sie mäandern durch Ihr eigenes Leben und streifen dabei immer wieder die große Politik in der kleinen Welt. So e bissi wie de Forrest Gump.

Es hängt ja alles zusammen. Das ist in den Jahrzehnten auf der Bühne auch immer wieder mein roter Faden: Man kann das Private vom Politischen nicht trennen. Man kann das Kleine vom Großen nicht trennen. Man muss sich im Festzelt genau so wohl fühlen können wie an einem Opernabend.

Sie bauen so gerne Namen um. Wie können wir den Namen Forrest Gump in ihre Welt zerren?

Forrest, maan Kumbel!

 

Rebell im Jeanshemd: Urban Priol

 

 

Zum Geleit

 

Und das war mein Donnerstag: Jede Menge Nichts, sehr viel Liebe, eine offene Seitentür und ein Interview, das ich in Wahrheit schon gestern auf der Festplatte fertig hatte.

 

Wieso ist hier eigentlich kein Wasser mehr drin, und stattdessen einer dieser verpönten Steingärten?

 

 

Achtsamkeit ist gut, Respekt ist noch wichtiger. Aber dass wir alles immer gleich so gründlich durchziehen müssen!

 

Verpetzen Sie mich aber bitte nicht beim Awareness Team.

 

 

Ich halte es abschließend ganz wie das Seniorennetzwerk Facebook und schaue morgen wieder nach dem Rechten.

 

Das lasse ich mir als Visitenkarte drucken.

 

 

Ich wünsche Ihnen einen anregenden, vielfältigen, vielschichtigen und eindrucksvollen Freitag!

Ihr

Matthias Mayer

herrmayer@hotmail.com

 

 

Die besten Kuchen Sloweniens, 3 von 6:

Prlekischer Schichtkuchen (Prleška gibanica)

 

Kommentare (2)
  1. Hallo,
    hm – ich finde Ihre Bilder oder Bildkommentare ziemlich schwach und der Branche nicht entsprechend.
    Ich denke Ihre Bildstrecken sind ziemlich belanglos. Dabei gibt die Buchmesse doch viel mehr her, als das, was Sie uns hier zeigen. Schade!! Leider kann ich in diesem Jahr gar nicht auf der Bucmesse sein; aber im kommenden Jahr wieder.
    Na ja – trotz meiner kleinen Kritik gibt´s vielleicht jede Menge Fans ;)))
    Herzlich aus Hamburg,
    Bodo Föhr
    (Verlagsvertreter)

    • Lieber Herr Föhr,

      ich finde Broccoli auch nicht spannend, aber meinem Supermarkt nützt diese Information nichts.

      Beste Grüße aus Hessen,
      Matthias Mayer

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