Beckmann kommtiert Ein Problem, das Sortimenter mit Verlagen haben: die „Unfreundlichkeit“ von Büchern gegenüber Kunden

Mit der Konzentration und den Großflächenbuchhandlungen ist die Frontalpräsentation zu einem entscheidenden Moment des Erfolgs oder Misserfolgs von Novitäten geworden. Das gilt umso mehr, als heute die Selbstbedienung des Kunden vorzuherrschen scheint und Spontankäufe insbesondere bei Belletristik eine wichtige Rolle spielen.

Haben die Publikumsverlage sich darauf eingestellt? Dass sie für die Gestaltung der Schutzumschläge einen Batzen Geld ausgeben, steht außer Frage. Am Ergebnis kann man oft (ver)zweifeln.

Am vergangenen Samstag habe ich mir im Hugendubelschen Buchkaufhaus am Münchner Marienplatz längere Zeit die Tische mit den gängigen Romanen der Saison angeschaut. Es waren erstaunlich wenige Titel mit auffälligem Cover darunter. Inmitten der zahlreichen aufgestellten und ausgelegten Romane zogen nur ein paar den Blick auf sich. Dem Verhalten anderer Personen nach zu urteilen, erging es ihnen ähnlich. Irgendwie schienen sie interessiert, ein neues Buch zu finden, das ihnen zusagte; deswegen waren sie ja wohl auch da. Doch ihr vages Interesse an Lektüre wurde hier offenbar nicht fokussiert. Während der knappen Stunde meines Aufenthalts bei Hugendubel hat kaum jemand einen Roman heraus und in die Hand genommen.

Die meisten Verlage nutzen die Chance nicht, die ihnen der moderne Buchhandel bietet.

Ihre Werber und Cover-Designer scheinen jeder für sich Entwurf um Entwurf einzeln zu prüfen und im isolierten Neonlicht ihrer Büros, weitab von den 1-A-Lagen, wo Kunden verkehren, die überzeugt werden wollen, mit sich und ihrer eigenen Welt zufrieden zu sein. Erfolg hat ein Design aber nur, wenn es in der Buchhandlung neben vielen anderen, konkurrierenden Designs zunächst einmal die Aufmerksamkeit von Kunden weckt.

Den meisten von ihnen – und das keineswegs nur, wenn sie zur so genannten Laufkundschaft zählen – dürfte bei dem Überangebot nur ein ganz kleiner Teil der Autoren schon bekannt sein, und auch für Städter gilt hier noch immer das alte Sprichwort: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht; außerdem: Welchen der vielen unbekannten neuen Autoren und Titel soll er denn vereinnahmen wollen?

So ist der Cover in der Frontalpräsentation – Gott sei Dank, dass es sie gibt – das Einzige, was einen nach Lektüre suchenden Menschen überhaupt ansprechen könnte; das, was er zum ersten- und vielleicht letzten Mal von einem Buch sieht. Nur: Wenn ein Cover nicht so beschaffen ist, dass es in der Auslage wahrgenommen wird und erstes Interesse weckt, wird niemand das Buch anfassen, den Rückentext lesen, um sich über den Inhalt zu informieren, und erwägen, den Titel zu kaufen.

Das ist doch selbstverständlich. Ach ja? Wenn es so selbstverständlich wäre, müssten es in den Verlagen alle verstanden haben und beherzigen Und dem ist keineswegs so.

An diesem Samstag bin ich dann mit einer jungen Frau ins Gespräch gekommen. Sie liest gern. Sie liest viel. Sie findet die heutigen, großzügig gestalteten Buchhandlungen prima, wo so viel von Büchern zu sehen Und am Ende hat sie etwas gesagt, was sich alle Verleger, Lektoren, Vertriebsleiter, Werbeleute und Grafiker durch den Kopf gehen lassen sollten.

Es wird in der Branche momentan viel davon gesprochen, dass Buchhändler sehr viel kundenfreundlicher sein müssten. Gewiss. Es genügt nicht. Die junge Frau ließ ihren Blick noch einmal über den großen Auslagetisch wandern und murmelte: „Das ist alles so unfreundlich.“ Dafür kann der Buchhandel nichts. Die insgesamt unfreundlich wirkende Optik der Bücher fällt in die Verantwortung der Verlage. Sie tun dem Autor, dem Kunden, dem Sortimenter, sie tun dem Buch überhaupt einen schlechten Dienst.

Vielleicht wäre es den Versuch wert, einen „freundlichen“ Buchhandelstisch voller Novitäten mit einem „sprechenden“ Covertitel zu präsentieren. Wäre es für den Buchhändler vielleicht sogar eine gute Idee, eine Gruppe seiner Kunden zu bitten, an der Auswahl der Romane für einen solchen Tisch mitzuwirken?

Eine Star-Autorin wie Patricia Cornwell hat im vergangenen Jahr ihre Fans gebeten, an der Gestaltung des Schutzumschlages für ihren neuen Roman mitzuwirken. Es war auch eine Publikumswerbung für das neue Buch. Könnte ein interessanter, freundlicher, Aufmerksamkeit weckender Büchertisch nicht zudem eine neue Werbe- und PR-Möglichkeit für Sortimenter sein?

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de.

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