Der Messe-Mayer Dienstag: Kleist statt Schiller

Liebe Freunde,

herzlich willkommen zur Frankfurter Buchmesse 2011! Während Sie sich heute den Eröffnungsmittwoch schmecken lassen, hatte ich am gestrigen Dienstag schon den obligatorischen Presseempfang, allerlei schöne Wiederkontakte und den noch viel obligatorischeren Bier-Anstich am BuchMarkt-Stand. Denn bevor die Messe nach außen geöffnet wird, muss sie sich erst mal nach innen einstimmen. Das passiert immer am geheimnisvollen Dienstag, und deshalb ist der auch so schön. Wenn Sie nicht gerade irgendwelche Kisten schleppen oder Teppichböden verlegen müssen.

Matthias Seuring, der accente-Gastronomie-Offizier zwischen Messe und Buchhandel, plädiert gar dafür, die Messe ganz auf den Aufbautag zu legen. Alle seien bequem angezogen, man dürfe rauchen, man habe Zeit, es gebe keine CosPlayer, man könne nach schönen Frauen schauen und auch mal ein Regal aufschlagen.

Aber vom Vorauswusel in den unfertigen Hallen später mehr.

Der Audi-Pavillon

Dr. Gottfried Honnefelder eröffnete in beliebter Manier die Pressekonferenz der Buchmesse mit einem Raunzer. Im letzten Jahr war es „Jetzt fangen wir aber an“, um von seinem eigenen Zuspätkommen humorig abzulenken, und dieses Jahr war es „Es gibt nicht pausenlos Neues!“. Für eine Messe, in deren Mittelpunkt Novitäten stehen, ist das doch mal eine Aussage. Als dieser Satz fiel, ging ein Klicken und Glicken von hunderten entsicherten Journalistenkugelschreibern durch die Reihen.

Warnung vor der Piraterie und Bekenntnis zum Urheberrecht waren in der weiteren Rede Dr. Honnefelders Anliegen,und gerade das Vorankommen der Piratenpartei in Berlin erschütterte ihn sichtlich. Immer, wenn Dr. Honnefelder erschüttert war, ist der Kameramann auf Close-Up gegangen. Das ist der Sally-Field-Effekt.

Das war eine Achterbahnfahrt, sage ich Ihnen!
Unglückliche Bildaufteilung (also meine)

Unser Gastland ist dieses Jahr Audi. Nach einer Tankfüllung wird zwar an Island übergeben, aber diese Verbrüderung hat erst mal Vorrang. Tatsächlich ist das gewaltigste Novum auf dieser Messe eine zunächst rein bauliche Veränderung (bzw. deren Ausbleib): In der Mitte der Agora hat jemand den großen Audi-Pavillon von der IAA vergessen; und so einigte man sich darauf, dass er noch ein Weilchen stehen bleiben darf.

Buchmesse goes wild

Er ist futuristisch und organisch und hat sich auf der IAA bestimmt super gemacht. Obwohl er ein wenig aussieht wie ein außerirdischer Riesenrochen, der auf die Erde gefallen ist. Vielleicht kauft uns Roland Emmerich das Ding ab, wenn er am Freitag kommt.

Flatsch

Na gut, das Alien-Gelege ist ein quasi mitten in die Agora gepfropft. Da bleibt nicht mehr viel Agora. Will sagen, wenn eine Zillion CosPlayer am Wochenende nicht mehr auf der Agora herumlungern können, dann gnade uns Gott und Ghibli. Die kommen dann alle rein.

Aber das war nicht meine eigentliche Überraschung. Sondern dass zur Eröffnungskonferenz neben Prof. Dr. Honnefelder, Katja Böhne und Juergen Boos kein Autor und kein Verleger und noch nicht mal irgend ein Isländer saß, sondern der Marketingvorstand von Audi.

Am Ende durfte Rakel Björnsdóttir vom Projektbüro Island an den Bühnenrand huschen und eine rasche Einladung an die Gäste richten, ihr in die Landesausstellung zu folgen.

Ebenfalls seit der IAA auf dem Gelände verblieben: Peter Schwarzenbauer

Na gut, lustiger als Coelho kann das ja auch nicht sein, aber irgendwie wirkte dieses erste Rendezvous etwas linkisch – der Audi-Mann auf unserer komischen Messe, und wir in seinem komischen Pavillon; Überhaupt, dieser Pavillon. Der war so weiß und außerirdisch. Im schwarzen Kinosaal der bisherigen Pressekonferenzen fiel die Security wenigstens nicht so auf.

Aber weiße Anzüge wären ja auch keine Lösung.

Und sogar Autos standen noch herum, aber die kriegen wir bestimmt am Sonntag los.

Irgendwo war doch die Preisbindung eingebaut…?

Bevor Peter Schwarzenbauer seine Rede hält, hält Messedirektor Juergen Boos eine Rede darüber, wieso Peter Schwarzenbauer hier eine Rede halten darf. Demnach sei die Zusammenarbeit zwischen Buchmesse und Audi ein Aufbruch der Verwertungsketten an ihren Schnittstellen, eine Art Science-Fiction-Denkübung.
(Also ich denke: es ist nicht lange her, da hat der Buchhandel Zeter und Mordio geschrieen, weil Harry Potter plötzlich auch an Tankstellen verkauft wurde. Und heute machen wir Science-Fiction-Denkübungen zwischen Neuwagen und Prototypen.)

Aber vielleicht erfahre ich ja von Audi, warum Audi auf der Buchmesse ist. Peter Schwarzenbauer sagt, das Auto sei ein Gesamtsystemknotenpunkt.
Gut, der weiß es also auch nicht.
Dann ist das für mich zumindest schon mal keine Schande. Ich nehme einfach mal an, Audi hatte keine Lust, seinen Pavillon hier wegzuräumen und hat uns den Marketingmann zur Bewachung hiergelassen. (Aber wahrscheinlich muss ich trotzdem die Antwort mit dem Gesamtsystemknotenpunkt nehmen.)

Ich weiß also nicht, ob mir die Begrüßungsrede durch Audi im Audi-Weltraumrochen so gut gefallen hat, aber immerhin öffnet das die Schnittpunkte der Verwertungsketten (oder so), und wir brauchen für solche Anlässe wenigstens nicht mehr so viele Autoren, sondern können immer freier denken.

Mögliche Kandidaten für die Gastrede 2013:

– Chio Chips
– der Hallenmeister
– 9Live

Ninja-Fotograf während der Konferenz

Immerhin wurde der retrofuturistische Bau durch einen Blätterwald aufgewertet, den der Installationskünstler Christopher P. Baker sich ausgedacht hat. Meterlange Papierrollen, die aus Druckern und davor aus dem Internet kommen, schreiben sich selber fort, indem sie an- und weitergetwittert werden können!

Ich dachte erst, das sei ein klassischer Studentenstreich
Steht aber trotzdem nix Gescheites drin.

Der Multifunktionsbau beherbergt auch noch Kino- und Konferenzsäle und außerdem das neue Pressezentrum, das ebenfalls aussieht wie Mondbasis Alpha Eins.

Mondbasis Clockwork Orange

Das alte fand ich etwas geräumiger, aber da hat man auch nicht überall Nicola Bardola oder Holger Ehling getroffen. Die Schweizer Gesandtschaft ist schon bestens auf die Messe eingestimmt und entweder konzentriert am Arbeiten oder am Anderedranhindern.

Natürlich liest Herr Bardola buchmarkt.de
Natürlich hat man hier nicht mal eine Sekunde seine Ruhe.

Der Umzug in die Audimuschel barg zumindest für das Messe-PR-Büro von Kathrin Grün und ihren unerschütterlichen Kollegen keine Verschlimmerung, sondern angenehm gleichbleibende Unbehaglichkeit. Die künstliche Luft ist weiterhin künstlich, und der Ausschluss von echtem Tageslicht gewährleistet eine allmähliche Entzeitlichung von Körper und Geist. Ich weiß nicht, was das bedeutet, aber ich denke, Kaffee hilft.

Cubicle bleibt Cubicle…
aber mit so einer Schaumstoffhand geht es.

Der Island-Pavillon

Und das soll mir ein schöner Übergang sein, denn Körper, Geist und Kaffee sind im Gastlandpavillon bestens aufgehoben. Kaffee deshalb, weil hier ein richtiges kleines Café eingerichtet ist! Ein richtiggehendes Wohnzimmer inmitten der Installationen und Riesenkunstwerke.
Wohlgemerkt werden hier nicht Fotos, sondern Filme lesender Menschen projiziert. Diese schweigende Rascheln, vier mal vier Meter groß – man kommt sich vor wie ein Ase im Land der Riesen.

Hier könnte ich mich länger aufhalten

Ich möchte nicht zuviel vorwegnehmen, aber das kann ich mit Worten auch gar nicht. Ich könnte Ihnen sagen, dass Island sich damit begnügt, mit Abdunkelung, Leinwänden und Video-Einblendungen zu arbeiten, aber das würde dem nicht gerecht. Sie müssen selber sehen, was Island mit bewegten Bildern alles anstellt. Gehen Sie unbedingt in den Island-Pavillon.

Betreten Sie das Projektionszimmer…

Bewegte Bilder sind vor allem in den Ecken und an den Decken mesmerisierend

…oder betrachten Sie es von außen:

mal Wald, mal Wasser

Und auch diese Rückprojektion taucht den ganzen Raum in Unwirklichkeit:

Gleich mal meinen Halldór Laxness weiterlesen

Wenn Sie nur ein paar Minuten Zeit haben auf dieser Messe, dann verbringen Sie sie hier in diesem Pavillon.

Aufbau in den Hallen

Hätte man da nicht Kleist nehmen müssen statt Schiller?

Während also zwischen Audi und Forum der schönheitspflegende Teil der Messe Hof hält, wird in den Hallen in echt gearbeitet. Im Panorama sieht man mal, wie die ganze Messe am magischen Dienstag mit Klein- und Schwertransportern zugeparkt ist.

links im Bild nochmal Emmerichs neues Ufo

Aber im Gegensatz zu Logistik und Lastverkehr draußen zeitigt der Fleiß in den Hallen durchaus Ergebnisse, die es mit Gastlandinstallationen aufnehmen können.

Gastland: Erde

Immense Stapelplastiken und Kartonage-Skulpturen sind ja der gewohnte kreative Anblick beim Aufbau, aber die imposantesten Verwehungen von Unrat habe ich gesehen bei…

…Suhrkamp…
…und Rowohlt.
Da steckt vielleicht irgendwo Reinhold Messner drin.

Fleiß kann – gerade am Vormessedienstag – die unterschiedlichsten Niederschläge bilden. Ganz oben auf der Liste meiner Liebigkeiten stehen Verlage, in denen der Chef noch selbst mit anpackt.

…oder die Chefin.

GABAL-Geschäftsführerin Ursula Rosengart (rechts) und Kerstin Paulukat, Verkaufsleitung (links), beraten sich, wo sie jetzt noch so schnell Kuchen für mich herbekommen sollen.
Und wenn Sie eine Woche lang Abendlangeweile in Frankfurt erleiden – lesen Sie Kerstin Paulukats Frankfurt-Tipps im BuchMarkt-Messeplaner!

Für einen guten Kaffee gehen Michael Geißler und ich meilenweit, aber das war eigentlich nie nötig, denn Suhrkamp hatte ja immer eine Jura-Maschine am Stand. Heute nicht mehr: Stand neu, Catering-Vertrag neu, Kaffeemaschine nicht mehr vorgesehen. Was das für den Kaffee dort heißt, muss ich erst noch herausfinden.

Jodie Foster ist wirklich Zufall.

Soweit meine Informationen reichen, hat Rannenberg ein paar Stände weiter auch eine Jura-Maschine.

Ein besonderes Lob gilt meinen Freunden bei Collection Rolf Heyne, die trotz eigener schwerster körperlicher Entbehrungen ihren Jausenvorrat mit mir teilten.

Hier gibt es sie noch, die klassischen Verlagsmenschen.

Neben den Fleißigen gibt es natürlich auch die Faulen. Während wir uns abrackern, demonstriert Boualem Sansal auf einem Werbeplakat, was der feine Herr Friedenspreisträger von der rauchfreien Messe hält:

Nämlich nix. Das lob ich mir.

Oder Dr. Ulrich Janetzki vom literarischen Colloquium Berlin zum Beispiel. Den konnte man am Dienstage ausschließlich mit diesem Fastnachts-Piercing antreffen. Von so einem erwarte ich schon gar keine praktische Arbeit mehr.

Meilenweit weg von Ken Follett: Die Nadel

Naja, und der Zille halt, irgendwo dazwischen. Müßig einerseits, weil diese Woche Juergen Boos dran ist mit Hausordnung und Wäsche; fleißig andererseits, weil Oliver Zille immer auf der Suche ist nach leseschwierigen Kulturkreisen. Ganz oben auf der Agenda als nächste Gäste für Leipzig stehen die Schlümpfe und die Klingonen.

…und die findet man ab 17.00 Uhr sicher beim BuchMarkt-Stand.

Altbier und Ausklang

Zum Ende des Frankfurter Aufbaudienstages spendiert BuchMarkt immer ein Fass Altbier und ein paar Bleche Brezeln! Das ist immer ein wohlverdientes Hallo, weil dann die Trennlinie zwischen Freunden, Bekannten und Schnorrern so angenehm weichgezeichnet wird. Da erweisen sich unsere hässlichen Gruppenzwang-T-Shirts immerhin als optisch nützlich, um z.B. zu verhindern, dass Cornelia Camen gleich mit aufgegessen wird.

Connes extremes Brezeltablett-Crowd-Diving
Kappen in geschlossenen Räumen für Dummies

Das Dummies-Dreamteam Hartmut Gante und Inken-Maren Bohn fährt zu jeder Messe einen neuen Gratisdummie auf; und mehr als einmal steckt Kollege Matthias Koeffler da auktorial und netzwerkend mit drin. Aber vielleicht darf ich im nächsten Jahr auch mal bei einem Dummie-Projekt mitarbeiten! Ich schlug vor „Kunden ins Gesicht lügen für Dummies“, während Herr Gante eher etwas in Sachen Verkaufspsychologie vorschwebt; aber ich glaube, wir meinen die gleiche Sache.

…und dann kann sie noch morsen…

Kollege Koeffler hat schon die Kontakt-Abzüge für 2012 dabei. Wahrscheinlich will er von mir nicht aus dem Dummie-Geschäft verdrängt werden und legt jetzt schon mal los. Oder er erzählt wieder allen, dass seine Kamera viel besser sei als meine.

(Hahaha, nein, das war nur ein Scherz. Kollege Koeffler ist der Allernetteste; ich hatte nur gerade keine Fotos von Herrn Faure.)

Dabei kann ich mit meinem Apparat hinter die Wirklichkeit fotografieren! Doch, doch, hinter! Schauen Sie nur: Während der allgemeine Anschein doch eher nach Heiterkeit aussieht, wird dieser orange gekleidete Querulant von zwei Profitürstehern (Bodo „Das Horn“ Rumold von Baumhaus und „Little“ John „the Man“ Dieckmann von Frech) sanft nach draußen begleitet.

Deeskalation

Das sind natürlich Maßnahmen, die bei diesen friedlichen Trinkern nicht notwendig sind: Stefan Fritsch von Diogenes, Justiziar Dr. Christian Sprang und Lorenz Borsche von der eBuch sind hervorhebenswerte Sonderfälle – Fritsch mag kein Altbier, Sprang muss gleich weg, und Borsche hat noch genug zu trinken.

Und das soll mir ein schönes Schlusswort für den Dienstag sein, denn der Mittwoch, der Auftakt, der Öffner, wartet bereits am Ende dieser Zeilen auf Sie und auf mich wie Heimdall der Ase, der den Bifröst bewacht.

– wie, Sie haben Ihre Edda nicht gelesen? Muss ich das etwa auch noch beheben?
Wir werden sehen.

Ich wünsche Ihnen einen guten Messebeginn!

Ihr

Matthias Mayer

herrmayer@hotmail.com
www.herrmayer.com

Edda-Sammelbild Nummer 1 von 6:
Mjölnir, Thors Altbierhammer
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