Beckmann kommtiert Einen echten Skandal von weltweitem Interesse: Er dokumentiert erstmals im Detail, wie ein Buchhandels-Großfilialist Verlage erpresst

Es gibt Geschichten, deren Dimension und Relevanz für die hiesige Szene erst deutlich wird, wenn man sie im Detail und mit ihren Hintergründen berichtet. Zumal, wenn die Verhältnisse, um die es hier geht, in weiter Ferne liegen: in Australien.

Aber wenn die Arktis schmilzt, steht das Wasser auch uns bald vor der Haustür. Es gehört zum vielzitierten Globalismus, dass ökonomische Tendenzen sich von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent übertragen, weil die Systeme mit ihren Eigendynamiken, Sackgassen und Zwängen zu Notausgängen sich überall kopieren. In diesem Fall betrifft es das von außen undurchsichtige Verhalten der großen Ketten gegenüber Verlagen. In Australien ist es jetzt einmal schockierend transparent geworden.

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Die Geschäftsbedingungen und Konditionen, die Verlage großen Filialisten einräumen bzw. die ihnen von Ketten abverlangt werden, zählen zu den bestgehüteten Geheimnissen der Buchbranche. Es war deshalb eine Sensation, als ein Verlagsmann 2001 in der Londoner Wochenzeitschrift „The Spectator“ erstmals folgendes enthüllte: Britische Verlage hatten 10.000 Pfund Sterling zu zahlen, wenn die Buchhandelskette W.H. Smitheine Novität als „Lektüre der Woche“ anpries, und jeweils 2.500 Pfund, wenn der Filialist Books etc sie als „Showcase“ oder Borders sie unter dem Schild „Best“ herausstellte. Laut „Spectator“ forderte der Online-Händler Amazon damals 6.000 Pfund für die Vergabe seines Werbetitels „Buch des Monats“. Für die Anpreisung eines Autors als „Frisches Talent“ wurden 850, für die Auszeichnung „Latest Thing“ – etwa „Letzter Schlager“ – 15.000 Pfund kassiert. Und natürlich wurden in Kettenläden ohne Bezahlung auch keine Neuerscheinungen gleich am Eingang hoch gestapelt. Die konkreten Zahlen lösten damals in England Empörung aus. Das Prinzip allerdings wurde kaum in Frage gestellt.

Anfang August dieses Jahres ist es in Australien zu einem Eklat gekommen – ausgelöst durch den Buchhandelsprimus Angus & Robertson. Er hat dazu geführt, dass ein Verlegerverband erstmals öffentlich massive Kritik an einem Einzelhändler übte. Erstmals hat der Verband Australischer Autoren zum Boykott einer Kette aufgerufen. Signifikanter noch: Der Australische Buchhändlerverband bezog erstmals öffentlich Stellung zur Geschäftspolitik eines seiner Mitglieder und bekundete – gegen das umsatzstärkste Mitglied (!) – seine Solidarität mit den Verlegern, Autoren und Buchkunden.

Die Medien machten einen Skandal in der Bücherwelt erstmals zum Thema Nummer Eins. Es dürfte ein bislang ebenfalls einmaliger Vorfall sein, dass quasi ein ganzes Land gegen einen Buchhandelsgiganten aufsteht. Die Blogs sind ohne Ende, in denen Bürger erklären, nicht mehr bei Angus & Robertson zu kaufen, und unabhängige Buchhändler auffordern, ihre Chance zu nutzen.

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Angus & Robertson ist eine „nationale Marke“. Der Name ist 96 Prozent der Bevölkerung vertraut. Es handelt sich um eine der ältesten Buchhandlungen der Insel. Gegründet 1884 in Sydney, entwickelte sie sich, wie es heißt, zur „größten Buchhandlung der Welt“. Sie breitete sich als erste landesweit aus. (Der ebenso berühmte Verlag gleichen Namens wurde 1989 an Rupert Murdochs Buchkonzern HarperCollins verkauft.) Der Name Angus & Robertson ist ein fester Bestandteil der Traditionen australischer Kultur. Das macht die Empörung umso heftiger.

Die Filialkette hat heute ungefähr 18 Prozent des dortigen Buchmarkts in seiner Hand. Sie unterhält 183 Filialen (davon sechzig im Franchise-Verfahren). In vielen kleineren Städten ist ihr Laden inzwischen die einzige Buchhandlung vor Ort. Darin besteht ein zweiter Aspekt des Problems. Ein dritter: Ihr Umsatz mit Büchern australischer Autoren macht knapp ein Drittel des Gesamtvolumens aus. Ein großer Teil, wenn nicht die Mehrzahl dieser Schriftsteller, wird von kleinen bis mittleren Verlagen verlegt – eben diesen Verlagen hat Angus & Robertson nun die Auslistung angedroht.

Werden denn aber nicht in allen Ländern die Programme vieler unabhängige Verlage kaum noch von den Ketten geführt? So ist es wohl. Aber Angus & Robertson wird seit kurzem durch zwei Topmanager geprägt, die in britischen Supermarkt-Unternehmen Karriere machten. Sie sind auf eine Weise vorgegangen, die im Buchwesen unbekannt war: mit einem skandalös rüden Geschäftsgebaren – manche sprechen von Erpressung. Wenn sie damit durchkämen, könnte es international einen üblen Präzedenzfall abgeben.

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Der Vorfall ist noch in einer anderen Hinsicht bedeutsam. Verlage, die von Ketten mit unkoscheren Forderungen konfrontiert werden, wahren darüber Stillschweigen, weil sie befürchten, sonst ihren Geschäften zu schaden. Darauf haben, im Bewusstsein ihrer händlerischen Machtposition, gewiss auch Charles Rimmer und Dave Fenton von Angus & Robertson gebaut: Mit (umgerechnet) rund 225 Millionen Euro Umsatz stellen sie für die meisten Verlage den wichtigsten Handelspartner dar. Auf so einen Filialisten kann und mag eigentlich niemand verzichten. Nur: in ihrer Arroganz haben sie den Bogen dermaßen überspannt, dass einem Verleger der Kragen platzte und er trotz allem an die Öffentlichkeit ging.

Anlass war folgendes Schreiben von Angus & Robertson, unterzeichnet von Charles Rimmer, das Michael Rakusin, Chef des Tower Verlags, am 1. August in seiner Post vorfand:

„… Wir haben vor kurzem eine Analyse abgeschlossen, um unsere Lieferanten hinsichtlich des Nettogewinns zu klassifizieren, den sie für unser Unternehmen generieren. Wir sind zu der Erkenntnis gelangt, dass wir viel zu viele Lieferanten haben und dass über vierzig Prozent unserer Konditions-Vereinbarungen mit Lieferanten unseren Profitabilitätserfordernissen nicht genügen. Sie werden verstehen, dass diese Situation in einer Zeit weiterhin steigender Geschäftskosten für uns unersprießlich ist, und wir haben daher keine andere Wahl als rasch zu handeln, um sie zu korrigieren.

Demgemäss werden wir die Zahl unserer Lieferanten rationalisieren und für alle Einkäufe eine Mindestgewinnquote festlegen, die wir von unseren Lieferanten erwarten.

Ich teile Ihnen dieses mit, weil TOWER BOOKS in die Kategorie der Lieferanten mit einer für uns inakzeptablen Profitabilität fällt.

Infolgedessen möchten wir Sie bitten, die beiliegende Rechnung bis zum 17. August zu begleichen. Die Summe stellt die Gewinn- Lücke dar, die Ihr Unternehmen verursacht hat und deren Begleichung rückt Ihr Unternehmen von einem inakzeptablen Gewinnpegel in einen Bereich oberhalb unserer Mindestgewinnschwelle.

Falls Ihre Zahlung nicht bis zum genannten Termin eingehen sollte, bleibt uns keine andere Wahl, als Sie von der Liste unserer autorisierten Lieferanten zu streichen, und Sie werden keinen weiteren Geschäftsverkehr mit uns führen können, bis die Zahlung erfolgt ist.

Außerdem füge ich diesem Brief ein von Ihnen auszufüllendes, an mich zurückzusendendes Formular mit Ihren Konditionsvorschlägen für unser am 1. September 2007 endendes Geschäftsjahr bei. Wir haben dabei folgende Erwartungen:

——- Alle Konditionsvereinbarungen enthalten einen Standardrabatt, einen Wachstumsrabatt und ein Minimum an finanzieller Kooperation, um eine Teilnahme an unseren Marketing-Aktivitäten zu ermöglichen.

——- Wachstumsrabatte werden wirksam, sobald unsere Einkäufe bei Ihnen 1 A$ (einen australischen Dollar – G.B.) gegenüber dem Vorjahr übersteigen.

——- Sämtliche dieser Rabatte sind künftig vierteljährlich für die Leistungen des vorausgegangenen Vierteljahres zahlbar. Sie haben zu gewährleisten, dass Ihre Überweisung sowie die ihr zugrundeliegenden Berechnungen bis zum 7. eines jeden Monats nach Ende des jeweiligen Vierteljahres eintrifft. Fällige Überweisungen, die bis zu diesem Datum nicht eingegangen sind, werden mit einem Tageszins von 5 Prozent belastet.“

Einen entsprechenden Brief erhielten 46 weitere Verlage, behauptete Angus & Robertson nach dem öffentlichen Aufschrei. Laut Australischem Verlegerverband waren es freilich über 160 – rund zwei Drittel seiner Mitglieder – denen das Schreiben zuging.

Für Tower Books lag eine Rechnung über A$ 20.000 bei; bei den übrigen Verlagen reichte die Spannweite der Forderungen von A$ 2.500 bis A$ 100.000 – letztere entspricht ungefähr 60.000 Euro.

Dass Großbuchhändler immer wieder höhere Konditionen fordern, scheint inzwischen normal. In diesem Fall aber verletzt einer sogar geltende Vereinbarungen. Er verlangt – vier Wochen vor Ende eines Geschäftsjahres, RÜCKWIRKEND für elf Monate – von den Verlagen einen Ausgleich für die Differenz zwischen seinem konzernintern festgelegten Gewinn-Plan-Soll und dem sich abzeichnenden tatsächlichen Jahresgewinn und legt diese Differenz proportional um auf die mittleren und kleinen Verlage. (Mit den Großverlagen hat A& R laut Michael Rakusin sowieso „sweetheart“-Beziehungen.)

Wohlgemerkt: Angus & Robertson spricht nicht davon, dass er ein Verlustjahr erwartet. Er wird lediglich sein Planziel nicht erreichen. Charles Rimmer gibt auch nicht bekannt, wie hoch der geplante Gewinnsatz seines Konzern ist. Insofern ist die verlangte Zahlung für die Verlage nicht einmal nachprüf- und berechenbar; ganz zu schweigen davon, dass der angepeilte Gewinn im Branchenvergleich unangemessen hoch sein und die Nachforderungen folglich einem Erpressungsversuch mit dem Ziele einer Umverteilung von Arm zu Reich gleich kommen könnten, der etliche Kleine, wie man hört, gar in Existenznot brächte.

Obendrein wurde von einer prompten Begleichung – innerhalb von zwei Wochen – abhängig gemacht, ob ein Verlag ausgelistet wird oder nicht. Über die zitierten für die Zukunft kategorisch eingeforderten Konditionen – nichts da von Konditionsverhandlungen – mag jeder Leser sich seine eigenen Gedanken machen. Sie sind weltweit jedenfalls bisher gleichermaßen ebenfalls unerhört einmalig.

Der ganze Vorfall hat noch eine lehrreiche Hintergrundgeschichte. Angus & Robertson hat seit den 1970er Jahren mehrmals den Besitzer gewechselt – in direktem Zusammenhang mit seiner enormen Expansion. In den 1990ern folgte auf das Pressegrosso/Verlagshaus Gordon & Notch die Freizeitwaren-Handelskette Brash, die viele Läden neu ausgestattete sowie um weiteren Wachstums willen Angus & Robertson mit dem Regionalfilialisten Bookworld fusionierte. Dann wurde er an den neuseeländischen Branchenprimus Whitcolls verkauft, der 2001 seinerseits vom englischen Handelskonzern W.S. Smith übernommen wurde.

Heute sind Whitcolls und Angus & Robertson Eigentum der Finanzinvestmentgruppe Pacific Equity Partners. Der gedenkt sie dem Vernehmen nach nun an die Börse zu bringen – da wäre eine Aufhübschung der Bilanzen gewiss dienlich.

Im Gespräch ist aber auch eine andere Sache – dass Whitcolls mit Angus & Robertson die angeblich zum Verkauf stehenden amerikanische Buchhandelskette Borders aufkaufen möchte – wozu natürlich ein vermehrter Kapitalgewinn ihrerseits hilfreich sein dürfte.

Daraus resultiert ein Argwohn vieler Australier: Das Vorgehen der A&R-Manager sei nur ein Versuch, die Verlage zur Mitfinanzierung einer weiteren Expansion oder Kaufpreissteigerung von Angus & Robertson zu veranschlagen. Beides aber läge letztendlich nur im Interesse von Pacific Equity.

Die Geschichte ist damit noch keineswegs zu Ende. Fortsetzung folgt.

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

Weitere Beiträge der Kolumne „Beckmann kommentiert“ finden Sie im Archiv unter dem Stichwort: „beckkomm“.

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