Der Messe-Mayer Aufbau, Raubbau, Abbau: Die Messe und ich

Liebe Freunde,

willkommen zum altersweisesten Lausebengelklassentreffen der Welt: der Frankfurter Buchmesse. Aufbau, Raubbau und Abbau sind auch dieses Jahr wieder meine Themen, aber ich will nicht vorgreifen: Das mit dem Raubbau kommt dann während der Woche und bezieht sich auf meine Körper- und Geisteskräfte, und das wiederum hat dann in meinen Berichten einen stetigen Abbau von Qualität zur Folge.

Aber gestern ist erst mal Aufbau gewesen. Das ist der Teil der Messe, der aus echter Arbeit besteht und von echten Arbeitern erledigt wird, während der Rest Reden hält oder Fotos macht von Leuten, die Reden halten.

Unser diesjähriges Gastland ist Argentinien. Es hat so berühmte Autoren hervorgebracht wie Andrew Lloyd Webber (Evita), Walt Disney (Die drei Caballeros) und Gonzalo Higuaín (Lyrik). Aber davon mehr in den nächsten Tagen.

Gauchito (1944)
Gauchito (1978)

In liebgewonnener Vertrautheit begann auch diese Messe mit der morgendlichen Pressekonferenz durch das Buddy-Movie-Gespann Dr. Gottfried Honnefelder und Juergen Boos, angekündigt von Katja Böhne, die Thomas Minkussens Posten übernommen hat. Gastrednerin war dieses Jahr die berühmte Nachwuchsautorin Cornelia Funke. Die Chinesen wurden letztes Jahr ja wenigstens noch von einem Spanier vertreten, aber Cornelia Funke ist ja nicht mal Österreicherin! Vier Deutsche! Da hat Sarrazin ja ganze Arbeit geleistet. Diesen argen Mangel an sprachlicher Internationalität gleicht man aber aus, indem Herr Boos Frau Funke ausschließlich Englisch sprechen lässt. (Ja, ich wechsle manchmal ins Präsens, das mache ich gerne.)

Geht das bald los hier?

Bevor es losgeht, macht Dr. Honnefelder noch einen Witz zum Thema Schriftzugdivergenzen auf Pappbechern. Also nicht via Mikro, sondern nur für die erste Reihe.

Leider sitze ich in der ersten Reihe.

Hot Drink? Aber da kommt doch jetzt kaltes Wasser rein!

Als Cornelia Funke spricht, lerne ich wieder etwas über Journalisten: Porträtfotos sind dann gut, wenn man die Hände des Porträtierten in Bewegung sieht. Jedes mal, wenn Frau Funke ihre Hände hob, klickten die Kameras los wie ein Schwarm abendgeiler Heuschrecken. Hände wieder runter, Kameras verstummen. Das ist echt so! Hände in Bewegung – Blitzgewitter geht wieder los.

Profifoto: Wenigstens die Hände sind scharf geworden.

Bin mal gespannt, wer schneller mit Autorenzitaten um sich schmeißt. Nur acht Minuten nach Veranstaltungsbeginn zieht Honnefelder einen Beckett aus der Hüfte und schleudert kurz darauf noch einen Eco hinterher; Boos kontert sofort mit Gutenberg und zieht am Ende noch Lise Meitner aus dem Ärmel, womit niemand rechnen konnte.

Wenn ich Honnefelder richtig verstanden habe, brauchen wir die Erfindung des eBooks, um im Bett beim Lesen das Weinglas besser halten zu können.

Boos benutzt, nein – erfindet das Wort „Kapiertrieb“, das hat mir sehr gefallen.
Vor allem, weil ich manchmal an Kapiertriebstau leide.

Messedirektor Juergen Boos

Am Ende dürfen die Journalisten ihre obligatorischen drei Fragen stellen, und zum ersten mal seit Jahren wurden gar doppelt so viele zugelassen! Das hätte es unter Thomas Minkus nicht gegeben.

Frage 1 ist ein Herr, der in Wahrheit einen Vortrag über die UNO hält und ein paar Anläufe braucht, bis er mal zum Fragezeichen kommt.

Frage 2 lautete „Warum ausgerechnet Argentinien?“ und ist besonders naseweis. Zur Strafe gibt’s dieselbe Antwort, die es jedes Jahr für diese Frage gibt: Literatur, Politik, Wirtschaft. Aus Weilheit eben.

Frage 3 will wissen, warum Frau Funke nur Englisch redet. Setzen, Sechs, das hatten wir ganz am Anfang schon erklärt: den internationalen Journalisten zuliebe.

Frage 4 kam vom WDR: Warum es dieses Jahr weniger Aussteller seien. Antwort: Sind es gar nicht.

Frage 5 kam von der dpa: Warum es dieses Jahr weniger Titel gebe. Cornelia Funkes weise Antwort: Das sei doch gar nicht so schlecht. Touché.

Frage 6 ging um Frau Funkes eigenes Lieblingsbuch aus der Kindheit: Käptn Bommel und die Seeschlange.

Kapitän Bommel heißt das!

An interessanten Informationen nahm ich noch mit, dass Cornelia Funke sechzig Bücher lesen muss, um eines zu schreiben.
Naja, das ist sicher besser als umgekehrt, wie z.B. bei Markus Heitz.

Und damit endete die Konferenz.

Vielleicht mache ich nun die Führung durch die Gastlandausstellung mit, das habe ich noch nie gemacht. Ein Blick auf den Pulk wartender Journalisten allerdings gibt mir zu bedenken, dass ich mir das auch ebensogut ohne Führung ansehen kann.

Blick 1…

Und ein Blick ans andere Ende des Korridors kommt mir dagegen fast wie eine Fata Morgana vor: Endlich eine Gratiskaffeebar bar jeglichen Gedränges. Das also nennt man einen Lichtblick.

…und Blick 2, erleichtert: Jetzt erst fängt mein Morgen an.

Mit Kaffee und ohne Führung fühle ich mich bereits viel besser aufgehoben. Die Ausstellung ist sehr vielseitig und interessant; und vor allem die multimedialen Spielereien sind drollig bis verblüffend, und durch das viele rosa und lila Licht kommt einem die Welt hinterher viel grüner vor. Bis sich die Augen wieder beruhigt haben.

Kameramann wird mitgeliefert

Und wenn ich mich hier weiter so umsehe, fühle ich mich sogar fast wie daheim:

Argentinische Tradition: Karikaturen von meiner Familie

Und schauen Sie nur – ein riesiges, beleuchtetes Bodenrelief der Umrisse des Gastlandes! Als ich Feuerland ausweichen wollte, hätte ich fast die Falkland-Inseln zertreten.

Nach diesem Schreck will ich erst mal ein wenig ziellos auf der Agora flanieren, die extra für Agoraphobiker so genannt wurde. Da wird zum Beispiel das angeblich größte Buch der Messe aufgebaut, obwohl mir das arg nach einer Attrappe aussieht. Die soll allerdings mehrmals täglich durch einen Stuntman interessant werden.

Buch und Stuntman –
…das ist dann also enriched content?

Mehrmals treffe ich am Dienstag bereits auf Accente-Gastro-Dschinn Matthias Seuring, obwohl ich mir den bis Donnerstag ersparen wollte. Hier sehen Sie ihn mit Schürzenträger Mattausch, wie sie beide posieren, anstatt Tre-Torri-Folien an die Wände zu kleben.

Mattausch matt, Seuring selig

Das blaue Sofa wird auch schon mal warmgefilmt:

Und apropos Kultur: Nun raten Sie, wen ich auf der Rolltreppe beim Hausaufgabenmachen erwische: Denis Scheck! Fährt die Rolltreppe solange mit seinem Kamerateam rauf und runter, bis es wie zufällig aussieht!

Nehmen wir Take Zwei oder lieber einen Cheeseburger?

…aber das einzig Zufällige auf dieser Rolltreppe bin ich…

Erwischt! Kritikastergeist mit Pennälerlächeln.

…und auch das nur mit sehr, sehr viel Berechnung.

Am Nachmittag habe ich Einlass in die Eröffnungsfeier der Buchmesse mit Glanz und Gloria, verkörpert durch die Frankfurter Oberbürgermeisterin Dr. h.c. Petra Roth und Dr. Guido Westerwelle. Fragen Sie mich bloß nicht, wer von den beiden Glanz und wer Gloria ist.

Vor der Feierlichkeit ist ein Presseshooting angesetzt. Da mache ich mal mit. Wenn ich ein gutes Foto von den Teilnehmern kriege, muss ich vielleicht gar nicht auf die Feier und kann gleich zum Altbier.

…und da war ich nicht der einzige, der das dachte.

Hinter der Presseabsperrung treffe ich den früheren Messepressesprecher Thomas Minkus, jawohl, hinter der Absperrung. Ungewohnt, den Minkus mal hinter statt vor einer Absperrung zu sehen.

Und er hat nur eine ganz kleine Kamera.

So, und hier kriege ich nun endlich das Foto von Dr. Westerwelle hin, für das ich Leibesvisitationen, Führungszeugniseinsicht und stundenlanges Wartestehen erduldet habe:

Da sind aber viele Leute mit aufs Foto gekommen.

…so tolles isses ja dann auch nicht geworden. Aber drei Dinge sind mir aufgefallen:

Was macht eigentlich der Außenminister auf einer Buchmesse?
Was will Juergen Boos von Dr. Ruth Westheimer?
Warum hat sich Hape Kerkeling
als Hessens Ministerpräsident Bouffier eingeschlichen?

Nun, das muss reichen an Enthüllungsjournalismus. Die Feierlichkeit erspare ich mir; ist wahrscheinlich dasselbe wie heute morgen, nur mit Kerkeling und Westerwelle.

Genetischen Fingerabdruck bitte hier ablegen

Abschließend wende ich mich lieber dem Verhüllungsjournalismus zu, der alles in einen mildernden Biernebel tauchen möchte. Nicht, dass ich das gerne täte, aber Tradition ist Tradition.

Am BuchMarkt-Stand treffe ich als erstes Nicola Bardola und hätte ihn fast nicht erkannt, weil er sein John-Lennon-Problem noch nicht hat behandeln lassen.

Die Yoko Ono des fast deutschsprachigen Buchhandels

Dann höre ich hinter mir den Satz fallen „Leipzig hat ja auch ein sehr schönes Krematorium!“. In Gänsehautrichtung mache ich Dr. Christian Sprang ausfindig, der mir immer unheimlicher wird mit seinen Todesanzeigen („Wir sind unfassbar“) und seiner Krematoriumsbeflissenheit.

Kennt gute Ausgehtipps: Dr. Christian Sprang

Ich hoffe doch schwer, dass Dr. Sprang bei Adrienne Hinze, jetzt bei Lübbe Baumhaus Boje, etwas weniger morbide Gesprächsthemen findet.

Seebestattungen zum Beispiel.

Bei einem Frisurengespräch unter Neohippies hätte Bodo Horn (links) vom Baumhaus-Verlag ja einiges beizutragen, aber Bardola hört nichts durch die viele Wolle, und Harald Kiesel (rechts) ist irgendwie nicht die richtige Zielgruppe.

Aber neben ästhetischen finden hier auch terminliche Fragen ihren Abschluss, und so nehme ich für Mittwoch gleich ein paar interessante Termine und Kaffeeeinladungen mit.

Ist der neue Stand von Kein & Aber wirklich so schön?

Ist der neue Kaffee bei Suhrkamp wirklich so gut?

Wir werden sehen.

Zeitung kaufen mit dem ICE: Das ist Frankfurt.

Einen guten Nachhauseweg wünsche ich mir und Ihnen einen gelungenen Messe-Auftakt!

Ihr

Matthias Mayer

herrmayer@hotmail.com

www.herrmayer.com

Berühmte Schein-Argentinier, Teil 1:

Isabell Allende (Chile)
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