Beckmann kommtiert Die dickleibigen Kriminalromane von heute

Es ist das erstemal, dass die Jury der KrimiBesten-Liste – gesponsort von ARTE, der Literarischen Welt, dem NDR u.a – deutschsprachige Autoren auf die beiden Spitzenplätze, auf Rang Eins und Zwei gekürt hat.

Ein Signal? Gewiss – wie ganz generell die Tatsache, dass auf dieser Empfehlungsliste führender Kritiker laufend hiesige Autor(inn)en erscheinen. Jetzt im Januar nach Thomas Kastura und Stefan Slupetzky noch Frank Göhre (auf Platz 4), Merle Kröger (6) und Thomas Hochgatterer (10). Es zeigt: Die Zeiten, in denen – wie bis in die 1970er Jahre – der deutsche Krimi in der Regel zweitrangig oder epigonal war, sind längst vorbei. Er kann sich mit Spitzenqualität aus Grossbritannien, den USA, skandinavischen und anderen Ländern messen. Und es ist ein Verdienst der Krimi-Bestenliste, so etwas sichtbar zu machen und damit auch Schriftsteller in kleinen und Kleinstverlagen ins rechte Licht zu rücken, von denen sonst ausserhalb der Gemeinde ausgemachte Krimi-Fans kaum jemand hören würde.

Dennoch gibt’s da insgesamt ein kleines Problem. Es hängt mit einem Phänomen zusammen, auf das Franz Schuh in seiner (wie immer gedankenreich informativen) Krimi-Kolumne des Januarhefts der Zeitschrift Literaturen hinweist: „In den vergangenen Monaten habe ich versucht, einige Kriminalromane zu lesen, und bin kläglich gescheitert. Die Meisterwerke, die mich nicht unterhielten, hatten eines gemeinsam: Sie waren episch im Sinne von langatmig.“ Sie hatten „Überlänge“: Kurzum: Die Bücher waren einfach viel zu dick.

Werfen wir nur rasch einen Blick auf die jüngste Krimi-Bestenliste. Dort halten bloss zwei Titel – mit 232 Seiten – gerade mal den klassischen Umfang von Kriminalromanen ein.
Alle zehn miteinander kommen auf einen Durchschnitt von 360 Seiten – etwa das Doppelte wie beim guten alten Simenon.

Kaufen und lesen die Leute heutzutage mehr Romane als früher? Nein; nach allem, was man hört, weniger. Und wieso? Hier sollten wir mal die endlosen Klagen von Verlegern, Buchhändlern und Berufslesern aka Kultur- und Literaturkritikern aussen vor lassen, die daran Fernsehen, Internet, DVDs etc. Schuld geben. Wäre es nicht an der Zeit, dass die Buchbranche vor der eigenen Haustür nach den Gründen suchte?

Wer sich einem Kriminalroman von 512 Seiten (wie Thomas Kasturas Der vierte Mörder widmet, hätte in der gleichen Zeit zwei bis drei Meisterwerke von Georges Simenon, Leonardo Sciascia oder der frühen Ruth Rendell verschlungen. Zum übrigen predigen uns Psychologen und Kommunikationswissenschaftler, die Analysen zur Lesefähigkeit betreiben, schon seit Jahrzehnten: Die Konzentrationspanne sinkt. Was schlicht bedeutet: Dicke Romane bereiten Lesern zunehmend Mühe, oder: Ihre Lektüre erfordert einen höheren Willens- und Zeitaufwand. So reduziert sich aber das unmittelbare Lesevergnügen und ihr Unterhaltungswert.

Dazu eine Anschlussfrage: Wer greift nach solch einer – am Ende mehr oder weniger aus Pflichtbewusstsein – man hat den Roman schliesslich ja gekauft – durchgehaltenen Lektüre enthusiasmiert gleich zum nächsten?

Franz Schuh macht für das alles u.a. eine „Literarisierung“ verantwortlich. Man könnte ebenso gut einer Verachtung des Genres sprechen. Wie oft taucht nicht auf Klappentexten – ein Spezifikum deutscher Verlage – eine Wendung auf wie: Dieser Roman ist mehr als nur ein Krimi. Vielleicht ist er aber nur weniger als ein richtig guter Kriminalroman….

Und was steckt hinter dem allen? „Marketing“ kann es ja wohl nicht sein, oder?

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

Weitere Beiträge der Kolumne „Beckmann kommentiert“ finden Sie im Archiv unter dem Stichwort: „beckkomm“}.

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