Beckmann kommtiert Das Ende einer unabhängigen Buchhandlung: ein aufschlussreiches Paradebeispiel aus den USA

Die Schließung einer unabhängigen Buchhandlung in Seattle mag auf den ersten Blick so weitab erscheinen wie die mit 580.000 Einwohnern größte Stadt, 155 Kilometer südlich der Grenze zu Kanada, im Nordwesten der USA. Doch die Ursache und Hintergründe ihrer Schließung sind auch für hiesige Sortimenter und Städte aufschlussreich.

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Dazu vorab allgemein:

Seattle steht wirtschaftlich solide da, u.a. als Standort der Verkehrsflugsparte wie weiterer großer Produktionsbetriebe von Boeing; als ein Zentrum der IT-Branche, mit Sitz des Software-Herstellers Microsoft im vorgelegenen Redmond; oder als Firmensitz der global operierenden Kaffeehauskette Starbucks.

Seattle ist Kulturzentrum des pazifischen Nordwestens der USA: mit renommiertem Symphonieorchester, Opernhaus und Ballett; mit einer vitalen Popkultur, aus der in den 1990er Jahren sogar ein eigener Rockmusikstil (Grunge) hervorging, die beispielsweise über die Band Nirvana weltberühmt wurde. Es ist eine Stadt – mit außerdem weit über hundert Kunstgalerien und Ateliers – bedeutender Museen nicht nur zur Kunst, sondern zur Geschichte der Natur, der Indianer und des Flugverkehrs.

Seattle ist eine Bildungshochburg, in der – neben drei weiteren Universitäten und etlichen Fachhochschulen – mit der University of Washington eine der herausragenden staatlichen Universitäten (mit knapp 45.000 Studenten) ansässig ist, deren germanistische Abteilung übrigens zu den besten der USA überhaupt zählt.

Seattle hat ein exzeptionell hohes Bildungsniveau: Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung unter 25 Jahren haben die High School, knapp 40 Prozent ein Studium an College oder Universität mindestens mit dem akademischen Grad des Bachelor abgeschlossen.

Und Seattle stellt, über seine Hoch- und Popkultur hinaus, eine touristische Attraktion dar, im Mittelpunkt der Seattle Pike Market Place, an der Stelle des alten Fischmarkts also, der mit interessanten Geschäften, Restaurants, Straßenkünstlern etc. etwa an Samstagen im Sommer bis zu 40.000 Besucher anzieht.

Summa summarum: Seattle ist dank einer überdurchschnittlich gebildeten und wohlhabenden Mittelschicht plus Touristen auch eine interessante Stadt für den Buchhandel.


Dort, eine Straße weiter vom Pike Market Place – das galt als mutig, weil bereits ein Stück von der historischen Glamour-Zone entfernt -, haben die Freunde Michael Coy und Michael Brasky – ganz modern und zeitgemäß, mit angeschlossener Cafébar – ihre Buchhandlung M. Coy Books & Espresso aufgemacht und seither, über die Stadt hinaus, zu hohem Ansehen geführt.

Das Auf und Ab demonstriert die Abhängigkeit eines eigenständigen Sortiments von sozialen, urbanen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Nach erfolgreich gemeisterten Schwierigkeiten des Anfangs kam in dem Viertel ein florierender (illegaler) Rauschgifthandel hoch, der die Pike Street gefährlich machte, so dass viele bürgerliche Kunden wegblieben. Dann eröffnete die Großbuchhandelskette Borders im nahegelegenen Westlake-Einkaufszentrum eine Filiale: was Kundschaft und Umsatz weiter reduzierte. Darauf folgte ein immenser Aufschwung: im Zuge der Internet-Revolution kauften junge Dotcom-Unternehmen, die in der Nachbarschaft entstanden, riesige Mengen von (teuren) Kunst- und Designbüchern, um ihre neuen Büros mit eindrucksvollen repräsentativen „Bibliotheken“ auszustatten. Dieser Boom von M. Coy endete mit dem Zusammenbruch der auf Internet-Spekulationen basierenden New Economy. Dem Indie blieb dank seiner hervorragenden Kundenpflege freilich eine beachtliche Klientel treu, so dass er sich gut über Wasser zu halten vermochte. Inzwischen hat aber die Immobilie, in der M. Coy seine Geschäftsräume gemietet hatte, den Besitzer gewechselt; der neue Eigentümer – sei es höherer Mieten oder eines einträglicheren Neubaus halber, jedenfalls scheint die Pike Street als Büro- und Geschäftsgegend in eine neue Phase einzutreten – kündigte den Mietvertrag. Bis Ende muss der Indie seine bisherige Flächen räumen.

„Während unserer ersten 16 Geschäftsjahre“, schreiben Coy und Brasky in einem offenen Brief an Kunden und Freunde, „waren wir mit einem außergewöhnlichen Mietsherrn gesegnet, der es uns möglich machte, manche unglaublich harte Zeiten zu überstehen. Die Zeiten ändern sich. Unser neuer Mietsherr hat andere Prioritäten.“ Sie halten fest: „Der wirtschaftliche Kampf um den Erhalt einer kleinen unabhängigen Buchhandlung ist in der gegenwärtigen Einzelhandelsszenerie praktisch aussichtslos geworden.“ Nach neuen Geschäftsräumen wollen die beiden sich deshalb erst gar nicht mehr umschauen.

Die Erhöhung von Mieten für Lokalitäten in guten Lagen großer und mittlerer Städte – auch von Lokalitäten, welche auf Grund einer städtebaulichen Neupositionierung von Straßen und Vierteln, zum Beispiel durch Einkaufszentren – ist das Damoklesschwert, das nicht nur in den USA über vielen unabhängigen Sortimenten schwebt. Und es bedroht keineswegs nur die Buchkultur.

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Wie eingangs erwähnt: Seattle ist eine wirtschaftlich florierende Stadt. Und die Schließung dieser Buchhandlung bietet, wie ein Blogger kritisch bemerkt, auch ein Beispiel dafür, wie Kultur und Lebensqualität, die Urbanität einer Stadt gerade durch ihren wirtschaftlichen Erfolg gefährdet werden. Bislang galt Seattle – und wurde auch dementsprechend mehrmals ausgezeichnet – als „die lebenswerteste Stadt der Vereinigten Staaten“.

Die Schließung von M. Coy Books & Espresso wird demgemäß von etlichen Bloggern kommentiert. Sie mündet in einen Appell an die Stadtparlamente und -behörden, die urbane Infrastruktur in den Mittelpunkt ihrer städtebaulichen Planungen zu rücken, statt immer nur auf scheinbar wirtschaftliches Wachstum zu setzen mit seinen Folgeerscheinungen wie z.B. schier endlose Kostensteigerungen, welche die Bürger schlussendlich aus städtischen Innenbezirken vertreiben und die Zentren zu Totenstädten machen. Und für moderne Urbanitätsforscher stellen gerade Buchhandlungen ein essentielles Moment städtischen Lebens dar.

Michael Coy aber sieht eine Zukunft für kleine unabhängige Buchhandlungen nur mehr in Wohnbezirken, wo sie sich als Fokus der Community halten und Bürger durch ein engagiertes Engagement für solche Independents als Wahrer ihrer eigenen kommunalen Kultur aktiv werden.

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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