Beckmann kommtiert „Die tollsten Buchhandlungen der Welt“ – aus der Sicht eines Schriftstellers

Die legendäre Pariser Buchhandlung Shakespeare & Co hat vor fünfzig Jahren der Amerikaner George Whitman gegründet. Er leitet sie noch immer. Die von 1951 gegründete Buchhandlung hieß ursprünglich Le Mistral. Whitman hat sie später in „Shakespeare & Co“ umbenannt, zu Ehren seiner Landsmännin Sylvia Beach nach dem Namen von derer älterer Buchhandlung, bei der übrigens auch verlegt wurde: der in England und den USA nicht erwünschte Roman Ulysses von James Joyce. Von Anfang an lud er Menschen ein, dort zu wohnen. Über vierzigtausend Personen sind es mittlerweile gewesen. Zu seinen berühmten „Hausgästen“ gehörten Arthur Miller und William Burroughs. Heute stehen dort dreizehn Betten inmitten von Büchern. Was er fürs Wohnrecht verlangt? Morgens das Bett zu machen, im Geschäft auszuhelfen und täglich ein Buch zu lesen.

Der kanadische Schriftsteller Jeremy Mercer liebt Buchhandlungen . Als „Asyle“ bezeichnet er sie, als „Orte, wo man sich verlieren kann, den harten Anforderungen des Alltags entkommt, auf neuartige Weise zu träumen lernt und neue Inspirationsquellen entdeckt. Meine Lieblingsbuchhandlungen aber sind die kleinen exzentrischen Geschäfte, die von leidenschaftlichen, leicht meschuggenen Liebhabern des Buches geführt werden.“ In der britischen Tageszeitung „The Guardian“ hat er die zehn Lieblingsbuchhandlungen aufgelistet, die er auf seinen Reisen entdeckte.

Shakespeare & Co ist für ihn, wie für Gründer George Whitman, „eine als Buchhandlung maskierte sozialistische Utopie“. Er selbst hat dort – nach einer Zeit als Crime-Reporter in Kanada – über fünf Monate gewohnt und ist so zum Schriftsteller geworden. In seinem Erstlingswerk Books, Baguettes and Bedbugs schildert er seine Erlebnisse als Gast in Shakespeare & Co.

Zum Schreiben seines zweiten Buches zog er sich für vier Monate in eine der schönsten Buchhandlungen der Welt zurück – in eine alte Villa hochoben auf den Küstenklippen der griechischen Insel Santorini. Atlantic Books wird von einem internationalen „Kollektiv aus Künstlern, Schriftstellern und Aktivisten“ betrieben, das auch einen „Buch-Esel“ erdacht und eingeführt hat, um die Schulen in der weiteren Umgebung mit Büchern zu versorgen.

Was zeichnet die übrigen Lieblingsbuchhandlungen Mercers aus?

Eine von ihnen – Compendium in London – hat 2006 geschlossen. Bleiben noch sieben. Die Wahl einer weiteren – Abbey Books in Paris – ist vermutlich der Verbundenheit mit seiner Heimat geschuldet. Sie ist zwar „proppenvoll mit guten Büchern“, markant jedoch vor allem „wegen der besten Kollektion kanadischer Literatur außerhalb Kanadas“, mit einer zusätzlichen Besonderheit: „Wenn man das Geschäft betritt, wird einem sofort eine Tasse Kaffee, gesüßt mit Ahornsyrup angeboten“- eine kanadische Spezialität. Im übrigen – und da wird’s interessant – lobt er:

— Der Londoner bookartshop wurde von einer Gruppe von Künstlern ins Leben gerufen, die das Buch als Erzeugnis schöpferischer Kunst und meisterlicher Fertigung, als Kulturobjekt wieder ins Bewußtsein heben wollten. Hier werden Bücher, sagt Mercer, in all ihren Aspekten zu einem sinnlichen Erlebnis.

— Im New Yorker Stadtteil Bronx bietet die Buchhandlung Clovis Press der Künstlerin Amanda Park Taylor seit Jahrzehnten Kleinverlagen eine liebevolle Ausstellung ihrer Programme und jungen Schriftstellern tatkräftig Unterstützung. Da werden für sie Lesungen veranstaltet. Da finden sie im Geschäft einen Job, um finanziell über die Runden zu kommen – notfalls auch eine Schlafstatt auf einer Couch.

— Der Londoner Calder Bookshop bietet die aufschlussreiche buchhändlerische Außenansicht vom Leben eines der international bedeutendsten Verlage avantgardistischer und politisch radikaler Literatur. (Die Rechte seines Verlages – darunter vieler Werke Samuel Becketts hat der mutige, inzwischen 80jährige John Calder inzwischen an andere Verlage abgegeben.)

La Bouquinèrie in Marseille besticht schon architektonisch – ihre Fassade ist einem dreistufigen Bücherregal nachgebildet und führt ein Sortiment, „dass man die Augen schließen und blind in irgendein Regal greifen kann, und man findet ein Buch, das einen total fasziniert“.

City Lights, begründet von dem berühmten Lyriker Lawrence Ferlinghetti, ist seit 1953 „das literarische Epizentrum San Franciscos“ mit einem einzigartigen Sortiment alternativer Literatur (und einer vorzüglichen Bar gegenüber).

This Ain’t The Rosedale Library ist ein Mittelpunkt der Counter-Culture in Toronto und überlebt dadurch – in Kanada gehen viele unabhängige Sortimenter wegen Verdrängung durch Großfilialisten und Online-Handel unter -, dass sie um sich herum eine entsprechende Community aufgebaut hat.

Außergewöhnliche Buchhandlungen sind das. Aber vielleicht sollte doch einmal darauf aufmerksam gemacht werden, dass es sie gibt.

Und: Jeremy Mercer ist offensichtlich nie – oder jedenfalls nicht für längere Zeit – in Deutschland, Österreich und der Schweiz gewesen. Ähnliche Buchhandlungen existieren jedoch (hoffentlich) auch bei uns. Wer kennt und nennt sie?

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

Weitere Beiträge der Kolumne „Beckmann kommentiert“ finden Sie im Archiv unter dem Stichwort: „beckkomm“.

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