Beckmann kommtiert Der Kauf der Perseus-Verlagsgruppe durch Hachette signalisiert eine breite neue Konsolidierung im Verlagsbereich, die sich gegen Amazon richtet. Es sind – paradoxerweise – nun die Großen, die im Kampf mit dem Online-Giganten die Zukunft des Buches, des Buchhandels und der Kultur des Lesens sichern

Soeben hat Hachette das sechsgrößte Verlagsunternehmen der USA gekauft, die New Yorker Verlagsgruppe Perseus Books [mehr…] und ist unter den größten US-Buchkonzernen damit vom fünften auf den vierten Rang hochgeklettert. Der Zukauf liege ganz auf der Linie einer Langzeit-Strategie, hat Michael Pietsch erklärt, der US-Chef von Hachette. Von einem unmittelbaren Zusammenhang dieser Expansion mit seiner Konfrontation gegenüber Amazon mag er nicht sprechen. Branchenexperten bewerten diese Akquisition jedoch anders und ordnen sie in einen neuerlichen Konsolidierungsschub ein, der seit etwa zwei Jahren die Größendimensionen des Verlagsgeschäfts verändert.

Perseus Books geht an Hachette – das war vor zwei Tagen.

Und es ist nur zwei Monate her, dass der Buchkonzern HarperCollins – Teil des Medienimperiums von Rupert Murdoch – den kanadischen Verlag Harlequin erwarb: Auch so ein Coup, der erst im Rahmen der aktuellen Konfrontation zwischen den Buchverlage und Amazon gebührend begriffen werden kann. Denn Harlequin ist „eine der größten und breitest bekannten Verlags-Konsummarken“ der Welt, sagt HarperCollins-Boss Brian Murray.

Man kann’s nachvollziehen: Seinen Umsatz von zuletzt 398 Millionen kanadischen Dollar macht Harlequin – bei einer Programmlinie mit unterhaltender Frauenbelletristik – mit monatlich 110 Neuerscheinungen auf 102 Märkten in 34 Sprachen, und Harlequin war eins der ersten Unternehmen, das entschieden aufs digitale Verlegen von Büchern setzte – was 2013 bereits 24 Prozent des Umsatzes ausmachte. Mit Harlequin „haben wir in hohem Maße unsere internationale Präsenz verstärkt“, stellt Brian Murray fest: dank einer seit langem gefestigten Marke, die von Amazon unabhängig ist.

Diese Strategie hat sich freilich schon angedeutet, als Harper Collins sich 2011 mit Thomas Nelson das weltweit größte Verlagshaus für christliche Literatur einverleibte, der in den USA 50 Prozent dieses Marktsegments beherrscht – auf die Bücher eines so starken Hauses kann Amazon nicht verzichten; einem solchen Hause vermag der Online-Konzern keine Bedingungen aufzuoktroyieren.

Unübersehbar ist sie am 1. Juli letzten Jahres geworden, als die Fusion von Random House und Penguin zur Schaffung des größten Buchkonzerns der Welt unterzeichnet wurde, dessen 250 Verlage in 23 Ländern jährlich rund 15.000 Novitäten publizieren – eine Machtposition, die sofort als Schachzug gegen das Amazon-Imperium verstanden wurde.

Und auch da wieder, fast zeitgleich, dieselbe Konstellation: Auch Hachette hat im Juni 2013 zugeschlagen – und mit der Übernahme des amerikanischen Hyperion Verlages eine Backlist von mehr als tausend Titeln inklusive Langzeit-Bestsellern gewonnen. Es war ein strategischer Geniestreich. Denn die Hachette-Gruppe war auf belletristische Bestseller und Schnelldreher ausgerichtet – und für deren Erfolg in besonders hohem Maße von Amazon abhängig, wie Mark Shatzkin in seinem Blog kritisch vermerkt hat. Hyperion aber war auf Sachbücher spezialisiert.

So wie die Verlage der Perseus Gruppe eben auch. Sie entwickeln primär Sachbuch-Programme mit meinungsbildenden Titeln eines – bei aller Lesbarkeit – oft wissenschaftlichen Einschlags, die mittel- bis langfristig Käufer und Leser finden. Indem Hachette in diese Bereiche diversifiziert, wird er nicht nur umsatzstärker und weniger konjunkturanfällig. So macht er sich auch unabhängiger von Amazon und weniger durch den Online-Giganten erpressbar.

Das alles zeigt eine Entwicklung an, die eigentlich niemand recht sein kann. Von Traditionalisten und Kulturkritikern wird sie natürlich gegeißelt. Was ihnen besonders an die Nieren geht: Plötzlich sind es die bis anhin verteufelten Großen – also gerade die Konzerne, die doch immer als die Totengräber des guten alten Verlagswesens und Buchhandels galten –die in der Öffentlichkeit nun als Bewahrer und Verfechter von Buch und Kultur auftreten und akzeptiert werden. Doch in einem Krieg können sich, wie die Geschichte zeigt, Fronten ändern. Und jetzt scheint sich tatsächlich zu ergeben: Nur wenn die Großen noch mächtiger werden – so groß, dass Amazon gegen sie machtlos wird -, können auch die kleineren Verlage, kann auch der Buchhandel überleben. Die Großen aber brauchen dazu wiederum die Kultur und die Kultur der Öffentlichkeit: vielleicht sogar dafür, die politischen Parteien, die Regierungen und die Parlamente wachzurütteln, damit sie verstehen lernen, was auch für sie auf dem Spiele steht. Denn noch ist es so, wie ein amerikanischer Publizist erst jüngst feststellte: Für die Demokratie ist das Buch noch immer das wichtigste Leitmedium.

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