Der Messe-Mayer Freitag: Serben, Suppe und Steiners Rudolf

Liebe Freunde,

heute war bereits Freitag, und ich habe endlich das Gastland gefunden! Es scheint sich um Serbien zu handeln. In Frankfurt nimmt das Gastland immer dermaßen viel Raum und Aufmerksamkeit ein, dass es sich durch ganze Stockwerke, Musikdarbietungen und Kunstinstallationen sogar bis in die Speisekarten niederschlägt.

In Leipzig bekommt das Gastland immerhin einen ganzen Stand.

Dort werden alle Deutschen Schwaben genannt!

Aber dort erfährt man so einiges. Der Serbe nennt die Deutschen gerne „Unsere Schwaben“, bzw. auch „schwäbische Teufel“, wenn sie sich gar zu deutsch gebärden. Dem Serben kommt jeher alles deutsch vor, was zu gut funktioniert. Der Deutsche hingegen lehnt sich bei Hegel an und zieht eine saubere Trennlinie zwischen der Zivilisation und dem wilden Südosteuropa, damit die geschichtslosen Barbaren kapieren, wo der Schwabe seine Hutschnur hat.
Das ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt aus der langen kulturellen Freundschaft zwischen Serben und Deutschen, aber der enthält ja doch ein paar Wesentlichkeiten.

Apropos Hutschnur: Die ulkige Requisitenzusammenwürfelung von ServusTV, die ich erst am Donnerstag als Denis-Scheck-affektiv klassifizierte, ist tatsächlich der bleibende Messe-Hintergrund für alle Sendungen von ServusTV. Erst heute sah ich nämlich die gleiche Deko an anderer Stelle für eine weitere Aufzeichnung. Das ist also Absicht.

Hallo Spencer meets Wiener Opernball:
Immer mit mobilem Kronleuchter

Apropos Absicht: Auch heute bin ich wieder mit der festen Absicht am Frankfurter Messestand vorstellig geworden, die Suppe des Tages serviert zu bekommen. Heute bekam ich eine klassische, vorgeblich isländische Gemüsebrühe mit Lammfleisch. Die Islandnomenklatur soll auf das kommende Gastland hinweisen und ist ansonsten einfach erfunden. Die Gemüsebrühe war lecker, aber die wäre so auch beispielsweise in Italien, Irland oder sonstwo serviert worden.

Als isländische Suppe hätte sicher irgendein krasses, erdfermentiertes Stück Fisch hineingehört. Das hat noch Zeit bis Oktober. Matthias Seuring hat da sicher weniger Hemmungen.

Maren Ongsiek ist paradoxerweise als Frankfurtpersonal in Leipzig viel leichter zu finden. In Frankfurt ist sie überall, aber in Leipzig ist sie wenigstens am Stand.

Eingeschworene Hessen machen sich schon mal warm für den Oktober

Zur Festigung unserer Seilschaft bekomme ich etwas überreicht, das ich mir schon seit Jahren wünsche: Eine echte Frankfurter Messetasse. Die Island-Edition mit einem Spruch von Halldór Laxness drauf!

Wer nicht in der Poesie lebt, überlebt hier auf der Erde nicht.

…und schon gar nicht ohne Kaffeetasse.

Kein Messegeschenk hat mich je so gefreut, und Frau Ongsiek darf sich auf Freikarten für meinen nächsten Satireabend freuen.
Das neue Programm dürfte im Februar 2012 fertig sein.

Menschen – und gerade in Leipzig wirken sie alle besonders menschlich. Hier treffe ich zum Beispiel im Innenhof Dieter Moor, der zeigt, dass auch ein Dieter Moor mal eine Zigarettenpause braucht. Autor Rayk Wieland wird wahrscheinlich als nächstes geraucht.

Kulturschaffend erschöpft: Wieland und Moor

Nach Moor, dem Riesen, darf Alwis, der Troll, nicht fehlen. Alwis kräht mich mit einer Stimme an irgendwo zwischen goldig und Puppenspielerallzwecksopran, aber das reicht schon, damit ich ihn niedlich finde. Alwis ist eigentlich der Autor und Verleger, aber der Alwistroll ist das pädagogisierende Alter Ego, der sich in Lernbuch und auch Schaumstoff niederschlägt.

Hat wahrscheinlich miserable Brenneigenschaften.

Den Dieter Moor könnte man bestimmt auch gut aus Schaumstoff nachbauen, so rein physiognomisch schon mal.

Jemand, an dem ich baulich erst mal nichts zu verändern wüsste, ist Sonya Kraus. Die halbseidene Moderatorin und Klischeeblondine hat das große Glück, klug, entschlossen und gründlich zu sein, und das große Pech, lauter Berufe auszuüben die so wirken, als müsse man nix können.

Sonya Kraus‘ Buch ist bei Bastei Lübbe erschienen und heißt Wenn das Leben dir eine Zitrone gibt, frag nach Salz und Tequila, und das ist fast schon Etikettenschwindel. Zumindest für jeden, der hier heiße Luft und die Weisheiten von Carrie Bradshaw erwartet. Den übrigen Lesern sei angekündigt, dass es hierin versehentlich um NLP und Substanz geht.

Substanz ist jedenfalls schon mal naheliegend

MM: Sonya, Du bist auch ein Frankfurter Mädsche?
SK: Ei sischer! Haste des net gewusst? Geboren im Uniklinikum!
MM: Benutzt Du diesen fantastischen Dialekt auch mal vor der Kamera?
SK: Immer wieder und immer wieder gerne.
MM: Du erfüllst ja zwei, drei sehr festgefahrene Blondinenklischees und hast auch noch lauter Berufe wie aus dem Märchenbuch, und jetzt willst Du den Lesern erklären, wie sie ihr Leben in den Griff kriegen sollen?
SK: Ich will ihnen nur zeigen, was der Flow ist.
MM: Du scheinst ja Deine Hausaufgaben gemacht zu haben. Das ganze Fundament erforschten und reflektierten Glückserlebens, NLP oder die Flow-Theorien von Mihaly Csikszentmihalyi sind ja nicht jedermanns Sache und haben auch nicht viel mit Tequila zu tun.
SK: Dass ich in diese Themen hineingerutscht bin, war mehr ein Versehen. Ich hatte ja auch einige Schicksalschläge zu verarbeiten und muss ja wie jeder Mensch ebenfalls mit dem Leben umgehen. Erst als ich die Recherchen zu meinem Buch vorantrieb, habe ich allmählich gemerkt, dass vieles von dem, was mir hilft oder intuitiv sinnvoll scheint, tatsächlich bereits einen Namen hat. Dass das dann NLP heißt, ändert nichts an meiner Botschaft: Dass man sein Leben in die Hand nehmen muss.
MM: Du hast auch am English Theater in Frankfurt eine Saison lang eine Hauptrolle gespielt. Was war das für eine Erfahrung?
SK: Das war wunderbar. Das gründliche Arbeiten und das Proben gibt es beim Fernsehen gar nicht. Und ich hatte zunächst wahnsinnige Angst wegen der hohen Bürde: Ausgerechnet Sonya Kraus muss auf die Bühne, und auch noch in Englisch!
MM: Aber das Feuilleton und das Publikum waren erstaunt und hingerissen. Gibt es Wunschrollen für die Zukunft?
SK: Wegen der Geburt meines Kindes habe ich zuletzt die Mrs. Cheveley in Oscar Wildes „An ideal husband“ ablehnen müssen. Diese Chance würde ich mir ein zweites Mal wünschen.
MM: Welche Eindrücke nimmst Du von der Buchmesse mit heim?
SK: Leipzig ist toll. All die jungen Leute und Kinder, die sich für Bücher interessieren! Die Leipziger Messe ist gelebtes Buch.

Und Du, Frau Kraus, bist ein schlusssatzfähiges Interview.

Aber nicht nur gelebtes Lesen schlägt einem hier entgegen, sondern auch gebuchte Lärmbelästigung:

Ich habe Karen Duve zugehört, wie sie ihr Buch Anständig essen bei der taz vorstellte. Obwohl ich gar nicht am Stand war. Ich war beim Nachbarn eBuch, um aufzuwarten. Aber Karen Duve war so laut, dass ich auch nebenan noch in der ersten Reihe saß. Vegetarier sollten das Belästigen anderer Lebewesen generell auf ein Minimum reduzieren und schon gar nicht mit Mikrophonen ausüben.

Lorenz Borsche (links), Karen Duves Schallwellen (überall)

Am Stand von eBuch treffe ich auch Britta Meyer, die gerade das Buchhandelsjobbörsennetzwerk BuchMarktJobs ausbaut.

Meyer & Mayer, die Créme der Nachnamen

Wenn Sie also Jobangebote haben, z.B. am Messe-Sonntag tatsächlich bis zum Schluss hier zu bleiben und den Stand abzubauen, dann loggen Sie sich dort ein.

Ich versprach noch ein Bild nachzureichen,
sobald der Stand steht

Auf dem Weg der Jobbörse ist Oetinger sicher auch an das Actionpersonal für 2011 rangekommen. Als da wären:

1. Zwanzig Oksa Pollocks, frisch dem Cover entsprungen.

Und die reden auch noch synchron!

2. Ein Coolman, frisch der geschlossenen Abteilung entsprungen.

…aber hier geht gerade eindeutig etwas schief.

…Hach, irgendwie ist ja die ganze Branche eine geschlossene Abteilung. Ich habe jetzt endlich John Dieckmann kennengelernt, den Verkaufskopf bei Frech. Zwei Dinge präsentiert er mir, an die ich glauben soll – den Ting-Stift und ein Strickbuch für Vampire.

Ich denke, der Ting-Stift könnte was werden.

Die Idee ergibt Sinn (tippe ich mal)

Zwölf renommierte Verlage beteiligten sich nämlich an der Entwicklung eines interaktiven Antipp-Stiftes und seines normierten Formates, damit in Zukunft ein einziger Antippstift für verschiedene Verlagserzeugnisse passt. Das Feld der interaktiven Bücher, die auf Druckstelle lustige Geräusche machen, weitet sich nun auch auf Erwachsenenbildung und Reiseführer aus.

Die andere Sache, auf die Diekmann zu prahlen kommen will, ist die Ausweitung des Segmentes Basteln auch auf Kunst, Lifestyle und Handarbeit. Das muss aber im speziellen Beispielfall von mystisch stricken nach hinten losgehen, solange man die Kurve zu den Twilight-Fans hinkriegen will, ohne die geweihten Stricknadeln aus der Hand zu legen:

Lavendelblaue Fäustlinge und Kajal:
Hier braucht Carlsen nichts zu befürchten

Tja. Die Entwicklungen in der Branche verheißen Aufbruchsstimmung, neue technische Errungenschaften und Urbarmachungen, Trittbrettfahrerei und allerlei Originelles. Klingt wie das Twitter-Profil von Alexander Elspas, der mir bei Kein & Aber auflauert, um mich mit Gummibärchen gefügig zu machen.

Er weiß nur noch nicht, ob er sich mein Schweigen
oder einen Platz im Messe-Mayer erkaufen will

Auch Diane Kopp vom Gmeiner-Verlag lässt sich auf die heitere Messe-Endstimmung ein, obwohl wir alle noch ein paar Tage vor uns haben. Das ist halt auch das Schöne an Leipzig: Hier herrscht vom ersten Tag an eine so gemütlich Feierabendstimmung!

Gmeiner & Aber

Hier lerne ich auch Claudia Schreiber kennen, die Autorin von Emmas Glück. Wer es schafft, dass man einen Mörder wie Jürgen Vogel liebhat, der hat ohne Zweifel eine besondere Hand für Geschichten.

…und für die Morellen des Schattens.

Ihr neuestes Buch bei Kein & Aber heißt Schattenmorellen. Ja,ja, Château de Moreilles, ich weiß. War ja nur ein Scherz. Das müssen Sie mir ohnehin grundsätzlich nachsehen: Auf einer solchen Messe sind die Eindrücke so vielgestalt, dass ich nur schwerlich filtern kann.

Oder hätten Sie gewusst, dass Rudolf Steiner nicht nur Vertriebschef bei Freies Geistesleben ist, sondern auch noch als Schauspieler unter dem Namens Jeremy Irons arbeitet?

Welcher Bücherwagendienst, Mister Irons?

Sehen Sie!

Ich wünsche Ihnen einen geschäftigen Samstag, aber achten Sie auf lavendelblaue Untotenfäustlinge.

Ihr
Matthias Mayer

herrmayer@hotmail.com
www.herrmayer.com

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