Beckmann kommtiert Ein selten erfreuliches Ereignis: die Podiumsdiskussion der Münchner Initiative Pro Buch

Welchen Eindruck die schätzungsweise dreihundert Gäste – überwiegend BuchhändlerInnen und Verlagsangestellte, sehr viele jüngeren Alters – von der Veranstaltung am 22. Januar in der Schwabinger Seidl-Villa [mehr…] mit nach Hause nahmen, vermag ich nicht zu sagen. Wenn die freundliche Aufmerksamkeit, die lebhafte Anteilnahme nicht täuscht, war er positiv. Dem Echo in anschließender kleiner Runde nach zu urteilen, war er sogar sehr positiv, Denn es kam (mehrfach) die Anregung, dieser öffentlichen Podiumsdiskussion doch bitte weitere Veranstaltungen ähnlicher Art – und zwar nicht nur in München – folgen zu lassen. Das bedeutet ein hohes Lob für die Veranstalter, die Münchner Buchhändler-Initiative Pro Buch.

Bernhard Rieger und Bernd Mann, die Initiatoren von Pro Buch, waren ob des Erfolgs zu Recht erfreut: Sie haben die breite öffentliche Diskussion eines Themas angestoßen, und ihr Anstoß hat – bis ins Feuilleton der F.A.Z. hinein – medial Aufsehen erregt. Sie haben für diese Debatte – unter großen Mühen – ein prominentes Podium mit einem exzellenten Moderator, dem Literaturredakteur Dr. Dieter Heß vom Bayerischen Rundfunk, zusammengebracht. Vielleicht war es gut, dass Führungspersönlichkeiten vom Online-Händler Amazon, von den Großfilialisten Thalia und HDB, sich zu einer Teilnahme nicht bereit fanden. Der Wegfall einer polemischen Auseinandersetzung, die sonst zu erwarten gewesen und wie in fast allen Fällen höchstwahrscheinlich unfruchtbar verlaufen wäre, erwies sich als Gewinn.

Ein ursprünglicher Ausgangspunkt, für die Pro Buch wie für dessen erste Veranstaltung, scheint die Frage nach der Zukunft des Buchhändlerberufs in den großen Filialunternehmen gewesen zu sein. Dort zeichnet sich eine Tendenz ab, statt des fachlich ausgebildeten, gelernten Buchhändlers (mit höherem Gehalt) ungebildete (schlechter entlohnte) „Auspacker“, Regal-Sortierer und „Medienverkäufer“ einzustellen: eine Maßnahme, die auf dem Podium auch ein so ausgewiesener engagierter Repräsentant des unabhängigen traditionellen Buchhandels wie Hermann-Arndt Riethmüller von der Osiander’schen in Tübingen in gewissem Maße als notwendig und sinnvoll bezeichnete; aus pragmatischen und ökonomischen Gründen.

Auch sonst sprach Riethmüller – für viele Zuhörer wohl überraschend – deutliche Worte. So zu folgendem Punkt gegenwärtiger Verunsicherung In Filialen und Großbuchhandlungen sehen Buchhändler sich in ihrem herkömmlichen Berufsverständnis verletzt, weil sie – abgesehen von Spezialbereichen wie etwa Regionalia – vom Einkauf, also dem Gestalten und Mitbestimmen des „Sortiments“ zunehmend ausgeschlossen werden. Laut Hermann-Arndt Riethmüller liegt hier jedoch für die heutige Zeit ein berufliches Missverständnis vor. Einst verfügten Buchhändler über Herrschaftswissen, insofern sie die einzigen waren, die Kenntnis über alle Novitäten und lieferbaren Titel besaßen. Mit solchem Herrschaftswissen ist es seit der Einführung des Verzeichnisses Lieferbarer Bücher (VLB), schon gar mit den allgemein zugänglichen elektronischen Buchdaten vorbei. „Die Einkaufskompetenz ist kein essentielles Bestimmungsmerkmal des buchhändlerischen Berufes mehr“ und kann es auch nicht sein.

Die entscheidende Qualifikation besteht heute in der „Fähigkeit, Bücher zu verkaufen“ bzw., abgesehen von einer persönlichen Kenntnis der Bücher und dem Vermögen, informativ und angemessen über Bücher zu reden, in der Kunst des Umgangs mit Kunden.

Es war ein herausragendes Charakteristikum der Pro Buch-Podiumsdiskussion, dass sie die – durchaus konstatierte – Notlage des unabhängigen Buchhandels in seiner Konfrontation mit den immer expansiveren, verdrängenden Handelsgiganten nicht zum Leitthema machte; dass nicht – wie in der Branchenpresse und den Medien weithin vorherrschend – die ökonomisch finanzielle Situation eines Standes im Vordergrund stand.

Es war wiederum Hermann-Arndt Riethmüller, der vor einer – anfangs bei einigen Herren auf dem Podium anklingenden – „Verteufelung“ von Filialisten, Ketten und Online-Händlern warnte. Er riet seinen Kollegen – ein Rat, der auch den Medien dienlich sein könnte -, damit aufzuhören, vor allem deren Mängel oder Schwächen im Vergleich mit ihrem (meist geschönten) Bild von der eigenen Tätigkeit oder Vorstellungen der eigenen idealisierten Vergangenheit zur Kenntnis zu nehmen und an den Pranger zu stellen. Er empfahl ihnen, sich mehr an den (oft durchaus vorhandenen) Vorzügen der großen Konkurrenz zu orientieren; an dem, was diese Firmen (oft) buchhändlerisch besser machen.

Keine Frage: Die engagierten unabhängigen Sortimente fanden auf dem Podium viel Sympathie. So bei dem Perlentaucher-Redakteur Rüdiger Dingemann, der nur sie aufsucht, sie freilich ermahnt, sich endlich auch der zusätzlichen Möglichkeiten zu bedienen, die das Internet mit sich bringt. So der Schriftsteller und ehemalige PEN-Präsident Gert Heidenreich, weil er dort jedes Mal einen oder mehrere interessante Titel entdeckt, von denen er noch nicht wusste. Der selbständige Regensburger Sortimenter Christian Röhrl – neuer Sprecher der AuB – fand Beifall, als er den – noch taufrischen – Anschluss der AuB an die bedeutende Handelsgenossenschaft EK/servicegroup bekanntgab, mit dem seine Gruppe nach langem, orientierungslos wirkenden Palavern, den Weg zu einer zukunftsweisenden Kooperation gefunden hat, der den Abstand zu den besseren Konditionen und Operationsspielräumen Kleiner gegenüber den Großen verringert. Und der Wolfgang Balk (dtv) steuerte, aus der Erfahrung und Sicht eines bedeutenden deutschen Taschenbuch-Verlegers, wichtige Einsichten zu den Realitäten und den Notwendigkeiten erhöhter Verkaufsanstrengungen für kulturell wichtige Bücher durch den Handel bei.

Die Diskussion war so sehr von der Pragmatik und Programmatik des Verkaufens bestimmt – was livezu überspitzten Formulierungen führen kann -, dass Gert Heidenreich schließlich einmal protestierte: Verlage dürften doch nicht nur nach Maßgabe dessen publizieren und Buchhändler nicht nur einkaufen und ausstellen, was sie von vornherein auch verkaufen zu können meinten. Womit er von den anderen Zustimmung erfuhr – aber auch Kritik. Denn es kommt zu oft vor, dass Buchhändler (wie Verlage) sich auf Kultur berufen, um mangelnde Erfolge zu bemänteln. Es ist weithin noch immer üblich (ohne jedesmal wirklich den Anspruch erheben zu können), sich als Kulturträger zu gerieren, wenn es besser wäre, sich auf kaufmännische Qualitäten zu besinnen. So sind unabhängige Sortimenter gern darauf stolz, ihre Kundenfreundlichkeit (im Vergleich zu der von Filialisten und Ketten) hervorzuheben. Nicht anders war es bei der Osiander’schen, wie Hermann-Arndt Riethmüller berichtete. Bis er eine externe Agentur damit beauftragte, der angeblichen Kundenfreundlichkeit des Personals auf den Grund zu gehen – und nicht einer der Angestellten die Prüfung makellos überstand.

Dies ist nicht als Bericht über die Veranstaltung gedacht. So etwas stünde jemand, der selbst mit auf dem Podium gesessen hat, auch wohl kaum an. Dass ich hier meinen Eindruck wiedergebe, hat einen besonderen Grund: Christian von Zittwitz bat mich teilzunehmen. Lust verspürte ich dazu wenig. Die anfängliche Agenda schien mir auf eine nutzlose Diskussion hinauszulaufen. Schließlich wurde das Themenspektrum so breit, dass die Diskussion sich m.E. sich eigentlich nur im Nebulösen verirren konnte; ich bin also ungern hingefahren, dann aber mit Gewinn heimgekehrt – ein bei dergleichen Podiumsdiskussionen seltenes Erlebnis -, von dem wenigstens zum Ausdruck zu bringen ich nun verpflichtet fühle. Dank Bernhard Rieger und Bernd Mann von der Initiative Pro Buch. Dank der anderen Teilnehmer an der Podiumsdiskussion. Und dank einem Buchhändler aus Oberschleißheim, in der folgenden allgemeinen Diskussion. Dazu aber mehr ein andermal.

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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