Beckmann kommtiert Die „Blamage Deutscher Buchpreis“. Und warum der erfolgreiche Booker Prize fast immer ein „Skandal“ war

Jetzt ist die erste volle journalistische Breitseite gegen den Deutschen Buchpreis abgeschossen worden – von einem Literaturkritiker, einem Redakteur der „Literarischen Welt“. Kurz gefasst: Aus der Perspektive der literarischen Kriterien Tilman Krauses stellt die diesjährige Longlist eine Blamage dar, droht der Preis sein eben erst erworbenes Renommée zu verspielen.

Er hält es für falsch, dass die Jury mit ihrer Longlist von zwanzig Titeln die „Vielfalt“ des gegenwärtigen deutschsprachigen Romanschaffens abbilden will. „Die Jury soll Qualität auszeichnen“, schreibt Krause. „Sie soll Bücher finden, die sich der Konkurrenz eines, sagen wir, Ian McEwan stellen kann, denn der Preis ist als Pendant zum Booker Prize gedacht, der den besten Roman des Jahres auszeichnet.“

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Dazu vorab: Vielleicht tut die Jury des Deutschen Buchpreises das ja am Ende auch; eine Longlist bedeutet schließlich noch keine Schlussentscheidung.

Nur ist es allerdings so, dass Tilman Krause für den besten deutschen Roman offenbar jenes Werk hält, „das schon jetzt mit seiner Wucht das literarische Gespräch beherrscht wie keine andere Neuerscheinung in diesem Herbst“; das bereits in „drei großen hymnischen Besprechungen in der FAS, der Süddeutschen und dieser seiner Zeitung begrüßt“ wurde… Es stellt einen, wenn nicht den deutschen Roman über die Achtzigerjahre dar. Es ist ein Buch, in dem männliche Sexualität – durchaus kritisch gezeichnet! – in einer Weise vorkommt, wie sie in jenem Jahrzehnt epochentypisch wurde“.

Tilman Krause spricht von Michael Kleebergs Karlmann. Eben dieser Roman befindet sich jedoch nicht auf der Longlist. Aufschlussreich ist Krauses Erklärung für das Manko. Angeblich fehlt er dort auf einem bestimmten Grund: „Das“ – dieses Vorkommnis besagter männlicher Sexualität – „missfällt, so hört man, der Mädchenpensionatsabsolventin und Jury-Vorsitzenden“. (Würde Krause ein männliches Jurymitglied, dem ein literarischer Roman über die weibliche Sexualität missfiele, vielleicht als Zögling eines Knabeninternats diskreditieren?) Er meint Felicitas von Lovenberg, die, es sei zur Ergänzung bemerkt, auch Literaturwissenschaft an der Universität Oxford studierte und bislang nicht durch Prüderie aufgefallen ist. Der Seitenhieb ist freilich nur ein Vorspiel. Der eigentliche Vorwurf lautet, dass Felicitas von Lovenberg „in ihrer Zeitung für die schönen Seiten des Lebens zuständig ist (Motto: Lassen Sie Ihr Gebäck nie unbeaufsichtigt).“ Vulgo: Sie ist überhaupt nicht zu Urteilen über Literatur befähigt oder berechtigt. (Übrigens: Seit wann bestehen die schönen Seiten des Lebens nur aus Kuchenbacken? Gehört zu ihnen etwa nicht auch die Lektüre von Literatur?) Dass Frau von Lovenberg bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bis vor kurzem als Literaturredakteurin beschäftigt war, scheint für Tilman Krause Schnee von gestern zu sein.

Die aus all dem hervorscheinende These: Zur Bewertung der Qualität von Romanen kann nur kompetent sein, wer beruflich unmittelbar und aktuell mit Literatur befasst ist.

Die These sei dahingestellt. Denn zum einen: Absolute objektive Beurteilungskriterien gibt es keine. Jede Les-Art eines Werkes ist immer auch stark von persönlichen Interessen und Horizonten abhängig. Und wer einmal einer professionellen Literaturjury angehört hat, weiß, wie schwer es ihren drei, fünf oder sieben Mitgliedern fällt, sich unter einer größeren Zahl neuer Bücher und Manuskripte auf das Erst-, Zweit- und Drittbeste zu einigen. Ferner: Was Profis als das Beste vorkommt, muss für die Leser außerhalb von deren Spielwiese noch lange nicht interessant und damit als Bestes zugänglich oder nachvollziehbar sein. Der Deutsche Buchpreis ist, wie der ManBooker, aber dazu bestimmt, einem größeren Publikum das Beste an Literatur zu vermitteln. Wenn ihnen das nicht gelingt, haben sie ihre Berechtigung verfehlt. Wenn die Juroren aus einem literarischen Elfenbeinturm als Bestes deklarieren, was das Publikum abstößt, erweisen sie der Literatur einen Bärendienst.

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Was ist also von der Breitseite in der „Literarischen Welt“ gegen die Jury und die Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises zu halten? Wie ernst ist die Gefahr zu nehmen, dass der Deutsche Buchpreis sich blamiert? Weil der Booker ihm als vorbildlich vorgehalten wird, dessen Funktionsweise und Geschichte jedoch ganz offensichtlich weitgehend unbekannt sind, könnten dazu vielleicht einige Hinweise aus Großbritannien hilfreich sein.

—- Es hat beim Booker Prize lediglich eine wirkliche Fehlentscheidung gegeben, 1972, als die Jury, bis auf den Vorsitzenden, nur aus Literaten bestand, und die ließen sich von dem wortgewaltigen George Steiner – damals im Zenith seines Einflusses in der Szene – überrumpeln. Der damals preisgekrönte Roman G. von John Berger fiel beim Publikum durch und blieb auch literarhistorisch ohne Bedeutung.

—- Unter den Literaten der Booker Jury kam es gelegentlich zu so heftigen persönlichen Animositäten, dass eine fruchtbare Diskussion über die nominierten Romane fast unmöglich wurde.

— Nicht nur das Literaturestablishment der führenden Feuilletons, bis hin zum Boulevard hat der Booker von Anbeginn eine schlechte, um nicht zu sagen: miese Presse gehabt, ist seine Jury immer wieder angeprangert, seine Long- und Shortlist aufs Korn genommen worden, gab es Schlagzeilen mit dem Tenor: „ein Skandal“, „ein Skandal“ – weil die „besten Romane“ fehlten, weil nominierte Autoren angeblich „langweilig“, politisch inkorrekt, moralisch zweideutig oder literarisch zweitrangig waren. Der Booker hat trotzdem oder gerade deshalb reüssiert.

— Für den Erfolg des Booker mag nicht zuletzt maßgeblich gewesen sein, dass er sich in einem markanten Punkt auch vom Deutschen Buchpreis unterscheidet: Seine Jury wird eben nicht von hauptberuflichen Literaturkritikern und Buchjournalisten dominiert. Anfänglich waren, unter dem Vorsitz eines Buchbranchenmanagers (Martyn Goff) eher namhafte Schriftsteller vorherrschend. Heute sind es öffentlich bekannte engagierte Literaturliebhaber, die aus den verschiedensten Berufen kommen. In der ManBooker-Jury haben auch schon Politiker gesessen, eine liberale Rabbinerin und eine Nachrichtensprecherin des Fernsehens.

In diesem Jahr ist ihr Vorsitzender der Leiter der London School of Economics, vorher Chef der britischen Regulierungsbehörde für Finanzinstitute, Vizepräsident der Bank of England und Generaldirektor des britischen Unternehmerverbandes (Howard Davies). Der Jury gehören ferner an: eine Lyrikerin; eine Dozentin für Politik- und Gesellschaftswissenschaften an der Universität Cambridge, die mit einer Robespierre-Biographie hervorgetreten ist (Ruth Scurr); ein Dozent für Kreative und Darstellende Künste an der Universität London, früher stellvertretender Literaturchef des Guardian und Autor einiger preisgekrönter historischer Romane (Giles Foden); und eine Bühnen- und Hollywoodfilmschauspielerin, die vor allem durch ihre Interpretation von Shakespeare-Rollen bekannt geworden ist (Imogen Stubbs).

Robert McCrum – langjähriger Cheflektor des führenden britischen Literaturverlags Faber & Faber, heute Ressortchef für Literatur beim Observer – hat einmal auf einen Mangel des Großteils der „ernsten“ zeitgenössischen Romanliteratur als Ursache dafür hingewiesen, dass sie das Publikum wenig begeistert: Ihr geht die große Kunst des Geschichtenerzählens ab. Und er hat die Booker-Juries gelobt, weil sie sich den „hysterischen Signalen“ einiger Literaturfeuilletons gegenüber blind stellte.

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

Weitere Beiträge der Kolumne „Beckmann kommentiert“ finden Sie im Archiv unter dem Stichwort: „beckkomm“.

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