„Einer der schönsten Texte über den Tod in unserer modernen Welt“ Evangelischer Buchpreis an Milena Michiko Flašar

 Die Schriftstellerin Milena Michiko Flašar ist am Mittwoch (15. Mai) in Kassel mit dem Evangelischen Buchpreis 2024 ausgezeichnet worden. Sie erhielt den mit 5.000 Euro dotierten Preis für ihren Roman Oben Erde, unten Himmel, der sich mit dem Thema einsames Sterben auseinandersetzt. „Wir haben es mit nichts Geringerem zu tun als einem literarischen Wunder“, würdigte Annemarie Stoltenberg (NDR) den Roman in ihrer Laudatio während der Feierstunde im Haus der Kirche.

Die Preisträgerin Milena Michiko Flašar (Mitte) mit Gastgeberin Bischöfin Dr. Beate Hofmann (l.) und dem Vorsitzenden des Evangelischen Literaturportals, Landesbischof Ralf Meister (r.) bei der Preisverleihung am 15. Mai in Kassel (c) medio.tv/schauderna

In „Oben Erde, unten Himmel“ erzählt die japanisch-österreichische Autorin von einer jungen Frau, die Leichenfundorte reinigt. Das klinge zunächst abschreckend, erläuterte Stoltenberg. „Aber so wie Milena Michiko Flašar davon erzählt, wird es zu Literatur – mit Witz und Würde, Anmut, nahezu verblüffender Leichtigkeit und tiefem Ernst.“ Der Text lebe vom „trockenen, bisweilen herrlich morbiden Humor dieser Autorin, ihrer nahezu weisen Lebensphilosophie und Herzensbildung“, so die Laudatorin. Flašar sei „einer der schönsten, fragilsten, poetischsten und erstaunlichsten Texte über den Tod in unserer modernen Welt“ gelungen, lobte Stoltenberg. Das Motiv des ewigen Lebens formuliere die in Wien lebende Schriftstellerin mit Zartheit, Humor und „nahezu mit Engelsflügeln beschwingt“.

Sie sei gerührt und fühle sich geehrt, sagte Milena Michiko Flašar bei der Preisverleihung, die am Flügel von Pianistin Natsuko Inada umrahmt wurde. Als Autorin arbeite sie für gewöhnlich still vor sich hin, mit dem Peis habe diese Stille aber ein Ende. Sie dankte der Jury, den Roman trotz des schwierigen Themas ausgezeichnet zu haben. „Das bestärkt mich, mich weiter mit dem Sein, dem Werden und dem Nicht-Sein auseinanderzusetzen.“

In ihrer Begrüßung hatte Dr. Beate Hofmann, Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) und in diesem Jahr Gastgeberin der Verleihungsfeier, auch die evangelische Bücherei-Arbeit vorgestellt. Evangelische Büchereien seien viel mehr als Ausleihorte, sie ermöglichten Begegnung und bildeten eine Brücke zwischen Kirche und Menschen am Ort. „Sie sind Türöffner, Lebensbegleiter, Kulturort und wichtiges Element in der Bildungslandschaft“, zählte die Bischöfin auf. Allein dem Landesverband Evangelischer Büchereien Kurhessen-Waldeck seien 80 Büchereien in Kirchengemeinden, Kindertagesstätten und Schulen angeschlossen, in denen annähernd 300 ehren- und nebenamtliche Mitarbeitende tätig seien. Ihnen galt ihr Dank, außerdem den Leserinnen und Lesern, die sich mit ihren Vorschlägen beteiligt hatten und der Jury des Buchpreises, die schließlich „Oben Erde, unten Himmel“ ausgewählt hatte. Bücher wie dieses entführten in eine andere Welt und zugleich mitten in das eigene Leben und seine Fragen hinein. „Was macht Leben aus, gerade im Angesicht des Todes?“, so die Bischöfin.

Landesbischof Ralf Meister (Hannover) hatte als Vorsitzender des Evangelischen Literaturportals den Preis übergeben. Er würdigte „Oben Erde, unten Himmel“ als ein Buch, das gegen den Zeitgeist geschrieben wurde, die Toten zu vergessen. Der Roman zeige, „wie der Umgang mit den Toten belebt und aus der Einsamkeit befreien kann“. Als „großen Glücksfall“ bezeichnete Lektorin Annette Wassermann (Wagenbach Verlag) Flašars Buch. Es fordere auf zu Sorgfalt, Verbindlichkeit, Freundschaft und Zuversicht – all das habe die Welt „bitter nötig“.

Milena Michiko Flašar nimmt in ihrem Roman „Oben Erde, unten Himmel“ das Thema einsames Sterben in den Blick. Sie erzählt von einer Reinigungskraft, die Leichenfundorte säubert und greift dabei Themen wie die soziale Isolation in Großstädten, die Würde des Menschen und den Umgang mit Leben und Tod auf.  Flašar, geboren 1980 in St. Pölten, studierte in Wien und Berlin Germanistik und Romanistik. Sie ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Wien.

Seit 1979 vergibt das in Göttingen ansässige Evangelische Literaturportal – der Dachverband der bundesweit rund 800 evangelischen Büchereien – den mit 5000 Euro dotierten Evangelischen Buchpreis. Titel werden nicht von den Verlagen oder Autoren, sondern von Lesenden vorgeschlagen. Gesucht und ausgezeichnet werden Bücher, „die anregen, über uns selbst, unser Miteinander und unser Leben mit Gott neu nachzudenken“. In der Jury arbeiten Mitarbeitende aus den Mitgliedsbüchereien, aus den Landesverbänden der evangelischen Büchereiarbeit und aus der Redaktion des Ev. Literaturportals, außerdem Pfarrpersonen und Pädagoginnen und Pädagogen.

 

 

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