Beckmann kommtiert Die erste Anthologie mit den besten Blogs. Auch sie demonstriert, warum das Internet das Buch so bald nicht ersetzen wird

Ein Blog ist spontan, punktuell, momentär, unfertig. Nie bildet er ein in sich abgeschlossenes Ganzes. Immer stellt er nur eine Reaktion auf Reaktionen dar, ein Glied in einer Kette, die bis ins Unendliche reichen kann, ein „link“ inmitten anderer „links“, die inhaltlich, wie ihre Verächter meinen, zu 99 Prozent belanglos substanzlos, „Müll“ bleiben.

Natürlich gibt es unter den vielen Blogs auch anregende, interessante, gute Texte. Doch wie dauerhaft, wie haltbar, von welch bleibendem Wert ist ihre Qualität? Sind sie, was konservative Kritiker seit je bezweifeln, wirklich kulturbildend? Erfüllen sie, wie ihre Verfechter behaupten, den Anspruch, den Eliten und Experten die Kultur zu entreißen, Kultur zu „demokratisieren“?

Dann müssten sie eigentlich auch das – nach Form wie Inhalt – angeblich elitäre, überholte Medienformat des Buches ersetzen können.

Der Anspruch lässt sich jetzt handgreiflich konkret überprüfen. Die amerikanische Journalistin Sarah Boxer hat nämlich die nach ihrem Urteil besten Blogs in Buchform als Anthologie veröffentlicht. Sie ist unter dem Titel Ultimate Blogs: Masterworks from the Wild Web im New Yorker Verlag Vintage erschienen. Natürlich ohne die Links, auf die sie sich ursprünglich bezogen. Die wären zwischen Pappdeckeln ja nicht verklickerbar und somit funktionslos gewesen. Zudem hätten sie den gedruckten Text arg verunstaltet, wenn nicht gar unkonsumierbar gemacht. Folglich steht nun jeder dieser Blog-Texte für und in sich nackt da.

Und wirken auch reichlich nackt und bloß, unbedarft sozusagen, wie dürftige temporäre Kaiserlinge ohne Kleider.

Die Anthologie enthält, wie Thomas Jones in seiner scharfsichtigen Rezension für die London Review of Books anmerkt, ungewollt einen hübschen Clou, einen Bumerang, wie die Australier sagen. Es ist nämlich so, dass ein Web-Designer namens Phil Gyford seit vier Jahren, in Tagesrationen, das berühmte Tagebuch von Samuel Pepys aus dem 17. Jahrhundert als Blogs ins Netz stellt. Die hat Sarah Boxer nun mit echten Blogs von heute anthologisiert, welche – in solcher Nachbarschaft – wirklich bloggy, foggy und croggy anmuten.

Ein Blog macht eben doch noch keinen Autor oder, um Thomas Jones zu zitieren, da tut sich nun wieder mal ein Grund auf, „warum das Internet so bald Bücher nicht obsolet machen wird“.

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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