Beckmann kommtiert Christine Westermann: Eine neue Elke Heidenreich aus Nordrhein-Westfalen

In Wien, München, Zürich und Hamburg standen – zum ersten Mal vor etwa zwei Jahren – Verlage vor einem Rätsel. Da hagelte es für einen Titel plötzlich Bestellungen aus dem Sortiment, die sich der Vertrieb nicht erklären konnte, Bestellungen, die zu tausenden Exemplaren anwuchsen, ohne dass ein besonderes Marketing oder Werbung gelaufen wäre. Und in keinem der Feuilletons war eine große Rezension oder Buchgeschichte erschienen.

Eine Erklärung für das erfreuliche seltsame Phänomen lieferte in allen vier Fällen am Ende die Presseabteilung des Verlages: Im Rundfunkmagazin Matuschik am Sonntag auf WDR 2 war eine Besprechung des jeweiligen Romans gesendet worden. Und für solchen Erfolg der Sendung stand jedes Mal der gleiche Name. Es ist ein Name, der in Nordrhein-Westfalen, wo der WDR zu hören ist, längst ein Begriff ist. In NRW war die Frau schon vor zehn Jahren populär und singulär: als Fernsehmoderatorin und durch die TV-Sendung „Zimmer frei“ mit Götz Alsmann. Die dortigen Buchhändler schwören auf sie. Inzwischen hat sich ihre Name auch unter Verlagen anderswo herumgesprochen, sogar unter Kulturjournalisten. Der Name heißt: Christine Westermann.

„Sie ist die neue Elke Heidenreich“, sagt Elmar Krekeler, der verantwortliche Redakteur der Literarischen Welt. „Sie bewegt so viel wie Elke Heidenreich?“ habe ich den Vertriebsleiter eines betroffenen Verlages gefragt. „Das ist eine Untertreibung“, hat er geantwortet.

Den Roman Die Frau im Mond von Milena Agus hatten die von seiner Lektüre begeisterten Vertreter des Hoffmann und Campe Verlags vergangenen Sommer im Sortiment schon gut vorverkaufen können. Er ist – dann auch dank Elke Heidenreichs Empfehlung in ihrer Sendung Lesen! – auf Spitzenplätzen der Bestsellerlisten gelandet. Doch die Initialzündung für den durchschlagenden Erfolg kam von Christine Westermann.

Heute gilt der Österreicher Daniel Glattauer als arrivierter Autor. Als der Deuticke Verlag seinen Roman Gut gegen den Nordwind 2006 herausbrachte, war er in Deutschland noch ein Geheimtipp. Christine Westermann trug entscheidend bei, dass er ins Rennen kam.

Den Verkauf von Per Pettersons Pferde stehlen (Hanser, 2006) brachte Christine Westermann ins Rollen.

Den südamerikanischen Schriftsteller Marcelo Figueras kannte hier zu Lande kaum jemand. Sein Roman Kamschatka (Nagel & Kimche, 2006) wurde vom Sortiment bescheiden aufgenommen. Mit Hilfe von Christine Westermann fand er etliche tausend Käufer.

Der 31jährige Nicola Lecca ist in Italien – auch als Musik-Kritiker – berühmt. Als im vergangenen Herbst von ihm erstmals etwas auf Deutsch erschien, der in seiner Heimat preisgekrönte Roman und Top-Bestseller Hotel Borg (C. Bertelsmann), rührte sich bei uns kaum ein Lufthauch, auch in den Feuilletons nicht. Nachdem Christine Westermann ihn vorgestellt hatte, war die erste Auflage von 5.000 Exemplaren bald komplett verkauft und eine zweite erforderlich.

Wie kann so etwas angehen – in einer Zeit, da Rezensionen leider nur noch wenige Leser zu Kauf und Lektüre eines Buches bewegen?

Christine Westermann trifft mit ihren Besprechungen den Nerv der Bücher, wie den ihrer (vielen) Hörer. Sie bietet – in Spots von zirka drei-einhalb und anderthalb Minuten – mustergültigen literarischen Rundfunkjournalismus. So, beispielsweise, zu Nicola Leccas Roman Hotel Borg. Da sagt sie im ersten Block:

„DIE HANDLUNG
… ist auf jeden Fall ungewöhnlich. Ein weltberühmter Dirigent beschließt – auf der Höhe seines Ruhms – ganz plötzlich aufzuhören, will sein letztes Konzert geben. Dieses letzte soll sein bestes werden, das vollkommene Konzert. Dafür sucht er sich nicht etwa einen der großen Konzertsäle in London oder New York aus, er geht nach Island, in eine kleine Kirche nach Reykjavik, in der gerade mal 52 Menschen Platz haben. Wer darf da sitzen? Freunde, Verwandte, Musikkritiker, Kollegen? Ganz falsch. Wie er diese 52 Zuhörer auswählen lässt, ist spektakulär, kostet einen Menschen fast das Leben und zwingt ein paar andere dazu, ihr bisheriges Leben von einem Tag auf den anderen aufzugeben. Dramatische Entscheidungen, die wenige Stunden vor dem Konzert im Hotel Borg in Reykjavik und vor der Tür der kleinen Kirche getroffen werden.“

Das ist sehr vereinfacht, aber kurz und bündig sowie, vor allem: korrekt.

Was bewirke das Geschehen des Romans? Dazu bei Christine Westermann

„DIE BEWERTUNG….. Nachdenken darüber, was passieren muss, damit das Leben Sinn macht.“

Zunächst verankert sie solche Bewertung im Roman selbst, indem sie auf die Hauptcharaktere verweist:

„Es denken nach: ein Student, ein Dirigent, eine Sängerin, ein Wunderknabe, ein Lebemann, ein paar Isländer.“

Dann reflektiert sie die Wirkung der Lektüre:

„Und der Leser. Der kommt ordentlich ins Grübeln, lange nachdem er dieses Buch zugeklappt hat. Über eine Geschichte, die etwas mühsam anläuft und mit jeder Seite an Fahrt gewinnt. Bis es am Ende eine jähe Vollbremsung gibt und man ratlos und sehnsüchtig zurückbleibt. Ich hätte sehr gern weiter gelesen, aber der Autor schubst einen von der Bettkante – und während man darüber nachdenkt, warum er das tut, macht sich die Fantasie im Kopf selbständig und man spinnt die Geschichte weiter….“

Wer Nicola Leccas Hotel Borg kennt, wird anerkennen: Das alles ist objektiv und subjektiv richtig. Es geht – an Information, Bewertung und persönlicher Lektüre-Erfahrung – weit über Elke Heidenreich hinaus, wird ohne mahnenden oder drohenden Zeigefinger gesagt, ohne persönliche Eitelkeit: Es zieht ins Buch hinein. Und es wäre schön – es handelt sich um einen vielschichtigen literarischen Roman, wie er Kritiker leicht zu hochintelligenten, brillanten Kommentaren verführt -, wenn es zudem Rezensenten als Wegweiser dienen würde dazu, ihre Feuilletons bei einem substantiellen Roman, den sie selbst als lesenswert empfinden, so zu verfassen, dass sie den Lesern zur Lektüre verhelfen.

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