Bücher machen können die kleineren unabhängigen Verlage – der Vertrieb ist das Problem

Jubiläen muß man feiern, wie sie fallen: Dieses hier ist die 125. Kolumne… Die Red.

„Wenn man die literarische Qualität und Vielfalt, die nicht zuletzt von den kleineren, unabhängigen Verlagen gewährleistet wird, erhalten wolle, müsse man jetzt handeln“ – so die vom Handelsblatt wiedergegebene Meinung von Manfred Metzner, dem Chef des Heidelberger Verlages Das Wunderhorn. Rolf Nüthen – im Börsenverein des Deutschen Buchhandels für den Arbeitskreis kleinerer unabhängiger Verlage zuständig – brachte eine ihrer Hauptschwächen auf den Punkt: „Bücher machen können die kleineren unabhängigen Verlage – der Vertrieb ist das Problem.“

Einen vernünftigen, praktikablen Weg mag Rolf Nüthen weisen, wenn er ihnen den Rat gibt, Vertriebsgemeinschaften zu bilden. Einen anderen bedenkenswerten Wink gab Helmut Dähne (Rowohlt), als er meinte, es sei sinnvoll, „wenn große Verlage die Mitarbeiter von kleineren in Marketing und Vertrieb weiterbilden“.

Es war allerdings wohl auch ein frommer Spruch in Abwehr einer Empfehlung, welche Kulturstaatsministerin Christina Weiss im März anlässlich der Verleihung des Kurt Wolff- Preises für unabhängige Verlage ausgesprochen hatte: die Verlagskonzerne sollten den unabhängigen Verlagen finanziell unter die Arme greifen.

Warum sollten aber größere Wirtschaftsunternehmen – zumal sie gerade im Verlagsbereich selbst mehr als genug Probleme mit dem Verkauf der eigenen Titel im Buchhandel am Hals haben – kleinere subventionieren?

Und warum sollten Bund, Länder, Kommunen, Institutionen, Stiftungen, individuelle Mäzene und Vereine ihre bisherige breite Förderpraxis im Bereich der Literatur zugunsten von Autoren, den Schwächsten der Schwachen und eigentlich Kreativen – eine Praxis, die ihnen im übrigen immerhin auch ein wenig kulturellen Glamour bringt – eigentlich aufgeben, damit sie Buchhändlern zugute kommen, „die sich die Mühe machten, anspruchsvolle Literatur insbesondere von kleinen Verlagen aktiv anzubieten“ – wie es laut Handelsblatt Anton G. Leitner anrät. (Leitner ist Verleger, Herausgeber der Zeitschrift „Das Gedicht“ sowie etlicher Anthologien.) Nebenbei bemerkt: Das Land Niedersachsen prämiert schon alle zwei Jahre eine unabhängige Buchhandlung, die sich um die Verbreitung von nicht leicht verkäuflichen Titeln verdient macht.

Würden solche Empfehlungen nun aber etwas an der generellen Malaise ändern, die das Handelsblatt einleitend so beschreibt: „Insbesondere die großen Ketten, die vornehmlich Bücher von Bohlen & Co in ihr Sortiment aufnehmen, machen den kleineren Verlagen das Leben schwer.“ (Ist die Behauptung des Nebensatzes im übrigen nicht ein feuilletonistisches Vorurteil?)

Würde eine vertriebliche Subventionierung der kleinen durch die großen Verlage ferner das Risiko und die Scheu der kleinen und mittleren Buchhandlungen mindern, „ausgefallene Literatur anzubieten“?

Würde eine Umpolung der literarischen Förder- und Preisepraxis Buchhändlern, die – was Verlage meist zu vergessen scheinen – finanziell oft noch schwächer dastehen als sie, etwa die notwendigen Mittel an die Hand geben, um mäzenatisch handeln zu können?

Dass ein Titel allein schon darum Käufer findet, weil es in einem Sortiment steht, ist ebenfalls ein Märchen – verlegerisches Wunschdenken.

Und: An der Bedeutung kleinerer unabhängiger Verlage für die Kultur unseres Landes kann kein Zweifel bestehen. Dass sie, nur weil sie klein sind, immer Qualität gewährleisten, ist – sowohl nach der Erfahrung von Literaturkritikern wie nach dem Empfinden und Urteil von Lesern, wiederum ein Vorurteil. Auch sie tragen ihr Teil zur beklagenswerten und sattsam
Beklagten Überproduktion von Fragwürdigem oder Überflüssigem bei.

Womit nicht gesagt sein soll, dass der Verdrängungswettbewerb der Grossen (untereinander, gegen die feinen kleinen Imprints im eigenen Haus wie gegen die unabhängigen) für irgendwen gut ist und für sie selber, von Kultur ganz zu schweigen, in vernünftigen, ökonomisch vertretbaren Bahnen verliefe.

Sie versuchen, ihre Titel mit allen nur erdenklichen Mitteln in den Buchhandel zu pumpen. In Großbritannien versuchen sie es neuerdings zunehmend mit Luxusveranstaltungen für wichtige Sortimenter. So spendierte Hutchinson einem größeren Kreis von ihnen das Erlebnis eines Besuches von Pompeji – in der Einkaufsphase des gleichnamigen Romans von Robert Harris; Simon & Schuster organisierte für sie eine grandiose Begegnung mit Hillary Rodham Clinton in New York – um den Einkauf für deren „Gelebte Geschichte“ zu steigern; CollinsWillow lud sie zu David Beckham nach Madrid ein; für den kommenden Herbst hat ihnen HarperCollins zur Vorbereitung der Publikation eines neuen Roman von seinem Bestsellerstar Bernard Cornwell einen Trip nach Frankfurt versprochen – just rechtzeitig, damit sie dort an der teuren Buchmesse teilnehmen können.

In der Politik stünden dergleichen Geschenke unter Korruptionsverdacht – siehe die Affäre um Ex-Bundesbankpräsidenten Welteke. In der Wirtschaft sind solche Dinge üblich, ohne dass moralisches Geschrei erhoben wird – was eigentlich konsequent wäre. Das tun die britischen Kleinverleger, die nun mit lautstarkem Protest an die Öffentlichkeit gegangen sind, allerdings nicht. Sie beklagen eine Wettbewerbsverzerrung, weil sie selber sich solche Praxis, die von Fall zu Fall bis zu 30.000 Euro kostet, nicht leisten können – sonst täten sie es nämlich auch. Oder sollten sie wirklich klüger sein?

Gut, sie klagen mit Recht, dass sie bei den großen britischen Ketten – W.H. Smith, Waterstone, Ottakar und Borders – immer weniger platziert werden, weil die Großen ihnen immer mehr an Regalraum und Präsentationsflächen wegfressen. Aber tun die Großen es vielleicht auf eine gescheite Weise?

Zu den Luxus-Bohais werden nur Einkäufer eingeladen. Wenn Larry Finlay, Geschäftsführer bei Transworld, die Sache generell herunterspielt und meint, entscheidend sei doch nur „die Qualität des Buches“ selbst, sollte man das nicht sehr wörtlich nehmen – wenn die großen Konzernverlage das tatsächlich glaubten, würden sie die für solche Bohais notwendigen, beträchtlichen Summen doch wohl nicht ausgeben. (Transworld hält sich hier allerdings sehr zurück.)

Dabei scheinen sie zwei Denkfehlern aufzusitzen, wie Volker Hasenclever meint, der das Riesendebakel von W.H. Smith genau verfolgt und analysiert hat. Denn bei Bestsellern, denen solche Behandlung zuteil wird, resultieren meist enorm hohe Remittenten – deren wahren, immensen Gesamtkosten die Verlage nach seinen Studien bis heute nicht realisieren.

Und was nützt es, selbst wenn es ihnen gelingt, die Seele der Einkäufer zu fangen? Die hohen Stapel, die sie ordern, werden am Ende nicht von ihnen verkauft. Entsprechen ihre auch durch reichhaltige Verlagsmassagen motivierten Massenbestellungen dem Profil der – von Verlagen eher mit links behandelten – Sortimenterinnen und Sortimenter im Laden, die sie verkaufen? Den Interessen der Kundinnen und Kunden?

Es ist eine Problematik, welche, auch ohne dergleichen Bohai, hier zu Lande nicht minder besteht – was die Einkäufer für die Zentrallager der großen Filialisten und die Einstellung der Key-Accounter in den großen Verlagen betrifft.

Die Auswirkungen in Großbritannien sind gravierender, da es dort kaum mehr unabhängige Buchhandlungen gibt und Ketten sich bisher nicht eben als Scouts und Schrittmacher für neue Autoren und Titel erwiesen haben. Ihr Manko an Entdeckergabe und Stimulansfähigkeit ist so stark, dass in jüngster mehrfach folgendes vorgekommen ist: Junge britische Autoren sind mit der Erstausgabe ihres Werkes im britischen Originalverlag untergegangen – ihr heimischer Verlag hat im Konzert mit den alldominierenden heimischen Ketten einen Erfolg versiebt – zu dem es dann erst in den USA kam, dank der drüben trotz aller Rückgänge noch immer beachtlichen, engagierten und tüchtigen Independents, deren Erfolg im einen oder anderen Fall dann zum Beispiel für die britische Taschenbuchausgabe „importiert“ wurde.

Was diese Entwicklung zeigt, ist freilich auch für uns von höchster Bedeutung. Man muss nicht mehr spekulieren und gewisse Sprüche nicht mehr als Sonntagsreden in den Wind setzen. Wir haben nun – ein Beispiel wäre Alexander McCall Smith – dokumentierte Beweise dafür, wie sehr auch Großverlage auf das mittelständige Sortiment angewiesen sind. Sie sollten also auch in Deutschland daraus lernen und pfleglichst alles tun, es zu fördern und zu erhalten.

Und beherzigen, was in der oben skizzierten deutschen Debatte überhaupt nicht und in der britischen noch viel zu wenig angesprochen wird: Ob groß oder klein, ein Verlag ist Mittler zwischen Autor und Leser. Jedes Programm-, Marketing-, Vertriebs- und Werbedenken, das im eigenen Saft ersäuft, bringt keine Rettung. Es muss sich wieder stärker am Kernspannungsfeld zwischen den Urhebern und den „Endkunden“ jeder Art von Literatur orientieren und darf nicht vergessen, wer letztlich an der Verkaufsfront steht.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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