Feuilletons, Autoren, Verleger und Lektoren: Passt auf. In einigen (wenigen, sich selbst als führend und prominent stilisierenden) deutschen Literaturagenturen weht ein falscher Wind

Es wäre in diesen Tagen des Gedenkens an das Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Herrschaft vielleicht angebracht, auch einmal an Folgendes zu erinnern: Der „neue“ Beruf des Autoren- bzw. Literaturagenten ist in Deutschland und Großbritannien zeitgleich entstanden, in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es waren Hitler und seine Chargen, die diesen ehrwürdigen, wichtigen Beruf in unserem Lande verpönten, seine bis Anfang der 1930er Jahre recht zahlreich gewordenen Vertreter ihrer Arbeitsmöglichkeiten beraubten, sie entehrten und vertrieben – weil wohl die meisten von ihnen jüdischer Herkunft waren.

Nach 1945 wurden Literatur-Agenten für Deutschland dann wieder wichtig, sehr wichtig sogar, in den ersten Jahrzehnten im wesentlichen als Repräsentanten angelsächsischer Autoren-Agenturen und Verlage. Die ersten deutschsprachigen Profis – gewöhnlich mit Sitz in Zürich – haben beispielhaft seriös gute Arbeit geleistet im Dienste ihrer Autoren und im Interesse der hiesigen Verlage. Sie haben übrigens gelegentlich auch die Geschäfte deutschsprachiger Autoren besorgt – Ruth Liepman etwa für die Werke von Ernst Weiss, Inge Scholl, Erich Fromm und Norbert Elias; Eva Koralnik (Agentur Liepman) für Masha Kaleko; Paul Fritz für Hildegard Knef und Rainer Heumann (Mohrbooks) für Stefan Heym und Willy Brandt.

Und sie haben – auf Dauer – insgesamt mehr zu einer Entkrampfung und positiveren Gestaltung des seit jeher schwierigen Verhältnisses zwischen Verlagen und Autoren beigetragen als alle Verlegervereinigungen und der gewerkschaftliche Verband Deutscher Schriftsteller (VS, heute Teil von verd.i) – vor allem dadurch, dass sie dem hier zu Lande bis dahin ignorierten Aspekt, dass jeder Autor (auch) ein Einzelunternehmer ist, Geltung verschafften und in den Verträgen mit Recht gewisse Grundkonditionen für Autoren allgemein machten.

Es hat – das war und ist manchmal unumgänglich – Auseinandersetzungen gegeben. Doch die deutschen Verlage haben die Agenturen prinzipiell achten und sogar schätzen gelernt, und die Agenten haben die Verlage grundsätzlich respektiert. Sie haben, wenn nötig oder erwünscht, mit Ratschlägen nicht zurückgehalten oder Kritik geübt. In die Tagesarbeit der Verlage eingemischt aber haben sie sich nie. Das war (und ist) auch nicht ihr Beruf.

Seit den 1980er Jahren sind dann literarische Agenturen entstanden, die sich dezidiert oder ausschließlich deutschsprachigen Autoren widmen. Inzwischen existieren wohl über einhundert. Gut so. Es gibt auch kaum einen Publikumsverlag mehr, der sie kategorisch ablehnt. Sogar Suhrkamp hat, was vor fünf Jahren noch unvorstellbar schien, neuerlich das eine oder andere deutscheAutorenrecht über eine literarische Agentur erworben.

Nun ist es seit jeher Usus (und richtig), dass ein Agent sich beim Verlag meldet, wenn für einen seiner Autoren etwas schief gegangen ist oder läuft, bzw. wenn der Autor dort schlecht behandelt wird. Dann hat ein Agent sich freilich (und so ist es wiederum richtig) an den Verleger, Verlagsleiter oder Lektor gewandt, dem er die Rechte am Werk dieses Autors verkauft hat.

In jüngster Zeit ist jedoch ein anderer, befremdlicher Stil aufgekommen, meines Wissens nur bei zwei oder drei Agenten aus Gründungen eher neueren Datums.

Im Unterschied zu ihnen haben die allermeisten ihrer Kollegen als gelernte Buchhändler – wie beispielsweise Peter S. Fritz, aus früher leitenden Lektoratsstellungen –, wie Dirk Meinecke, Petra Eggers oder Barbara Wenner, als ehemalige Verleger –, wie Joachim Jessen oder Ernst Piper, als Verlagsleiter -, wie Reinhold G. Stecher; Michael Meller, als Vertriebschefs -, wie Liane Kolf – oder als langjährige Leiterinnen von Presse- oder Lizenzabteilungen in Verlagen – eine generell oder zumindest partiell profunde Kenntnis des Marktgeschehens.

Wenn dagegen sie – mit eher marginalem Branchehintergrund – neuerdings versuchen, direkt in die Abläufe, unmittelbar in die Arbeit der Abteilungen für Werbung, Vertrieb und Marketing oder Presse- und Öffentlichkeitsarbeit einzugreifen, um sie nach ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen zu steuern, so ist das grundsätzlich nicht in Ordnung.

Das alles hätte die Branchenöffentlichkeit ja vielleicht nicht sonderlich interessieren müssen. Durch die Literaturbeilage einer großen deutschen Tageszeitung zur Leipziger Buchmesse ist die Sache aber – einzig und allein aus der fragwürdigen Perspektive solcher Agenten – erstmals medial, also öffentlich allgemein, projiziert worden. Und das scheint mir nun doch eine Kommentierung herauszufordern.

Die Buchhandels- und Verlagswelt befindet sich im Umbruch eines Strukturwandels – wie die gesamte Wirtschaft. Das führt, bedauerlicherweise, hier und da auch zu personellen Konsequenzen wie Entlassungen und Umbesetzungen (obwohl Wechsel auch immer wieder, notabene, auf Karrieresprünge zurückgehen). Zugegeben: Im vergangenen Jahr ist insbesondere die große Ullstein-Heyne-List-Gruppe zerschlagen und aufgeteilt worden; bei der teils radikalen Neuordnung der betroffenen Verlage ist es, zugegeben, auch zu etlichen unschönen Personalentwicklungen gekommen. Dass Autoren regulär laufend sozusagen über Nacht ihre Lektoren verlieren, wie eine Agentin in besagter Literaturbeilage behauptet, ist eine ziemlich krasse Übertreibung. In diesem Punkt gibt es für Autoren kaum einen Grund, einen Agenten zu nehmen, um eine kontinuierliche Betreuung zu finden. In den meisten deutschen Häusern – ja, auch bei Random House – herrscht auf der Leitungs- wie Lektoratsebene eine geradezu erstaunliche Kontinuität.

Die offenen oder unterschwelligen Seitenhiebe gegen Lektoren sind unbegreiflich. Lektoren leisten keineswegs nur redaktionellen Kleinkleckerkram an Manuskripten. Sie wissen in der Regel sehr wohl, wie und ob die Geschichte bzw. Dramaturgie eines Romans funktioniert, können (und müssen) also die zunächst wesentliche Qualität eines Romans beurteilen. Summa summarum kommen die Titel der deutschen Verlagsprogramme, die deutschsprachige hohe Literatur betreffend, schätzungsweise höchstens zu fünf Prozent über Agenturen, bei der Unterhaltung, Sachbuch und Ratgebern mögen es – Originaltaschenbücher einbegriffen – vielleicht um die fünfzehn Prozent sein. Lektoren sind folglich nach wie vor die maßgeblichen Entdecker und Entscheider. Unverzichtbar ist ihre Arbeit übrigens auch bei der Prüfung von agentur-eingereichten Manuskripten. Sie sind es schließlich, die über eine Aufnahme ins Programm zu entscheiden haben – und auch ein Großteil der Agentur-Texte ist qualitativ und in puncto Verkäuflichkeit eher bescheiden.

Aus der Luft gegriffen scheint eine Behauptung der Redakteurin des „Tagesspiegel“, derzufolge 85 Prozent der erfolgreichen Buchtitel in den vergangenen Jahren aus den zwölf führenden bzw. größten Agenturen gekommen sind. (Zumal fremdsprachige Werke nicht in diesen Zusammenhang fallen.) Die genannte Quote ist womöglich dreifach überhöht.

Wahrheitshalber müsste hinzugefügt worden sein, dass die deutschen Agenturen den Verlagen auch zahlreiche Flops angedient haben, darunter eine Menge extrem kostspieliger Flops, wegen viel zu hoher Vorschüsse. Der mit der zitierten Aussage wohl bezweckte Eindruck, Agenturen seien für Autoren wie für Verlage quasi Erfolgsgaranten, stimmt in dieser Form jedenfalls nicht.

Autoren und Feuilletons sollten sich hüten, die (manchmal in der Tat traurigen) Realitäten mit der eigenen Idealprojektion solcher Agenten in Vergleich setzen.

So haben etwa die klassischen alten Agenten ganz bewusst oft nicht dem Verlag mit dem höchsten Vorschussangebot den Zuschlag für ein Werk gegeben, sondern dabei (in Beratung und Absprache mit dem Autor die dem jeweiligen Autor gemäße Besonderheit von Programm, Marketing und Renommee berücksichtigt – womit sie übrigens, keineswegs zum Schaden der Autoren, oft auch dazu beigetragen haben, kleineren Verlagen ein Überleben zu ermöglichen.

Für den einen oder andern neueren deutschen Agenten dagegen scheint die Höhe des Vorschusses zum Fetisch geworden zu sein. So etwas mag einem Autor für den Augenblick schnelles Geld in die Kasse scheffeln, hat aber schon etlichen geschadet, wenn sie auf diese Weise beim falschen Verlag landeten oder gar bald als „Flop“-Produzent ausrangiert wurden (weil der Mond-Vorschuss nicht im Entferntesten eingespielt wurde).

Es ist gewiss richtig, dass Verlage nicht immer und in allem im Interesse der Autoren handeln. Das gilt jedoch nicht minder für solche Agenten, die im übrigen unverhältnismäßig stark zu großen Häusern tendieren und mit dem Vorschusswedel nicht selten Autoren abwerben, die überhaupt nur dank der Entdeckung, des Aufbaus und der spezifischen kreativen Leistungen kleiner Häuser groß geworden sind (Wenn ein von ihnen lediglich über eine finanzielle Vorleistung gedeichselter Wechsel in die Hosen geht, rümpfen gerade solche Agenten dann über die Großen die Nase, weil sie nicht mehr – oder auch nur Gleiches – zu leisten vermögen wie die Kleinen.)

Das Verlagsgeschäft war schon immer schwierig. Mittlerweile ist der Buchmarkt auf Grund seiner rasanten Veränderungen für Publikumsverlage jedoch schlicht zu einer Artblack box geworden. Wenn nun einige Agenten meinen, ihn besser zu kennen und ihn selbst über eine Steuerung der Verlage direkt beeinflussen zu vermögen so kann es nur schier ungläubiges Erstaunen wecken; denn die allermeisten Agenten haben vom aktuellen Verlagsgeschäft und von den (zunehmend rätselhafteren) Mechanismen des Marktes so viel Ahnung wie die sprichwörtliche Jungfrau, die zum Kinde kommt

Agenten mögen, wie in dem Supplement des „Tagesspiegel“, eine oft mangelhafte Werbung seitens der Verlage monieren. Doch auf den Verkauf eines Titels haben, wie eine Studie nach der andern bestätigt, Publikumsanzeigen minimale Auswirkungen. Sie bedeuten in der Regel bloß unangemessen teure Selbstdarstellungen und – vor allem – Gefälligkeiten gegenüber Autoren, die noch immer – nicht zuletzt aus Eitelkeit – an dergleichen Formen von Werbung glauben. Wenn also gewisse Agenten sich in die Verlagsarbeit einmischen, um dergleichen Werbemaßnahmen konkret zu forcieren, kann es eigentlich bloß den Zweck haben, sich – im eigenen Interesse von Kundenbindung – bei ihren Autoren beliebt zu machen.

Ein Schlüssel zum Erfolg von Büchern ist mehr denn je die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Die in den Verlagen dafür zuständigen Abteilungen sind längst aufgestockt, ihre Mitarbeiten arbeiten heute generell professioneller als früher. Dennoch sind ihre Kräfte- und Zeitressourcen begrenzt. Sie wären aber – selbst wenn das Personal verdoppelt oder verdreifacht würde – außerstande, jeden einzelnen Wunsch jeden Autors zu erfüllen. Autoren haben oft geradezu aberwitzige, unmögliche Vorstellungen und Anforderungen und können damit, wenn penetrant, diese Menschen über Gebühr strapazieren und ihre tägliche Arbeit gehörig durcheinanderbringen. Das trifft anscheinend insbesondere auf populäre Sachbücher zu und da wiederum vor allem auf Autoren, die selbst aus dem Medien-Umfeld kommen und sich – wie heutige Journalisten es gern tun – für Götter oder mindestens für Halbgötter halten, ohne wahrhaben zu wollen, dass sie – außerhalb des sie tragenden pauschal bezahlten Mediums – auf dem Buchmarkt, wo jeder Interessent für ihren Auftritt 20 Euro oder mehr hinzulegen hat, in der Regel auch nur nackt dastehen.

Noch einmal: Dass die Pressearbeit der Verlage mit den Autoren gemeinsam konzipiert wird, scheint notwendig (zumal ihre engagierte Mitarbeit mehr denn je verlangt wird). Wenn jedoch Autoren – und sei es auf „Anregung“ ihrer Agenten – und Literaturagenten selbst die täglichen Aktivitäten Punkt für Punkt selbst zu bestimmen, abzufragen oder zu kontrollieren suchen, gibt es ein verlagsinternes Problem, das sich für Autoren und Agenten selbst zu einem horrenden Problem ausweiten kann.

Es kann bis zu emotionalen Blockaden gegenüber dergleichen Autoren kommen. Die – heutzutage ohnehin über die Maßen geforderten – Damen und Herren in den Presseabteilungen sind weder Dienstsklaven noch ist von ihnen ein Nanny-Service zu erwarten. Wer ihr – oftmals selbstauforderndes, vielfach weit übers Selbstverständliche hinausgehendes, gutwilliges – Engagement – herrisch als Frondienst nutzen will, stellt sich damit nur selber ein Bein.

Da könnten auch Agenten sich ins Bein schießen. Es könnte soweit kommen, dass Verlage von ihnen nur mehr die Rechte erwerben, die sie für unverzichtbar und absolut notwendig halten und auf alle übrigen Angebote solcher Agenturen dann lieber verzichten. Das heißt jedoch: Solche Agenten hätten den von ihnen angeworbenen und vertretenen Autoren alles in allem einen Bärendienst erwiesen.

Im Kern geht es wohl um folgendes, und dafür scheint der aus Interview und Bericht gemixte Beitrag im Supplement des „Tagesspiegel“ signifikant: Es sieht so aus, als ob sich neuerdings einige wenige – ihrer Prominenz allzu sichere – Vertreter deutschsprachiger Autoren – um mehr Klienten zu gewinnen – auf Kosten und gegen die Verlage profilieren wollten.

So etwas wäre – im Sinne des eingangs erwähnten, ehrwürdigen, inzwischen etablierten Agentenberufs – nicht nur unprofessionell, weil solche Agenten ihre eigene Rolle schlicht falsch einschätzen.

Es ginge auch total an den heutigen Realitäten der Verlagswelt und des Buchmarkts vorbei – letztlich zum Schaden der Autoren.

Ein Agent ist ein –eminent wichtiger – Vermittler von Autorenrechten, „erster Leser“ und Sachwalter von Autoren. Ein Buchmacher, wie die Schlagzeile des „Tagesspiegel“ unterstellt, ist er nicht.

Wer in der Zusammenarbeit von Autor und Verlag laufend dazwischenfunkt, um Autoren zu zeigen, dass ohne ihn, den Agenten, nichts geht, beschädigt das Image von Literaturagenten, das – nach dem Zweiten Weltkrieg und der Nazi-Zeit –in Deutschland aufzubauen ohnehin viel zu lang gedauert hat.

Solche Agenten schaden den Interessen der Autoren.

Wehret den Anfängen.

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