Beckmann kommtiert Das Bezos Amazon Kindle

Mit Recht hat die Buchmarkt-online-Redaktion den ausführlichen Bericht ‚Books Aren’t Dead’ des amerikanischen Nachrichtenmagazins Newsweek vom 26. November als Lektüretip gegeben. Er ist hervorragend recherchiert, stellt alle Zusammenhänge klar und deutlich dar und vermittelt m.E. mehr über die Chancen und Perspektiven des neuen E-Buch-Konzepts namens Amazon Kindle als hiesige Medienberichte: … „eine Revolution“, wie Steven Levy in Newsweek erklärt, „welche bei Lesern die Art und Weise des Lesens, des Schreibens bei Autoren und des Verlegens der Verleger verändern wird“.

Nach der Lektüre kann der Eindruck entstehen – bei mir hat er sich jedenfalls hier zum ersten Mal eingestellt: Das Buch in seiner bisherigen, gedruckten und gebundenen Papiertradition, wie es uns seit Gutenberg über nun rund fünfhundert Jahre vertraut ist, könnte tatsächlich abgelöst werden, aber in einer neuartigen E-Produktion wiederauferstehen – freilich mit allen dazugehörigen Folgen, welche die Branche wohl von Grund auf verändern würde, und was, bitte, soll dann aus unserem Buchhandel werden?

Mir kamen gleich Erinnerungen hoch, an Freunde und Bekannte, Leseratten, die auf den Flug in die Ferien um Buchempfehlen bitten, „aber keine Hardcover“, sagen sie schon seit Jahren, „die haben einfach zu viel Gewicht, nur Taschenbücher, die können wir nachher außerdem am Ferienort zurücklassen, bei Taschenbüchern macht uns das nichts, damit wir im Koffer Platz haben für Souvenirs und so weiter.“ Und da kommt nun das Amazon Kindle, es wiegt ja kaum mehr etwas, es kann nicht heiß laufen wie ein Laptop, es muss nicht elektrisch angeschlossen werden wie ein Computer, ist also mobil, die Batterie garantiert eine Lesezeit von 30 Stunden und ist innerhalb von nur zwei Stunden wieder aufgeladen, es fasst ein ganzes Regal von aktiv 200 Titeln, mit weiteren Hunderten in einer Memory-Funktion, mit Zugriff auf eine schier unendliche virtuelle Bibliothek, die bei Amazon abrufbar ist, etc etc.

Das Kindle hat Taschenbuchformat und bietet, dank einer neuen „E-Tinte“ nicht nur ein dem realen Taschenbuch vergleichbar klares Schriftbild, nein, man kann sogar die Schriftgröße variieren, so dass ältere Menschen je nach Bedarf auf Großdruck umstellen können. Mit dem Kindle wird das E-Book also auch belletristik-tauglich. Wie gesagt, ein geradezu ideales Medium für die Ferienlektüre des modernen Massentourismus.

Als ich vor wenigen Tagen Reinhold Neven DuMont von Kiepenheuer & Witsch in einer Sendung des Kulturfernsehens sah, wo er versicherte – was bis dato eigentlich alle Akteure des schöngeistigen Verlegertums versicherten -, das herkömmliche Buch sei unersetzbar, haben seine Argumente mich, leider, nicht zu überzeugen vermocht. Ich bin nach wie vor, was den Lauf der herkömmlichen Branche angeht, ziemlich nervös.

Heute morgen kam nun ein erster Lichtblick in meine nervöse Finsternis. Und auch wenn er beileibe nicht alle düsteren Probleme wegblitzen kann, möchte ich davon berichten, weil die Geschichte wieder einmal zeigt, dass es manchmal ganz einfache Dinge sind, an die man vielleicht in der allgegenwärtigen CO2-Wolke des hiesig diesigen Kulturpessimismus gar nicht denkt. Es war ein Schweizer, der hier ein Lichtlein spendete, ein tröstliches „kindle“, um im sprachlichen Kontext der Sache zu bleiben. Schweizer haben offenbar eben doch etwas mehr Bodenhaftung, sind pragmatischer und lassen sich deshalb weniger schnell ins Bockshorn jagen als beispielsweise ich.

Gelacht hat er nur, der Peter Fritz (von der Literarischen Agentur Paul und Peter Fritz, in Zürich), als ich ihm meine Kindle-Nervosität betr. belletristischer Urlaubslektüre an die Wand menetekelte. „Also“, hat er gesagt, und sein Argument hat mich überzeugt, „nun lass mal die Kirche im Dorf. Zu deiner Kindle-Katastrophe in den Ferien wird es sicher nicht kommen. An den Mittelmeerstränden wird niemand auf die Idee kommen, mit dem Kindle zu lesen, weil Elektronik an Mittelmeerstränden sofort geklaut würde, und welcher Tourist würde sich schon ein teures Kindle mit seiner ganzen Ferienbibliothek stehlen lassen wollen? Aber gute alte Bücher klaut niemand.“

Das ist mehr als plausibel. Denn, erstens, ein Franzose, Italiener, Spanier, Grieche, ein Marokkaner, Libyer, Ägypter oder Türke würde doch nie auf die Idee kommen, ein deutschsprachiges Buch zu klauen? Was hätte er denn davon? Er könnte es ja nicht einmal lesen.

Und was die Miturlauber gleicher Zunge angeht: Hat jemand schon einmal gehört, dass ein Deutscher stiehlt, gar ein Buch? (Höchstens in einer stationären Buchhandlung, und da doch auch meist nur, wenn es sich bei der Buchhandlung um eine großflächige Filiale handelt, in der es angeblich keine Buchhändler mehr gibt, denen Bücher noch etwas bedeuten).

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

Weitere Beiträge der Kolumne „Beckmann kommentiert“ finden Sie im Archiv unter dem Stichwort: „beckkomm“.

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