Beckmann kommtiert Das Rauchverbot hat merkwürdige Folgen

Das Rauchverbot für Gasthäuser, Kneipen und Restaurants hat seltsame Umgehungsversuche gezeitigt. Vor, neben und hinter Lokalen schossen sommers letzten Jahres in Italien „Biergärten“ aus dem Boden. Die MaiIänder Haute Couture hat modische Kleidungsstücke mit Retro-Raucher-Look kreiert. Eine besonders originelle Reaktion auf das Rauchverbot brachte ein Londoner Designstudio mit angeschlossenem Kleinverlag namens Tank.

Dessen Kreativ-Direktor (und Mitbegründer) Masoud Golsorkhi hatte, wie er dem Journalisten Duncan Campbell vom Guardian erzählt, „schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken gespielt, die Form der Zigarettenpackung für Bücher zu verwenden. Als wir vom bevorstehenden Rauchverbot an öffentlichen Orten erfuhren, hieß es für uns: Jetzt oder nie“ – um Leute, die mit Literatur wenig am Hut hatten anzusprechen. „Während meines ganzen beruflichen Lebens habe ich mit Image-Bildung zu tun gehabt“, so wird Golsorkhi im Guardian zitiert. „Denken ist aber ohne Sprache unmöglich, und es stimmt mich traurig, mit cleveren Menschen in ihren zwanziger Jahren zusammenzuarbeiten, die bekennen, noch nie ein Buch gelesen zu haben.“ Darum schien ihm ein Buch in Form der Zigarettenschachtel, das man stets und überall bei sich haben kann, eine prächtige Idee und die Aufgabe reizvoll, ein entsprechendes Verpackungsdesign zu entwickeln.

Also brachte Tank Books Erzählungen und gekürzte Fassungen längerer Texte von Joseph Conrad, Ernest Hemingway, Franz Kafka, Rudyard Kipling, Robert Louis Stevenson und Leo Tolstoi heraus, die einiges Medienecho auslösten und in Buchhandlungen so wie in Boutiquen und Designshops verkauft wurden – sie haben sich angeblich vor allem als Geschenkartikel im Weihnachtsgeschäft gut verkauft.

Doch jetzt steht Golsorkhi mit seinen Tank Books Ärger ins Haus. Der Zigarettenkonzern BAT will ihn wegen Markenschädigung verklagen – das schicke Zigarettenschachtel-Buch mit Hemingways Schnee am Kilimandscharo sieht dem Konzern für seinen Geschmack der Zigarrenmarke Lucky Strike offenbar allzu ähnlich. Wer hätte gedacht, dass Literatur dem Kauf und Genuss einer Zigarette abträglich sein könnte?

BAT verlangt von Tank Books, alle Exemplare des Hemingway-Zigarettenbuches einzustampfen. Die Argumente und die Prosa seiner Anwälte stellen Bücher wegen ihrer angeblich negativen Einwirkung auf Konsumgenuss in ein völlig neues Licht. Und. Sollte Hemingway ein schlechteres Image haben als Lucky Strike?

Masoud Golsorkhi ist ob der Zumutung entsetzt, Weltliteratur im schicken Designgewand à la Rauchstäbchenverpackung vernichten zu sollen.

Der Modeschöpfer Sir Paul Stephens, der diese Tank Book schätzt und in seinen Boutiquen verkaufen lässt, hat süffisant bemerkt: „Die Zigarettenbücher sind zumindest nicht gesundheitsschädlich.“

Falls es zu einer Gerichtsverhandlung kommt, dürfte sie von brennendem öffentlichen Interesse und einigem Unterhaltungswert sein.

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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