Die Stadt Frankfurt und die Frankfurter Messegesellschaft wollen die Buchmesse unter ihre Kontrolle bringen. Spielt das Hauptamt da mit dem Vorstand und den Mitgliedern des Börsenvereins Katz und Maus?

Rein aus Sicht und Interesse der Frankfurter Buchmesse sowie der Mitglieder des Börsenvereins – der deutschen Verleger und Buchhändler – ist, wie in meiner gestrigen Kolumne erläutert [mehr…], die ganze Vorgehensweise der Verbandspitze im Zusammenhang mit der Entlassung Volker Neumanns als Messedirektor unbegreiflich. Ich hatte zum Schluss darauf hingewiesen, dass über die Hintergründe nachgedacht werden muss, welche die bezahlten und ehrenamtlichen Manager des Börsenvereins zu ihrem Verhalten bewogen haben könnte.

Die Nebel, in die sie sich gehüllt hatten, beginnen sich zu lichten. Und was sich an Klarheit einstellt, ist erschütternd. Denn nun wird offenbar: Da treibt irgend jemand eine politische Ränke, da ist jemand bereit, die Buchmesse – eine der vier oder fünf in der Bundesrepublik existierenden Weltmessen, einen internationalen Leuchtturm bundesdeutscher Kultur und Kulturwirtschaft, den Focus der deutschen Buchbranche – preiszugeben. Der Nebel ist das Machwerk purer, sachfremder, machiavellistischer Verschleierungstaktik gewesen. Lassen Sie uns versuchen, einige Winkelzüge dieses Machiavellismus offenzulegen.

Am Donnerstag vergangener Woche war erstmals – zunächst durch die Frankfurter Rundschau und in Bild offen die Mutmaßung geäußert worden, die Messegesellschaft Frankfurt wolle sich an der Buchmesse beteiligen oder sie gar ganz übernehmen. Darauf reagierte der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, Harald Heker, über den Online-Dienst des Börsenblatts sogleich mit einem Dementi [mehr…]: Derlei Äußerungen seien von seiten der Messegesellschaft zwar immer wieder mal gemacht worden, „es haben jedoch nie konkrete Gespräche dazu stattgefunden, und es liegen erst recht keine Angebote vor“.

Über die allgemeine Problematik einer Deutung und Einordnung von Dementis müssen wir, Gott sei Dank, hier nicht weiter reflektieren. Ein Manager der Messegesellschaft hat dieses Dementi gegenüber BuchMarkt seinerseits dementiert: „Wir verstehen nicht, warum ein freundliches Angebot, sich zu beteiligen, zu einem Dementi führen muss. Grundsätzlich ist man eigentlich zunächst erfreut, dass sich jemand für einen interessiert. Ob man ein solches Angebot annimmt oder verwirft, ist dann ein eigene Entscheidung. Das Thema aber so herunter zu spielen, hat evtl. andere Gründe.“

In der Tat: Denn solch ein laut Messegesellschaft also avisiertes – bei wem, wenn nicht beim Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins? – „freundliches Angebot“ – und freundlichen Angeboten gehen normalerweise auch freundliche Gespräche voraus – ist dem Vorstand des Börsenvereins verheimlicht worden: also den höchsten gewählten Vertretern des Verbands, die für die Richtlinien der Branchenpolitik verantwortlich sind.

Ein böses Spiel, das, als es aufzufliegen droht, auch noch mit einem falschen Dementi kaschiert werden sollte – mit einer bewussten Irreführung also des Vorstands.

Und die Heimlichtuerei des Hauptamts gab der Messegesellschaft Zeit, um – und wie viele Gespräche über welch langen Zeitraum hat das wohl erfordert? – ihre Vorbereitungen ungestört voran zu treiben, bis sie die erforderliche politische Allianz hinter sich hatte. Sie hat sie soweit vortreiben können, dass sie sich „bei ihren geplanten Verhandlungen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels um eine Beteiligung an der Buchmesse bis hin zur Übernahme sich … auf eine große politische Unterstützung im Rathaus berufen“ kann, wie die FR am vergangenen Samstag schrieb.

Sie kommt von allen im Stadtrat vertretenen Parteien. Claro. Warum? Ein Engagement der Messegesellschaft würde, so der CDU-Fraktionsvorsitzende Uwe Becker, dazu führen, „’dass Irritationen der Vergangenheit nicht mehr auftreten‘. Damit meinte er die Debatte um einen Umzug der Buchmesse nach München, die Direktor Volker Neumann 2003 losgetreten hatte. Es gelte, die Buchmesse am Main zu halten. ‚Sie ist ein Publikumsmagnet, sie gehört nach Frankfurt.'“ So schreibt die FR.

Höchst aufschlussreich ist dann auch die Stellungnahme des FDP-Fraktionsvorsitzenden Volker Stein. “In den Augen Steins ist jetzt ’der beste Zeitpunkt’, um die Buchmesse neu zu organisieren. Der FDP-Politiker zielte damit auf die geplante Ablösung von Buchmesse-Direktor Volker Neumann, der ein Gegner der Übernahme der Buchmesse ist.“

Das Steine des Puzzles fügen sich zusammen. Fast ein halbes Jahr lang hat der Aufsichtsrat es verzögert, über eine Verlängerung des Vertrags von Volker Neumann zu befinden. Weil der amtierende Vorstand des Börsenvereins – dafür gibt es durchaus Anzeichen – sonst gegen Neumanns Entlassung Widerstand geleistet hätte? Und warum nun plötzlich, holtertipolter, unmittelbar vor der Buchmesse, Neumanns Entlassung, obwohl dieser Termin die Buchmesse beschädigt? Etwa weil der jetzige Vorstand nur noch wenige Wochen, bis Ende der Buchmesse, amtiert, so kurz, dass er gegen die Entscheidung kaum mehr Widerstand zu mobilisieren vermag? Und damit der neue Vorstand dann vor vollendeten Tatsachen steht?

Der Verdacht, dass das Hauptamt des Börsenvereins in Kollusion mit den Politikern der Stadt Frankfurt gearbeitet hat, steht im Raum. Der Verdacht enthält ein Moment von – in einer staatsrechtlichen Metapher gesprochen – „Landesverrat“. Denn den Politikern geht es, anders als dem querschiessenden Volker Neumann, der letztlich darum seines Postens enthoben wurde, in erster Linie nicht um die Buchmesse, sondern um Standortsicherung des Wirtschaftsfaktors Buchmesse.

Wie Peter Michalczik in der gestrigen FR formulierte: „Wird die Stadt Veranstalter der Messe, befänden sich die Verlage, deutsche wie internationale, am Gängelband der hiesigen Regionalpolitik. Die Buchmesse würde quasi zu einer öffentlich-rechtlichen Veranstaltung mit kommunalpolitischem Zuschnitt.“

Betrachtet man die Debatte um einen Umzug der Buchmesse nach München rückblickend, wird man fragen dürfen: Wurde sie womöglich nur in dem verzweifelten Versuch angezettelt,. die Unabhängigkeit der Buchmesse, die Interessen ihrer Aussteller und Besucher von den einseitig wirtschaftlichen Motiven der Stadt Frankfurt ins Licht zu rücken?

Der Bericht der Frankfurter Rundschau macht weiter hellhörig. Warum glaubt Lutz Sikorski, der Fraktionsvorsitzende der Grünen, der auch dem Aufsichtsrat der Messegesellschaft angehört, warnen zu sollen: „Die Buchmesse muss unabhängig in ihren Inhalten bleiben?“ Spürt er da bereits für die inhaltliche Ausrichtung der Buchmesse eine Gefahr heraufziehen?

Der FDP-Fraktionsvorsitzende bescheinigt der Messegesellschaft das „erforderliche Know-how, um auch die Buchmesse zu organisieren“. Ist es das, was Dr. Treeck [mehr…] mit der neuen „strategischen und langfristigen Ausrichtung“ meinte?

Der FDP-Fraktionsvorsitzende hält dafür, dass sie dazu auch „die nötigen internationalen Kontakte“ besitzt. Ach ja?

Bitte sehr: Lorenzo Rudolf hatte sich in Basel im Kunstsektor als guter Ausstellungsleiter erwiesen; als Buchmessedirektor ist er total gescheitert. Könnte vielleicht mal einer ganz laut darauf hinweisen, dass die Buchmesse in Frankfurt auch deshalb die bedeutendste und größte Buchmesse der Welt ist, weil sie – übrigens als eine der wenigen großen Messen weltweit – von der Branche in Eigenverantwortung betrieben und organisiert wird? Und dass Volker Neumann sie nur darum wieder aus der Misere reißen konnte, weil er – als langjähriger Marketingleiter eines deutschen Großverlags im internationalen Konzernverbund überall als Kollege bekannt war, der die Bedürfnisse und Interessen der deutschen und internationalen Kollegen versteht und zu berücksichtigen weiß?

Kurzum: Das Hauptamt im Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hat die Frankfurter Buchmesse in Gefahr gebracht.

Bei allem Nebel, der sich jetzt zu lichten beginnt, bleibt noch eines offen: Wie konnten hier überhaupt in diesem Spiel die Karten mit primär lokalen und persönlichen Faktoren „gezinkt“ werden?

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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