Expert:innen-Tipps Welche Highlights haben Sie in den Kinder- und Jugendbuchprogrammen in diesem Herbst entdeckt? Ihre Empfehlung zum Thema Abschied? Fünf Lese-Erfahrungen aus dem Buchhandel Jugendbuch Sachbuch Abschied Mikael Ross, Der verkehrte Himmel (avant) Ovidie & Diglee, Du musst das alles NICHT (Orlanda) Birgit Schössow, Oma verbuddeln (Peter Hammer) „Hölle.“ Wir müssen lachen, wenn Ross ein ums ande- re Mal Dennis aktuelles Lebensfeeling auf den Punkt bringt. Eine Milieustudie par exellence, die großen und zarten Gefühlen Raum gibt. Ein brillantes Story- board, herausragend wie überraschend in seiner gra- fischen Umsetzung. Wir werden in die Sommerhitze Berlin-Lichtenbergs geworfen, wie der abgehackte Finger ins Grün unter die Betonbrücke. Yeah! Mädchen wachsen mit starken gesellschaftlichen Er- wartungen auf. Gezwungenermaßen freiwillig ent- haaren und schminken sie sich, machen Diäten und stehen zum Sex bereit, um jemandem „eine Freude zu machen“. Pornografie verführt zur Nachahmung. Erkenne die Normen. Muss das sein? Willst du das wirklich? Ovidie öffnet Augen und schreibt einen guten Basisratgeber fürs Selbstbewusstsein. Ein Powerbuch: Krimi, Wunschtraum, Kinderphanta- sie. Was passiert, wenn du dich von heut auf morgen von deinem bisherigen Leben verabschieden musst? Paul, das mitttlere der Geschwister und ein fabelhaf- ter Geschichtenerzähler, berichtet von verrückten Zu- fällen, einer starken geschwisterlichen Gemeinschaft, Selbstwirksamkeit, (Fehl)entscheidungen und Trauer. Das Leben eben. Mit Witz und Ostseefeeling. Annika Scheffel, Alle Farben von Licht (Carlsen) Rio hat seine Zwillingsschwester verloren und ist in Sorge um die Eltern, die sich in ihre Trauer zurückzie- hen – heimlich. Er hat Angst, allen zu viel zu sein. Die gemeinsamen Freunde, die ihn mit sich ins Leben zurückziehen wollen, Verständnis und Geduld zeigen, bei gleichzeitiger Überforderung, da auch sie einen Menschen verloren haben. Ein Sommer, der legen- där werden sollte, der es wird – auf Umwegen, leisen Schritten, mit Herzklopfen – Dank allen und Franz! Marja Baseler/Annemarie van den Brink, Burg Herzberg (Klett Kinderbuch) Tiny Fischer/Herma Starreveld, Vogel ist tot (Jacoby & Stuart) Vom Herzen – inmitten einer Burg! Dabei geht es um den Aufbau des Herzens, seine Arbeit, die Wege, die die Blutgefäße im Körper nehmen und deren Bedeu- tung. Und dann stolpert man ganz nebenbei noch über wunderschöne Wörter: „Herzensmenschen“ oder „Herzschmerz“ oder „Herzenswunsch“. Das alles sehr witzig und einfallsreich mit grandiosen Illustrationen, die zum Entdecken und Lachen einladen. Von Herzen! „Der schläft nicht! Auf dem Rücken + Füße in die Luft = tot.“ Darauf einigen sich die umstehenden Vögel. Ge- meinsam erinnern sie sich an den toten Vogel, erzählen Geschichten über ihn, manche weinen, andere streiten. Sie überlegen, was ihm wohl gefallen hätte und beer- digen ihn, singen Lieder und „Es gibt auch Kuchen“. Mit feinem Humor und farbenfrohen Vögeln in einer reduzierten Umgebung wird diese Geschichte erzählt. K.J. Reilly, Das Verhalten ziemlich normaler Menschen (dtv Reihe Hanser) Kristin Storrusten/Victoria Sandøy, Entdecke die Welt der Stöcke (Magellan) Ayse Bosse/Andreas Klammt, Weil du mir so fehlst (Carlsen) Asher, Sloane, Will und Henry haben einen geliebten Menschen verloren. Asher will die Tochter des Lkw- Fahrers treffen, der seine Mutter auf dem Gewissen hat. Im geklauten Ford machen sich die vier auf den Weg nach Memphis und erleben einen unvergesslichen Roadtrip, an dessen Ende alle mit Zuversicht ihren Weg beschreiten können. Mal traurig, mal mit überborden- der Fröhlichkeit – eine kluge Lektüre, die tief bewegt. Wie oft haben wir in einer Ecke einen Stock gefunden und gedacht: Mist, jetzt vermisst irgendein Kind sei- nen Zauberstab! Und jetzt gibt es zu diesem äußerst wandelbaren Gegenstand sogar ein Buch, in dem alles gesammelt ist, was Kinder und Erwachsene über Stö- cke wissen sollten. Schön illustriert wird u.a. geklärt, ob es Stöcke im Weltall gibt, warum etliche Hunde sie so lieben und was Stöcke mit Musik zu tun haben. Der Bär, der die Kinder durch dieses Buch führt, vermisst jemanden, der gestorben ist. Dreht sich die Welt tatsächlich weiter? Kinder und Eltern erhalten Anregungen, wie sie mit ihrer Trauer umgehen können, es gibt Raum für Fotos und gemalte Bilder, Platz für Fragen u.v.m. Die kreativen und einfühlsamen Ideen zur Trauerbewältigung für die ganze Familie werden von zarten Illustrationen begleitet. Jörg Isermyer, Egal war gestern (Peter Hammer) Finn veröffentlicht mit seinem Kumpel Lennard kleine Comedy-Clips auf der Social Media Plattform SoMe. Politik interessiert ihn nicht besonders. Seinen Vater, der Lehrer an Finns Schule ist, schon. Und als der Vater öffentlich auf rassistische und rechtsextreme Vorfäl- le an der Schule aufmerksam macht, wird nicht nur er zur Zielscheibe von Anfeindungen, sondern auch Finn. Eindringlich, manchmal beängstigend und ge- rade jetzt sehr wichtig. Verena Körting, Deutschland (ars Edition) Martin Verg & Jan von Holleben, 100 mal typisch Deutschland (Carlsen) Ich war stinksauer, als das Deutschland-Buch von Ve- rena Körting vergriffen war. Aber die Neuauflage ver- söhnt mich und hat durch die Zusatzinformationen nochmals gewonnen. Eine großartige Ergänzung ist 100 mal typisch Deutschland, das informativ, nachdenk- lich, überraschend und witzig von Deutschland erzählt. Beide Bücher gehören in jede Schulbibliothek. Ca Rose, Und jetzt sei fröhlich, Knochenmann! (Kunstanstifter) Die Urgroßmutter hat ein langes Leben gehabt und wartet auf den Tod. Dieser lässt sich aber Zeit und so schickt sie das Mädchen los, um den Tod zu suchen. Unterwegs trifft es auf alte oder verletzte Tiere, die sich der Suche anschließen. Als sie den Tod schließlich fin- den – nein, das darf ich nicht verraten. Außergewöhn- lich illustriert und aufwendig gestaltet, erzählt dieses märchenhafte Buch vom Leben und Abschiednehmen. Dirk Reinhardt, No Alternative (Gerstenberg) Nachdem Emmas Freund bei einer Kampagne gegen einen Pharmakonzern zu Tode gekommen ist, schließt sie sich der Umweltschutzorganisation No Alternative an. Bei Aktionen der Gruppe wird Emma durch ihre Kletterkünste bald erkannt und polizeilich gesucht. Finn, der Emma aus früheren Zeiten kennt, geht auch auf die Suche nach ihr – mit der Möglichkeit, sich jour- nalistisch auszutesten. Ein spannend erzählter Roman auf unterschiedlichen Erzählebenen. Carla Häfner/Mieke Scheier, In der Tierarztpraxis (Knesebeck) Sophia Bartenstein/Andrea Peter, Das Wimmelbuch vom Abschiednehmen (vatter&vatter) Ylvie möchte später gerne einmal Tierärztin werden und hat die Gelegenheit, ein einwöchiges Praktikum in einer Tierarztpraxis zu machen. Dort können sowohl Groß- und Kleintiere als auch Vögel und Reptilien be- handelt werden. Laboruntersuchungen und Operati- onen können auch durchgeführt werden. Gemeinsam mit Ylvie bekommen wir viel Sachwissen von den Tier- ärzten vermittelt. Eine Bereicherung für jede Familie. Die Vielfalt unserer Gesellschaft mit unterschiedli- chen Religionen und Herkunftsländern erleben wir in diesem Buch ebenso wie das Abschiednehmen mit seinen vielen Facetten. Wohnungswechsel, Flucht, Tod eines geliebten Familienmitglieds … Ein Wimmel- buch zum Entdecken, das auch in Zeiten von Trauer und Verlust Hoffnung schenken kann. Eine Gesprächs- hilfe für Kinder und Erwachsene. BuchMarkt Oktober 2024 63