Ein Musterbeispiel für erfolgreiche Verlagsarbeit – auch für Kollegen, welche über die Bücher dieses Hauses die Nase rümpfen

Welcher Buchverlag kann sich brüsten, für seine Titel in den USA regulär 23 Millionen; in Polen 6.6; Deutschland 5.9; Großbritannien 3.2; Italien 2.5 und unter anderem in Österreich, Tschechien, den Niederlanden, Japan und Spanien eine Million und mehr Leser zu haben?

Es ist ein kanadischer Verlag, der weltweit, in 23 Sprachen, jährlich an die 180 Millionen Exemplare verkauft, Taschenbücher allesamt – pro Sekunde zwischen fünf und sechs Stück. Im übrigen zählt er zu den profitabelsten Verlagen der Buchbranche überhaupt (nicht nur im Sektor der Publikumsverlage), obwohl er nur Romane herausbringt. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete er bei 585 Millionen Dollar Umsatz einen Profit von 124 Millionen Dollar – also 21 Prozent Gewinn.

Ein Grund: Für die 2.169 Novitäten, die er 2003 veröffentlichte, zahlt er laut New York Times bloß Vorschüsse von jeweils ein paar tausend Dollar. Während ein großer deutscher Taschenbuchverlag durch seine Vorschüsse schätzungsweise bis an die 20 Millionen Euro an Kapital gebunden hat, sind es dort wirklich nur peanuts, mit dementsprechend null Abschreibungsbedarf wegen nicht eingespielter Vorschüsse (der bei einem großen deutschen Taschenbuchverlag gewiss bis zu 2 bis 3 Millionen Euro jährlich betragen dürfte).

Ein zweiter Grund: Die Bücher haben relativ geringen Umfang und einen relativ billigen Preis

Dritter Grund: Der Verlag hat ein klar erfasstes Zielpublikum: Frauen.

Vierter Grund: Sein Programm umfasst ausschließlich Genre-Literatur, für deren Verfassen den Autoren genaue (durch Lesermarktforschung fundierte) Richtlinien an die Hand gegeben werden – unter dem Motto: „marketing nice things for women“ (so der Verlagschef).

Fünfter Grund: Bei seinen Büchern handelt es sich, im weitesten Sinne, um Liebesromane,. ein Genre, dessen Leser(innen)schaft wächst und wächst. In den USA machte es im weitesten Sinn 1997 – das letzte Jahr, für das angeblich exakte Zahlen vorliegen – nach Stückzahlen 38 Prozent der gesamten Belletristikabsätze und 88 Prozent des mass market – Taschenbuchmarkts aus.

Sechstens: Der Verlag, der 1949 klein mit einem kunterbunten Programm begann, wurde ab 1971 von einem langjährigen Proctor & Gamble-Manager stromlinienförmig gemäss der Erfahrungen und Maßstäbe dieses großen Konsumgüterherstellers umgekrempelt wurde. Ab den 1980er Jahren, als Nachahmer und Konkurrenten seinem Geschäft eine empfindliche Delle verpassten, brachte ihn ein Manager des Putzmittelkonzerns S.C. Johnson unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Veränderungen neuerlich radikal auf Marketingkurs, so dass er die Konkurrenz abhängen konnte.

Das kanadische Verlagsunternehmen heißt Harlequin.

Einfach zu imitieren gibt es da für die allermeisten Verlage nichts. Die Literatur, die sie verlegen, die Kulturen, denen sie sich verpflichtet fühlen, die Märkte, die sie bedienen, sind zu andersartig, und sie sind wesentlich kleiner und komplexer. Genau studieren sollte man die kanadische Geschichte aber vielleicht doch.

Ihr Erfolg besteht im Kern schließlich einzig und allein darin, dass da ein Verlag eine klare Strategie entwickelte und sie auch konsequent verfolgte; darin, dass er sich gründlich über die wechselnden Bedürfnisse und Interessen der Leserschaft informierte, die er erreichen wollte; darin, dass er auf für eine seinem Programmniveau adäquate, verlässliche Qualität seiner Bücher achtete; und darin, dass er alle verfügbaren Vertriebs- und Marketingmöglichkeiten einsetzte, um seine potentielle Leserschaft zu erreichen. Wo ist das in Publikumsverlagen heute sonst wirklich der Fall?

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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