Beckmann kommtiert Eine wundersame Geschichte aus dem Weihnachtsgeschäft des Buchhandels

Die Begebenheit ist meines Wissens erst- und einmalig. Der britische Schriftsteller George Walker hat für seinen 11jährigen Sohn ein Kinderbuch geschrieben – Tales from an Airfield – und im Selbstverlag herausgebracht. Im Dezember fand er den Titel plötzlich bei Amazon angeboten – zu seinem Erstaunen; denn der Online-Händler hatte ihn – in seiner Eigenschaft als Verleger – vorher nicht kontaktiert, nicht um sein Einverständnis gebeten und (natürlich) auch keine Konditionen mit ihm abgemacht.

Na wenn schon, denkt man: Da müsste ein Autor und ein Verleger doch vor Freude an die Decke springen. Nicht so George Walker. Er beschwerte sich und stellte prompt die Belieferung von Amazon ein.

Woraufhin Amazon den Titel keineswegs aus der Listung nahm, sondern nur den Vermerk hinzu fügte – er sei vergriffen.

Was den – zweifelsohne streitbaren – Autor/Verleger nun in die Offensive trieb; denn seine „Erzählungen vom Flughafen“ waren durchaus lieferbar, wie er zunächst einer Lokalzeitung gegenüber aussagte; er weigere sich lediglich, sie von Amazon verkaufen zu lassen.

Nun ist aber in Großbritannien die Verdrängung unabhängiger Buchhandlungen durch Großfilialisten, Supermarkt-Ketten und Online-Händler mittlerweile zu einem öffentlichen und Medienthema geworden. Also wurde diese Meldung von überregionalen Tageszeitungen – insbesondere dem „Guardian“ – und der BBC aufgegriffen, inzwischen hat sie sogar international Wellen geschlagen.

Warum will denn George Walker nichts mit Amazon zu tun haben?

Weil, so seine Aussage, Amazon nur als Trittbrettfahrer aufgesprungen sei, nachdem sein Buch sich im unabhängigen Buchhandel gut verkauft habe. Anders gesagt: Amazon mache sich die Vorarbeit mittlerer und kleiner Sortimenter zur Durchsetzung eines Titels zunutze, nur um ihnen dann das grösste Stück des Kuchens wegzuschnappen. So etwas aber findet er unfair und inakzeptabel. Er hat gesehen, was die unabhängigen Sortimenter leisten. Er will, dass sie auch die volle Ernte ihrer Arbeit einfahren können. Er will, dass sie trotz der Expansion und Wettbewerbsvorteile der grossen Händler weiterhin erhalten bleiben und dazu sein Scherflein beitragen, weil: „Wenn wir nichts tun, sind sie in fünf Jahren alle miteinander verschwunden.“

George Walker kommentiert die Methode der Großen generell so: „Sie lassen eine eigene Markforschung für sich durch die Unabhängigen erledigen. Und wenn ein Buch einen gewissen Aufmerksamkeitsgrad erreicht, versuchen sie einzusteigen und (mit ihren Werbemassnahmen und Preisnachlässen) die Kleinen dann auszubooten. Dazu gebe ich mein Buch nicht her!“ Er weigert sich deshalb außerdem, Ketten wie Waterstone’s und W.H. Smith zu beliefern. Und rief in einem BBC-Interview die Hörer auf, nur bei unabhängigen Sortimentern zu kaufen.

Er habe mit alldem doch selbst nur Werbung für sein Buch machen wollen, heißt es hier und da – seine Medienaktion fiel zeitlich in die Hochphase des Weihnachtsgeschäfts. Zunächst einmal hat George Walker mit dem Stop der Auslieferung an Amazon jedoch auf erhöhte Einnahmen verzichtet. Und eine ungewöhnliche Werbung für den unabhängigen Buchhandel gemacht.

In meinem Leitartikel des Januarhefts von BUCHMARKT erlaube ich mir, in dieser Richtung einen anderen Vorschlag zu machen.

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

Weitere Beiträge der Kolumne „Beckmann kommentiert“ finden Sie im Archiv unter dem Stichwort: „beckkomm“}.

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