Beckmann kommtiert Eine bislang kaum gestellte Frage: Was lesen die heutigen Leser wirklich?

Bei Umfragen scheint es wesentlich darum zu gehen, herauszufinden, warum und wie Menschen Bücher kaufen. Irgendwie verständlich, nicht wahr? Solche Umfragen werden ja auch, wenn nicht von Brancheninstitutionen, meist von Verlagen in Auftrag gegeben oder gesponsert, die sich davon etwas ganz Bestimmtes erhoffen, nämlich: Einblicke zu gewinnen in die Kaufmotive, -entscheide und -trends; Erkenntnisse, die sie für ihr Marketing und zur Steigerung ihrer Umsätze nutzen könnten.

Was Inhalte angelangt, werden Sie nun vielleicht einwenden, gibt es schließlich die Bestsellerlisten. Nun ließe sich trefflich darüber streiten, ob Bestsellerlisten überhaupt Interessen an Inhalt und Qualität von Büchern spiegeln. Im übrigen berücksichtigen Bestsellerlisten nur Novitäten oder ältere Titel, die von Verlagen in einer neuen Edition oder Aufmachung neu lanciert werden.

Es wäre ein gänzlich anderer Ansatz, einmal zu fragen: Was lesen die Menschen überhaupt? Darüber wissen wir in der Breite so gut wie nichts. Darüber führt niemand Statistiken. Dazu sollte man gerade deshalb auch mal eine Umfrage durchführen.

Solch eine Umfrage ist aber soeben in Großbritannien durchgeführt worden, von den Organisatoren des Costa-Literaturpreises – ehemals bekannt unter dem Namen Whitbread Prize, und als solcher ebenso traditionell wie prestigiös.

Die Ergebnisse dieser Umfrage überraschen:

— 77 Prozent der befragten britischen Leserinnen und Leser geben an, Bücher, die ihnen bei der ersten Lektüre zugesagt haben, ein zweites Mal zu lesen;
— 17 Prozent, ein Lieblingsbuch mehr als fünfmal gelesen zu haben.

Nicht minder interessant sind die Antworten auf eine weitere Frage nach dem Motiv wiederholter Lektüre. Als Grund haben genannt:

— 8 Prozent, weil sie seither nichts vergleichbar Gutes gefunden hätten;
— 34 Prozent, weil sie bei wiederholtem Lesen in diesen Büchern jedes Mal Neues entdeckt hätten, Aspekte und Qualitäten, welche ihnen zunächst entgangen seien;
— 59 Prozent, weil sie des Lesens ihrer Lieblingsbücher einfach nie müde werden.

Sollten diese Antworten ein Spezifikum britischer Lesekultur, eine Besonderheit des britischen Lesepublikums reflektieren?

Könnte sie ein anderes, positiveres Bild von heutiger Lesekultur vermitteln als das übliche Gejammere, das fast alle sonstigen Umfragen begleitet? Oder ergäbe sich bei genauerer Analyse der allgemeinen Resultate von Umfragen, wie viel Prozent der Bevölkerung wie viele (bzw. wie wenige) Bücher wöchentlich, monatlich und jährlich lesen, dass es um das Lesen von ‚Novitäten’, auf die das Denken und Trachten der schöngeistigen Verlagsbranche heute fast nur noch gerichtet sind, noch viel schlechter bestellt ist als man ohnehin befürchten muss?

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

Weitere Beiträge der Kolumne „Beckmann kommentiert“ finden Sie im Archiv unter dem Stichwort: „beckkomm“.

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