Die Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer übt Zensur aus? Ein neuer Verlagsskandal? Über das besondere Phänomen der autorisierten Biographie

Sieben Jahre lang hat der in Südafrika lebende Autor Ronald Suresh Roberts an einer – der ersten – Biographie von Nadine Gordimer gearbeitet, für welche – auf der Basis eines Exposés – die renommierten Verlagshäusern Farrar Straus & Giroux (USA) und Bloomsbury (Großbritannien) einen Vertrag mit ihm abschlossen. Nun hat er – nach einer siebenjährigen Kooperation Nadine Gordimers in der Recherche – das fertige Manuskript eingereicht, und beide Verlage lehnen ab, es zu publizieren – weil Nadine Gordimer nach seiner Lektüre ihre Zustimmung verweigert.

Und schon erhebt sich der böse Vorwurf, die Nobelpreisträgerin übe Zensur aus. „Sie vertritt angeblich das Recht auf die Freiheit der Meinungsäußerung“, so der schockierte Biograph Ronald Roberts laut Rory Carroll, einem Auslandskorrespondenten der liberalen Londoner Zeitung The Guardian, aber in diesem Fall} verlangt sie, wie eine [autoritäre Zarin, die totale Kontrolle über den Text.“

Nun ist Ronald Suresh Roberts ein angesehener, engagierter Sachbuchautor und Jurist mit bestem Bildungshintergrund – das Elite-College Balliol in Oxford sowie die Universität Harvard -, dessen bisherige Werke z.B. über die Apartheid und die Wahrheitskommission in Südafrika nach Beendigung des dortigen rassistischen Regimes starke Beachtung fanden. Und seine Biographie scheint insgesamt fundiert und gut geschrieben. Die Sache hat nur einen Haken. In dem Vertrag, den er mit Farrar Straus & Giroux sowie Bloomsbury über das Gordimer-Buch schloss, geht es um eine autorisierte Biographie. Das hatte für Roberts den Vorteil, dass die Nobelpreisträgerin mit ihm kooperierte und er so vollen Zugang zu ihren privaten Archiven und Materialien erhielt. Für die beiden Verlage musste es eine Bedingung sein; denn Nadine Gordimer zählt zu ihren literarischen Haus- und Hauptautoren; für sie wäre es – nach gutem alten Verlagsbrauch – undenkbar gewesen, eine Biographie in Auftrag zu geben, die letzten Endes gegen die Interessen ihrer Autorin hätte sein können. Das bedeutete jedoch von vornherein: Für den Fall, dass Nadine Gordimer das Manuskript nicht approbieren sollte, war der Vertrag null und nichtig. Dieses Risiko ist Ronald Roberts bewusst und sehenden Auges eingegangen –gewiss auch, weil er sich der berühmtesten weißen Apartheid-Gegnerin grundsätzlich verbunden fühlte und das auch umgekehrt galt.

Dass die Sache schief ging, ist eigentlich überraschend. Denn es ist seit eh und je auch – nicht nur Ronald Roberts, auch öffentlich – bekannt, dass Nadine Gordimer ganz dezidiert eine genaue Vorstellung davon hat, wie eine Schriftsteller-Biographie sein sollte: Sie sollte sich auf das literarische Werk und alles, was damit zusammenhängt, konzentrieren, nicht aber davon handeln, ob der Biographierte „Eier zum Frühstück isst bzw. ob er ein guter Liebhaber ist oder nicht“. Im übrigen weiß man, dass sie ihre Privatsphäre geachtet sehen will und selbst äußerst selten von persönlichen Dingen spricht. Jonathan Galassi – Nachfolger des jüngst verstorbenen New Yorker Verlegers Roger Straus hat denn nach Lektüre des Manuskripts auch gleich vorausgesehen, dass es bei Nadine Gordimer „Schocks auslösen müsste, so intensiv persönlich dargestellt zu werden“, wenngleich er die Hoffnung hegte, dass die Nobelpreisträgerin damit schließlich doch damit fertig werden würde. Da hat er sich geirrt – nach einem Austausch mit Gordimer ließ er Ronald Roberts wissen, das Manuskript erfordere eine weitgehende Überarbeitung – zu der nun aber Roberts nicht bereit zu sein scheint.

Ronald Roberts ist laut dem Londoner Guardian von Nadine Gordimer enttäuscht: „Ich hatte angenommen, dass sie sich über die gelegentlich unangenehmen Stellen im Manuskript hinwegsetzen würde. Es waren seltsame Eitelkeitsdinge, an denen sie Anstoß genommen hat.“ Aber das sind Privatsachen für Außenstehende ja meist – und nach allem, was von Nadine Gordimer bekannt ist, kann ihr Einspruch für Roberts so unerwartet nicht gekommen sein. Außerdem: Wenn jemand sich einem Biographen unter der Bedingung öffnet, dass er eine Publikation nur dann autorisieren wird, wenn die Darstellung ihm in der eingereichten Form genehm ist, hat er auch das Recht, die Autorisierung zu verweigern, wenn sie ihm nicht passt. Und dass die Verlage sich dem Votum ihrer Hausautorin anschließen, ist unter solchen Voraussetzungen nicht nur vertraglich rechtens, sondern auch moralisch unanfechtbar.

Nadine Gordimer will sich zu alledem nicht äußern. „It’s a private matter“, hat sie dem Guardian-Korrespondenten am Telefon erklärt. Vermutlich sieht sie es so, dass Roberts ihr Vertrauen – und ihm all ihre Archive uneingeschränkt geöffnet zu haben, ist ein immenser Vertrauensbeweis – missbraucht. Und Ronald Roberts ist gekränkt, dass sein Buch nicht als von der Nobelpreisträgerin autorisierte Biographie in deren Verlagen erscheinen wird. Beides ist verständlich.

Doch der von Ronald Roberts gegen Nadine Gordimer erhobene Vorwurf einer Zensur ist albern, wenngleich publikumswirksam und geschäftstüchtig. Er kann ja für sein Buch in Großbritannien und in den USA einen Verlag suchen – und wird ihn für die erste Biographie von Nadine Gordimer, für die ihm neben langen persönlichen Interviews auch deren Archive offen standen, gewiss finden.

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